Ursula von der Leyen war am Montag bei der CDU/CSU-Fraktionsklausur in Berlin. Offiziell ging es um Wirtschaft, Außen- und Sicherheitspolitik. Nach außen dominierte vor allem ein Thema: Energie. Die EU-Kommissionspräsidentin warnte vor Europas Abhängigkeit von Öl und Gas. Europa müsse mehr Energie selbst erzeugen.
Für die Union war das ein willkommener Auftritt. Die CDU/CSU will selbst eine Hightech-Offensive. Doch hinter dem Energie-Applaus steht eine viel größere Frage: Wer bezahlt Brüssels neue Milliardenpläne?
27 Forderungen an Brüssel
Wie groß die Spannung mittlerweile ist, zeigt ein Detail aus dem Umfeld der Klausur: Laut Politico hat die Unionsfraktion ein Strategiepapier mit 27 Forderungen an Brüssel vorbereitet — ausgerechnet am Tag des Auftritts der Kommissionspräsidentin.
Kernpunkt: eine neue Aufsichtsinstanz mit Vetorecht gegen Gesetzesinitiativen der EU-Kommission. Dazu kommen strengere Kompetenzgrenzen und weniger Personal in den Brüsseler Strukturen.
Es ist ein ungewöhnlich scharfer Ton in Richtung Brüssel — und das ausgerechnet aus der Parteienfamilie der Kommissionspräsidentin. Die Union will die Gesetzgebungsmaschine der Kommission bremsen. Neue EU-Regeln sollen härter geprüft werden: Ist Brüssel überhaupt zuständig?
Doch während Berlin über Kontrolle redet, baut Brüssel längst an einem anderen Machtinstrument: Geld.
Der eigentliche Konflikt
Die EU will stärker werden. Wehrhafter. Unabhängiger. Wettbewerbsfähiger. Das Problem: Es kostet gewaltige Summen.
Der neue EU-Haushalt für 2028 bis 2034 soll rund zwei Billionen Euro umfassen. Es wäre der größte Haushalt in der Geschichte der Europäischen Union. Reuters berichtete von 131 Milliarden Euro für Verteidigung und Raumfahrt im neuen Budgetvorschlag.
Doch höhere Beiträge der Mitgliedstaaten sind politisch heikel. Deutschland spart. Österreich spart. Frankreich kämpft mit hohen Schulden. Italien auch. Viele EU-Staaten haben wenig Spielraum. Also sucht Brüssel nach anderen Wegen. Der bequemste heißt: neue EU-Anleihen.
Eurobonds ohne das Wort Eurobonds
Offiziell nennt kaum jemand das Ganze Eurobonds. Das Wort ist politisch verbrannt. In Deutschland und Österreich wäre dann sofort klar: Hier geht es um Haftung für fremde Schulden, um Transferunion, um gebrochene Maastricht-Versprechen.
Also heißen die Instrumente anders: Wiederaufbaufonds, Kurzarbeitskredite, Verteidigungsfazilität, Ukraine-Darlehen, Krisenreserve, Safe Asset. Die Namen wechseln. Das Prinzip bleibt: Brüssel nimmt Geld am Kapitalmarkt auf. Die Mitgliedstaaten stehen politisch dahinter. Eine EU-Anleihe ist eine EU-Anleihe — egal, welches Etikett darauf klebt.
Der Weg in Richtung Schuldenunion erfolgte in fünf Schritten.
NextGenerationEU: Der Corona-Dammbruch
Der große Dammbruch kam mit NextGenerationEU. Das Programm wurde 2020 beschlossen, um die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie abzufedern. Dafür nahm die EU erstmals in großem Stil selbst Schulden am Kapitalmarkt auf.
Programmrahmen: 806,9 Milliarden Euro. Ende 2025 waren EU-Anleihen im Umfang von rund 702 Milliarden Euro noch nicht zurückgezahlt und damit weiter am Markt im Umlauf. Allein 2025 emittierte die Kommission 152,6 Milliarden Euro – der höchste Jahreswert seit Programmstart.
Die Tilgung beginnt 2028 und läuft bis 2058. Damals hieß es: einmalige Ausnahme. Heute wirkt es wie der Anfang einer neuen Finanzordnung.
SURE: Kurzarbeit auf EU-Schulden
Der zweite Schritt war SURE, das EU-Programm für Kurzarbeitskredite während der Corona-Krise. Volumen: bis zu 100 Milliarden Euro. Auch hier nahm die EU Geld am Kapitalmarkt auf und reichte es als Kredite an Mitgliedstaaten weiter.
Im November 2025 begann die erste Tilgungsphase: Neun Mitgliedstaaten zahlten gemeinsam 8 Milliarden Euro zurück.
Wieder lautete die Begründung: Krise. Wieder entstand ein neues EU-Schuldeninstrument.
SAFE: Schulden für Aufrüstung
SAFE – Security Action for Europe – ist ein neues EU-Kreditinstrument für gemeinsame Rüstungs- und Verteidigungsbeschaffung. Der Rat beschreibt SAFE als Darlehensinstrument von bis zu 150 Milliarden Euro für Verteidigungsinvestitionen. Die Kommission nimmt dafür Geld auf und reicht es als langfristige Kredite an Mitgliedstaaten weiter.
Der politische Sprengstoff: Erstmals nimmt die EU offen Schulden auf, um militärische Projekte zu finanzieren. Mehrere Mitgliedstaaten wollen daraus kein einmaliges Notprogramm machen, sondern ein wiederkehrendes Finanzierungsmodell. Anders gesagt: Die EU würde regelmäßig gemeinsame Anleihen ausgeben, um Verteidigungsausgaben zu bezahlen.
Kritiker sehen darin Rüstungsanleihen durch die Hintertür — also gemeinsame EU-Schulden für Militär und Aufrüstung, ohne sie offiziell Eurobonds zu nennen.
Ukraine-Darlehen: 90 Milliarden über Brüssel
Auch bei der Ukraine-Hilfe geht es um neue Kreditmodelle. Im Dezember 2025 hatte der Europäische Rat ein Darlehen von 90 Milliarden Euro für die Ukraine in den Jahren 2026 und 2027 grundsätzlich beschlossen. Im April 2026 billigten die EU-Staaten das Paket formal — nach Aufhebung eines ungarischen Vetos, mit endgültiger Zustimmung am 23. April 2026.
Finanziert wird das Darlehen über EU-Anleihen. Abgesichert wird es über den sogenannten Spielraum im EU-Haushalt. Klingt technisch. Bedeutet aber: Der EU-Haushalt dient als Sicherheit. Und hinter dem EU-Haushalt stehen letztlich die Mitgliedstaaten.
Die Haftung wird dadurch nicht einfacher. Sie wird unübersichtlicher.
Fünfter Schritt: Der Zwei-Billionen-Haushalt
Der nächste große Hebel ist der Mehrjährige Finanzrahmen. Von 2028 bis 2034 will die Kommission rund zwei Billionen Euro mobilisieren. Der Vorschlag muss von allen Mitgliedstaaten und vom Europaparlament noch beschlossen werden.
Mehr Geld für Verteidigung. Mehr Geld für Raumfahrt. Mehr Geld für Wettbewerbsfähigkeit. Mehr Geld für Krisen.
Wenn die Staaten nicht deutlich mehr einzahlen wollen, bleiben Brüssel nur drei Wege: kürzen, neue EU-Einnahmen schaffen — oder neue Schulden aufnehmen. Kürzen ist in Brüssel unbeliebt. Neue EU-Steuern sind politisch schwierig. Also wächst der Druck zu neuen Anleihen.
Die Haftung wird unübersichtlich
Bei nationalen Schulden ist die Verantwortung klar. Ein Parlament beschließt Ausgaben. Eine Regierung trägt Verantwortung. Wähler können sie abwählen.
Bei EU-Schulden ist es komplizierter. Die Kommission nimmt Geld auf. Der EU-Haushalt dient als Sicherheit. Die Mitgliedstaaten stehen über Beiträge und Garantien im Hintergrund. Die Rückzahlung läuft über Jahrzehnte.
Am Ende zahlt der Steuerzahler. Aber wer war politisch verantwortlich? Berlin? Wien? Brüssel? Der Rat? Die Kommission? Das Europaparlament? Genau diese Unübersichtlichkeit ist das Problem.
Die politische Versuchung
Gemeinsame Schulden sind für Politiker verführerisch.
National müssen sie sparen, kürzen, Steuern erhöhen oder Prioritäten setzen. Das tut weh. Auf EU-Ebene lassen sich Kosten leichter verschieben. Die Summen wirken abstrakter. Die Verantwortung ist verteilter. Die Rechnung kommt später.
Genau deshalb ist das Vorhaben so brisant. Aus „europäischer Solidarität“ kann dauerhafte Haftung werden. Aus Krisenhilfe kann Schuldenroutine werden. Aus Zusammenarbeit kann Zentralisierung werden.
Merz sagt Nein — die Praxis sagt Jein
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sagt offiziell Nein zu Eurobonds. Auch die CDU/CSU lehnt eine Schuldenunion ab. Doch die Praxis ist komplizierter.
NextGenerationEU wurde akzeptiert. SURE wurde akzeptiert. SAFE wurde beschlossen. Das Ukraine-Darlehen ist Realität. Der neue EU-Haushalt wächst. So entsteht ein Muster.
In der Theorie bleibt man gegen Eurobonds. In der Krise stimmt man dem nächsten Sonderinstrument zu. Doch am Ende zählt nicht das Etikett. Am Ende zählt die Struktur.
Brüssel wird zur Haftungszentrale
Die Schuldenunion kommt nicht mit einem großen Knall. Sie kommt in Etappen. Erst als Corona-Ausnahme. Dann als Kurzarbeitsprogramm. Dann als Verteidigungskredit. Dann als Ukraine-Hilfe. Dann als Zwei-Billionen-Haushalt. Jeder Schritt klingt für sich plausibel. Zusammen verändern sie die EU.
Brüssel wird nicht nur Regulierer. Brüssel wird Schuldner, Geldverteiler und Haftungszentrale.
Die Schuldenuhr läuft
Auf der Bühne ging es bei von der Leyen um Kernkraft. Im Hintergrund geht es um Geld. Und am Ende geht es um Macht. Wer Schulden aufnehmen darf, entscheidet über Zukunftslasten. Wer gemeinsame Schulden schafft, schafft gemeinsame Haftung. Kurz: Wer gemeinsame Haftung schafft, verschiebt Macht von den nationalen Parlamenten nach Brüssel.
Das ist der eigentliche Konflikt hinter dem höflichen Berliner Auftritt. Die EU nennt es Handlungsfähigkeit. Kritiker nennen es Haftungsunion. Eines ist sicher: Brüssels Schuldenuhr läuft. Sie tickt schneller, als viele Bürger ahnen.

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