Kritiker sagen, die Muslimbruderschaft nutze den Islamophobie-Vorwurf, um Kritik am Islamismus zu unterbinden. Sehen Sie das auch so?

Rauda Altenaiji: Ich spreche niemandem ab, wegen seiner Religion Hass erlebt zu haben – das gibt es. Aber ja: Die Muslimbruderschaft steht aus meiner Sicht hinter dieser Rhetorik. Sie macht Kritik am Islamismus teuer, verklagt Menschen und nennt das dann Islamophobie.

Sie benutzt den Vorwurf also als Mittel gegen Kritik?

Ja. Sie benutzt eure eigene Meinungsfreiheit gegen euch.

„Ein sicherer Hafen für Terroristen“

Welche westlichen Länder sind aus Ihrer Sicht besonders betroffen?

Ich erwähne Großbritannien so oft, weil es aus meiner Sicht zu einem Zentrum und sicheren Hafen für die Muslimbruderschaft und für Terroristen geworden ist. Dort agieren sie offen – es gibt kein landesweites Verbot, nicht einmal eine landesweite Aufklärung darüber. Das hängt auch mit der Islamophobie-Debatte zusammen.

Warum ausgerechnet Großbritannien?

Die Muslimbrüder sind gegen westliche Gesetze, Traditionen und Werte. Ihr Ziel ist es, Großbritannien, den Westen und auch Länder wie Österreich zu unterwandern, staatliche Institutionen zu übernehmen und islamistische Ideologien durchzusetzen. Am Ende steht für sie das Kalifatssystem.

„Im Westen erkennt man sie nicht auf den ersten Blick“

In der arabischen Welt gibt es offene Ableger und Parteien der Muslimbruderschaft. Im Westen bestreiten viele ihre Zugehörigkeit. Warum?

Das ist ihre Taktik. Anzug, Krawatte, glattrasiert, perfektes Englisch, Abschlüsse westlicher Universitäten – sie sehen aus, als gehörten sie selbstverständlich dazu. Intern verfolgen sie aber eine andere Agenda.

Wie funktioniert ihre Strategie im Westen?

Sie arbeitet von unten nach oben – über Universitäten, Studentenmilieus und Organisationen. An Universitäten werden Studenten in Proteste hineingezogen, die nach außen ehrenhaft wirken. Dahinter steht aber die Agenda, den Westen zu infiltrieren. Das sehen wir in der pro-palästinensischen Bewegung: Dort wird die Hamas bewundert, statt sie als das zu benennen, was sie ist – eine Terrororganisation, die als palästinensischer Ableger der Muslimbruderschaft gilt und die Gräueltaten des 7. Oktober zu verantworten hat. Diese Strategie funktioniert.

„Nützliche Idioten“

Auffällig ist: Der Muslimbruderschaft zugerechnete Personen treffen morgens Homosexuelle, nachmittags Salafisten – Welten, die kaum zusammenpassen. Gehen sie rein utilitaristisch vor?

Es gibt eine Verbindung zwischen Islamisten und linken Liberalen. Die Linke akzeptiert islamistische Bewegungen oft, weil sie stark auf Individualismus, Toleranz und Nachgiebigkeit setzt. Genau das sehen Islamisten als Chance: Diese Menschen sind weich, leicht zu kontrollieren und zu manipulieren.

Ich halte die Linke eigentlich nicht für so naiv, dass sie das nicht durchschaut.

Kennen Sie den Begriff „nützlicher Idiot“? Genau das sind viele von ihnen. Sie müssten klüger sein und erkennen, was da passiert.

„Mini-Kalifate gibt es schon“

Was ist das Endziel der Muslimbruderschaft im Westen?

Ich denke zweierlei: Kontrolle über einzelne Teile der Gesellschaft und langfristig auch politische Macht. In Großbritannien und anderen westlichen Ländern gibt es aus meiner Sicht bereits Gegenden, die man als eine Art Mini-Kalifat bezeichnen könnte. Konkrete Beispiele nenne ich lieber nicht – aber es gibt aus meiner Sicht Viertel in westlichen Städten, in die sich die Polizei wegen des Ausmaßes an Gewalt kaum noch hineinwagt. Es würde mich nicht überraschen, wenn solche Strukturen eines Tages auch auf Regierungsebene sichtbar würden.

Sie vergleichen diese Entwicklung mit dem Iran von 1979?

Die Muslimbruderschaft im Westen ist aus meiner Sicht ein direkter Stellvertreter des Irans. Wenn das so weitergeht, könnten westliche Länder eines Tages ähnlich unterdrückt sein wie die Menschen im Iran.

Obwohl die Muslimbruderschaft sunnitisch ist und der Iran schiitisch?

Ihre politischen Agenden überschneiden sich. Der Iran braucht Einfluss im Westen, dort gibt es bereits islamistische Bewegungen – für Teheran eine willkommene Gelegenheit zur Zusammenarbeit.

„Eine bewusste Provokation“

Woher kommt das Geld der Muslimbruderschaft?

Eine Mischung: staatliche Unterstützung, private Geldgeber, eigene Firmenstrukturen. Vor allem bestimmte Staaten finanzieren mit, um Einfluss im Westen zu gewinnen. Ein Beispiel: In Großbritannien gründeten Muslimbrüder aus den Emiraten eine Immobilienfirma – unter einem Namen, der mit Abu Dhabi verbunden ist. Das war für uns eine bewusste Provokation. Die Firma wurde später in den Emiraten auf die Terrorliste gesetzt. Auch Abdulrahman Hassan Munif Abdullah Hassan Al Jabri, der öffentlich mit dieser Firma in Verbindung gebracht wurde, wurde auf die Terrorliste der VAE gesetzt.

Wie ist die Muslimbruderschaft organisiert?

Sehr geheim. Laut einer Studie, die der britischen Regierung vor etwa zehn Jahren vorgelegt wurde, ist ihre Arbeitsweise so verdeckt, dass sie sich kaum erfassen lässt. Offensichtlich ist aber: Sie arbeiten über Universitäten und über Wohltätigkeitsorganisationen. Manche islamistischen – nicht islamischen – Charities können aus meiner Sicht als Finanzierungsvehikel für Hamas, Hisbollah oder die Huthis dienen. Das schadet nicht nur dem Westen, sondern auch Entwicklungsländern.

„Die Emirate haben die Gefahr früh erkannt“

Warum kam es überhaupt zum Konflikt zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten und der Muslimbruderschaft?

Weil die Muslimbruderschaft aus unserer Sicht Regierungen stürzen, die Region destabilisieren und Gewalt als Mittel der Unterdrückung einsetzen wollte, um Menschen ihrer Ideologie zu unterwerfen. Die Emirate haben diese Gefahr früh erkannt und gehandelt – bei uns standen die Menschen im Mittelpunkt. Weil wir sie verboten und strafrechtlich verfolgt haben, flohen viele nach Großbritannien: ihrem sicheren Hafen.

„Ein Verbot ist eine brillante Idee“

Im niederländischen Parlament gab es zuletzt erstmals eine Mehrheit für ein Verbot der Muslimbruderschaft. Halten Sie das für richtig?

Eine brillante Idee, die ich voll unterstütze. So schützt man seine Gesellschaft und westliche Werte. In den Emiraten leben 200 Nationalitäten friedlich zusammen – Synagoge, Kirche und Moschee stehen bei uns nebeneinander, ein Hindu-Tempel nur wenige Kilometer entfernt. Das funktioniert, weil wir Anti-Rassismus- und Anti-Extremismus-Gesetze konsequent durchsetzen und antisemitische Straftaten, auch online, verfolgen. So schützt man andere Kulturen und die eigene gleichzeitig.

Reicht ein Verbot der Muslimbruderschaft?

Nein. Wer sie nur verbietet und abschiebt, dem gehen sie einfach ins nächste westliche Land, das sie aufnimmt. Man muss sie strafrechtlich verfolgen und wegen Terrorismus zur Verantwortung ziehen. Denn sie terrorisieren Gesellschaften und rechtfertigen Gewalt. Warum sollte man Menschen dulden, die Gewalt rechtfertigen? Schützt eure Länder so, als wären sie eure Häuser.

„Was ist mit dem 7. Oktober?“

Hat der 7. Oktober die Wahrnehmung der Muslimbruderschaft verändert? Hamas gilt ja als ihr palästinensischer Zweig.

In den sozialen Medien tobt ein Medienkrieg. Das Opfer-Narrativ und übersteigerte Empathie machen viele Menschen blind für Fakten – sie folgen Emotionen, nicht Fakten. Genau darauf setzen Muslimbruderschaft und Extremisten. Aber was ist dann mit den Frauen, die am 7. Oktober vergewaltigt, misshandelt und getötet wurden? Was ist mit dem kleinen Kfir Bibas? Niemand spricht über ihn. Wenn ich Menschen frage, ob sie wissen, was am 7. Oktober geschah, höre ich oft nur: Ich weiß nur, was danach passiert ist.

Für viele beginnt die Geschichte am 8. Oktober.

Genau. Für sie beginnt alles am 8. Oktober. Der 7. Oktober wird ausgeblendet.

„Schläferzellen des Internets“

Es gibt Hinweise auf Accounts, die vor dem 7. Oktober kaum aktiv waren und danach plötzlich massiv antiisraelische Inhalte verbreiteten. Wie sehen Sie diesen Social-Media-Krieg?

Diese Accounts sind die Schläferzellen des Internets – nach demselben Prinzip wie die Zellen der iranischen Revolutionsgarden, von denen wir nach meiner Kenntnis während des Krieges mehrere in den Emiraten und in Bahrain ausgehoben haben. Diese Online-Dschihadisten rekrutieren aktiv junge Menschen, ob wissentlich oder als nützliche Idioten.

Wie kann man diesen Kampf in den sozialen Medien gewinnen?

Indem man immer wieder mit Fakten kontert, die Wahrheit ausspricht, diese Leute benennt und zur Verantwortung zieht. Das ist die Ebene von Mensch zu Mensch. Aber auch Regierungen müssen sich einbringen – nur so wird die Welt sicherer, online wie offline.

„Der Westen muss begreifen: Das ist ein Krieg“

Müssen westliche Politiker begreifen, dass das ein Krieg ist?

Ja. Während des Kriegs mit dem Iran hat die NATO geschwiegen – keine Reaktion, keine Aktion. Das war eine große Enttäuschung. Wenn der Westen schon bei einem Medienkrieg schweigt, ist das ebenso ein Problem. Die Last darf nicht allein auf den arabischen Ländern liegen, die sich bereits stark engagieren. Es braucht Zusammenarbeit zwischen beiden Seiten der Welt: stoppen, kontern, strafrechtlich verfolgen. Das mag im Westen radikal klingen – ich halte es für notwendig.

Vielen Dank für das Gespräch!

Wer ist Rauda Altenaiji?

  • Emiratische politische Kommentatorin und Publizistin
  • Studium an der New York University Abu Dhabi
  • Kommentiert auf Social Media (X: @FormulaRauda) und in Podcasts Themen wie Nahost-Politik, Muslimbruderschaft und Islamismus
  • Autorin des Buches „Andalusion” (2025)
  • Trat bei der ARC-Konferenz 2026 in London auf, wo das Interview entstand