Ein Ehrendekret als Eigentor: Selenskyj benennt eine Militäreinheit nach einem Symbol, das in Polen für Massenmord steht — und brüskiert damit den wichtigsten Verbündeten. Polens Präsident Nawrocki fordert die Aberkennung von Polens höchster Staatsauszeichnung. Auch Premier Tusk ist alarmiert.

Der Krieg gegen Russland schweißt Polen und die Ukraine seit Jahren zusammen. Doch jetzt sorgt eine Entscheidung aus Kiew für massive Empörung in Warschau.

Polens Präsident Karol Nawrocki will prüfen lassen, ob dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj der Orden des Weißen Adlers aberkannt werden soll. Es ist die höchste staatliche Auszeichnung Polens. Selenskyj hatte sie 2023 vom damaligen Präsidenten Andrzej Duda erhalten – als Zeichen der Solidarität im Krieg gegen Russland.

Jetzt steht genau diese Ehrung plötzlich zur Debatte.

Wolodymyr Selenskyj ehrte eine ukrainische Militäreinheit mit dem Namen „Helden der UPA“ – in Polen löste das Empörung aus.
Wolodymyr Selenskyj ehrte eine ukrainische Militäreinheit mit dem Namen „Helden der UPA“ – in Polen löste das Empörung aus.

Selenskyj ehrt Einheit mit UPA-Namen

Ausgelöst wurde die Krise durch ein Dekret Selenskyjs. Der ukrainische Präsident verlieh dem Spezialoperationszentrum „Nord“ der ukrainischen Streitkräfte den Ehrennamen „benannt nach den Helden der UPA“.

UPA steht für Ukrainische Aufstandsarmee. In der Ukraine gilt sie vielen als Symbol des Kampfes gegen Fremdherrschaft und für nationale Unabhängigkeit. In Polen ist der Name dagegen hochbelastet. Die UPA wird dort mit den Massakern von Wolhynien und Ostgalizien verbunden, bei denen im Zweiten Weltkrieg rund 100.000 polnische Zivilisten ermordet wurden – darunter viele Frauen und Kinder. Das polnische Parlament wertete die Verbrechen als Genozid.

„Futter für russische Propaganda“

Nawrocki reagierte scharf. Selenskyj habe mit der Ehrung einer Einheit nach den „Helden der UPA“ der russischen Propaganda „ausgezeichnetes Material“ geliefert. Er sei „sehr kritisch“ gegenüber dieser Entscheidung.

Am 8. Juni soll sich das zuständige Kapitel des Ordens des Weißen Adlers mit der Causa befassen. Nawrocki will dort die Aberkennung des Ordens für Selenskyj auf die Tagesordnung setzen.

Eine Entscheidung ist damit noch nicht gefallen. Aber allein die Prüfung ist ein politisches Signal mit Sprengkraft.

Auch Tusk kritisiert Kiew

Auch Polens Premier Donald Tusk, der sonst deutlich ukrainefreundlicher auftritt als Nawrocki, kritisierte den Schritt aus Kiew. Die Entscheidung verletze die historische Sensibilität der Polen und sei mit Blick auf die Beziehungen beider Länder besorgniserregend.

Zugleich warnte Tusk vor einer Eskalation: „Wenn Polen und Ukrainer über die Vergangenheit streiten, wird jemand anderer die Zukunft gewinnen.“

Polen bestellt ukrainischen Botschafter ein

Auch diplomatisch blieb es nicht bei Worten. Das polnische Außenministerium bestellte den ukrainischen Botschafter Vasyl Bodnar ein und legte offiziell Protest gegen die Entscheidung ein.

Für Warschau geht es nicht um eine Fußnote der Geschichte. Die Massaker von Wolhynien sind in Polen bis heute ein nationales Trauma. Für viele Polen ist jede Ehrung der UPA eine Provokation.

Ein gefährliches Signal zur falschen Zeit

Der Zeitpunkt könnte für Kiew kaum schlechter sein. Polen gehört seit Beginn des russischen Großangriffs zu den wichtigsten Unterstützern der Ukraine. Millionen Ukrainer fanden dort Zuflucht. Über Polen läuft ein großer Teil der westlichen Hilfe. Politisch, militärisch und logistisch ist Warschau für Kiew unverwertbar.

Umso brisanter die Frage: Warum setzt Selenskyj ausgerechnet jetzt ein Symbol, das in Polen als Verherrlichung historischer Täter verstanden wird? Für die Ukraine mag die UPA Teil eines nationalen Unabhängigkeitsmythos sein. Für Polen ist sie mit Mord, Vertreibung und ethnischer Gewalt verbunden. Wer diesen Unterschied ignoriert, riskiert eine gefährliche Belastung der wichtigsten Allianz in Osteuropa.