AHS-Lehrergewerkschafter Herbert Weiß (FCG) appelliert an die Politik, sich bei Bildungsreformen stärker auf die Kindergärten zu konzentrieren. Derzeit sieht er Österreich in diesem Bereich nicht gut aufgestellt – weder bei den vergleichsweise geringen staatlichen Ausgaben noch bei den Bildungsergebnissen der Kinder. „Momentan beschäftigt man sich mit Dingen, wo es eigentlich keine Probleme gibt – Stichwort KI statt Latein. Und dort, wo man wirklich hinschauen sollte, tut man zu wenig.“
Wenn man nicht früh genug anfange, helfe alles nachträgliche „Herumdoktern” nichts, betonte Weiß im Gespräch mit der APA. Als Indiz für Reformbedarf bei der frühkindlichen Bildung sieht die AHS-Gewerkschaft etwa die Ergebnisse der letzten Ausgabe der Volksschul-Lesestudie PIRLS aus dem Jahr 2021: Laut Elternbefragung brachte im internationalen Durchschnitt ein Drittel der Kinder bei Schulbeginn wenig bis keine grundlegenden Lesefähigkeiten mit (unter anderem das Erkennen von Buchstaben, das Schreiben von Wörtern und das einfache Lesen), in Österreich waren es 62 Prozent. Passend dazu haben 80 Prozent der hiesigen Volksschulleitungen angegeben, dass an ihrem Standort weniger als ein Viertel der Erstklässler bereits grundlegende Lesefähigkeiten hatte. International lag der Durchschnitt bei 33 Prozent.
Kindergärten besser ausstatten
Es gehe ihm nicht darum, dass alle Kinder bei Schuleintritt schon lesen und rechnen können, beteuerte Weiß. Es gebe jedoch Klagen, dass Kinder die einfachsten Fähigkeiten nicht mitbrächten: Sie könnten weder einen Stift halten noch eine Schere benutzen oder einem anderen drei Minuten lang zuhören. Zwar würden viele Eltern die Entwicklung ihrer Kinder etwa durch Vorlesen fördern, aber eben nicht alle. „Da müsste der Kindergarten einspringen können”, forderte Weiß. Derzeit fehlten den Pädagogen aufgrund von Personalmangel, zu wenig Unterstützung und Gruppen mit zu vielen Kindern dafür aber schlicht die Möglichkeiten. Ihrer wichtigen Rolle für die Bildungskarriere der Kinder seien sich die Einrichtungen bewusst, betonte Weiß. „Sie würden die Kinder gerne mehr fördern, haben aber nicht die Zeit dafür.“
In der Politik sei der Fokus auf den Kindergarten als erste Bildungseinrichtung aber anscheinend noch nicht angekommen, kritisierte Weiß. Dass in diesem Bereich nichts weitergehe, könne auch an den komplizierten Zuständigkeiten liegen, räumte er ein. Die Rahmenbedingungen für die Kindergärten bestimmen die Länder, Träger sind die Gemeinden und nur die Ausbildung der Pädagoginnen liegt beim Bund. Im Rahmen der „Reformpartnerschaft” wird derzeit zumindest über einheitliche Mindeststandards, etwa beim Berufsbild und der Betreuungsqualität, verhandelt.
Eltern sensibilisieren
Aus Weiß’ Sicht müsste man neben den Bildungseinrichtungen aber auch stärker bei den Eltern ansetzen und sie für ihre Verantwortung bei der Bildung und dem Sprachenlernen ihrer Kinder sensibilisieren. „Die Eltern müssen sich bewusst sein, dass sie die Verpflichtung haben, ihre Kinder entsprechend zu erziehen und ihnen etwas mitzugeben. Das fehlt halt leider bei vielen.“ Zur Bewusstseinsbildung der Eltern sei Information allein wohl zu wenig. Ob Sanktionen, wie die Kürzung von Beihilfen, ein geeigneter Hebel wären, um mehr Kinder in ihrer Entwicklung zu fördern, könne er nicht einschätzen. „Aber man wird sich etwas einfallen lassen müssen, um die Eltern dazu zu bringen.“

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