Eine Grafik aus Dänemark geht derzeit durch die sozialen Netzwerke. Ihre Botschaft ist brisant: Männer palästinensischer Herkunft sollen in Dänemark in fast allen wichtigen Kriminalitätskategorien massiv überrepräsentiert sein.

Die genannten Werte sind drastisch. Bei Erpressung soll der Index 27-mal höher liegen als bei dänischen Männern. Bei versuchter Tötung 20-mal. Bei Raub 16-mal. Bei Vergewaltigung 12-mal. Bei Einbruch 10-mal. Bei Diebstahl 8-mal.

Verbreitet wurde die Grafik unter anderem vom Portal Visegrád24. Sie beruft sich auf öffentliche Daten von Danmarks Statistik, der staatlichen Statistikbehörde Dänemarks.

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Dänemark zählt, was andere lieber nicht zeigen

Der Fall ist heikel. Aber gerade deshalb ist er interessant. Denn Dänemark macht etwas, was viele andere europäische Länder nicht oder nur sehr eingeschränkt tun: Es veröffentlicht Kriminalitätsdaten detailliert nach Herkunft, Alter, Geschlecht und Delikt.

Grundlage der Auswertung sind zwei Datensätze der dänischen StatBank: eine Kriminalitätsstatistik über schuldig gesprochene Personen nach Delikt und Herkunft – und eine Bevölkerungsstatistik nach Herkunft, Alter und Geschlecht. Erst die Kombination beider Tabellen zeigt, ob eine Herkunftsgruppe im Verhältnis zu ihrem Bevölkerungsanteil bei bestimmten Delikten über- oder unterrepräsentiert ist.

Genau das macht die dänischen Daten so brisant. Es geht nicht bloß um Verdächtige. Es geht um Personen, die in der Statistik als schuldig geführt werden.

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Die heikle Palästinenser-Frage

Besonders viel Aufmerksamkeit erregt nun die Auswertung zu Männern palästinensischer Herkunft. Sie soll zeigen, dass diese Gruppe bei zahlreichen Delikten weit über dem dänischen Vergleichswert liegt.

Doch hier ist ein wichtiger Punkt nötig: In der amtlichen Kriminalitätstabelle erscheint „Palästinenser“ nicht einfach als fertig abrufbare Kategorie. Dort wird nach Herkunftsländern unterschieden – etwa Dänemark, Somalia, Irak, Syrien, Libanon oder Israel.

Die Kategorie „Palästinenser“ in der viral verbreiteten Grafik beruht daher offenbar auf einer zusätzlichen Auswertung und Zusammenführung mehrerer Herkunfts- und Bevölkerungsdaten. Das macht den Befund nicht automatisch falsch. Aber es macht ihn erklärungsbedürftig.

Entscheidend ist daher die Methodik: Welche Herkunftsdefinition wurde verwendet? Wie wurde der Index berechnet? Und wie wurden Sonderfälle wie Staatenlosigkeit oder historisch anders erfasste Herkunftsgruppen berücksichtigt? Genau diese Fragen müssen bei der Interpretation der Grafik mitgedacht werden.

Denn ein Teil der palästinensischen Community in Dänemark wurde historisch nicht immer schlicht als „Palästina“ erfasst. Auch Herkunftskategorien wie Libanon oder Staatenlosigkeit spielen dabei eine Rolle. In Dänemark leben seit Jahrzehnten staatenlose Palästinenser, unter anderem mit Bezug zum Libanon.

Seriös formuliert heißt das: Eine aktuelle Auswertung auf Basis dänischer StatBank-Daten sieht Männer palästinensischer Herkunft in zahlreichen Kriminalitätskategorien massiv überrepräsentiert. Die amtliche Datenbasis existiert. Die konkrete Zuordnung „palästinensisch“ ist jedoch eine methodische Auswertung – keine einfache Einzelspalte in der Kriminalitätstabelle.

Warum die Zahlen politisch brisant sind

Auch unabhängig von der genauen Palästinenser-Zuordnung zeigen die offiziellen dänischen Statistiken seit Jahren deutliche Unterschiede zwischen Herkunftsgruppen.

Gerade bei männlichen Einwanderern und Nachkommen aus nichtwestlichen Herkunftsländern fallen in den dänischen Berichten immer wieder stark erhöhte Kriminalitätsindizes auf. Besonders häufig genannt werden Gruppen aus Somalia, Irak, Syrien und Libanon.

Das heißt nicht, dass die Mehrheit dieser Gruppen kriminell wäre. Ein Index zeigt relative Überrepräsentation – nicht kollektive Schuld. Aber wenn bestimmte Gruppen über Jahre hinweg und über zahlreiche Deliktkategorien hinweg deutlich auffallen, ist das politisch relevant. Dann geht es nicht mehr um Einzelfälle. Dann geht es um Integration, Milieus, Bildung, Familienstrukturen, Sozialstaat und innere Sicherheit.

Der Unterschied zu Deutschland und Österreich

Auch Deutschland und Österreich veröffentlichen Kriminalitätsdaten mit Bezug auf Nationalität oder Herkunft. In beiden Ländern stehen in der öffentlichen Debatte aber meist Polizeistatistiken im Vordergrund. Sie arbeiten mit Tatverdächtigen beziehungsweise angezeigten Fällen – nicht mit rechtskräftig verurteilten Tätern.

Österreich hat zwar zusätzlich eine gerichtliche Kriminalstatistik von Statistik Austria. Sie beruht auf dem Strafregister und erfasst rechtskräftige Verurteilungen. Doch eine öffentlich ähnlich leicht nutzbare Auswertung nach dänischem Muster – verurteilte beziehungsweise schuldig geführte Personen nach Delikt, Alter, Geschlecht und detailliertem Herkunftsland, kombiniert mit Bevölkerungsdaten derselben Gruppen – steht der Öffentlichkeit nicht in vergleichbarer Form zur Verfügung.

Dänemark geht hier weiter. Dort können Bürger, Journalisten und Forscher die Kriminalitätsdaten nach Herkunftsland und Delikt mit Bevölkerungsdaten kombinieren – und so berechnen, ob einzelne Herkunftsgruppen im Verhältnis zu ihrem Bevölkerungsanteil über- oder unterrepräsentiert sind.

Diese Transparenz ist unbequem. Aber sie ist demokratisch. Wer über Migration und Kriminalität seriös sprechen will, braucht Daten. Nicht Gerüchte. Nicht Beschwichtigungen. Nicht Tabus.

Der eigentliche Skandal ist daher vielleicht nicht, dass Dänemark solche Zahlen veröffentlicht – sondern dass andere Länder es nicht tun.