Die Hisbollah steht international unter Druck – und passt ihre Finanzstrategien an. Dabei rückt Europa immer stärker ins Zentrum der libanesisch-schiitischen Terrororganisation. Das zeigt eine neue Studie der österreichischen Dokumentationsstelle Politischer Islam (DPI) unter Leitung der britisch-libanesischen Nahost-Expertin Lina Khatib.

Im Gespräch mit exxpress erläutert Khatib, warum der wachsende Druck auf Teheran hier auch eine Rolle spielt: „Alles, was Iran trifft, trifft auch die Hisbollah. Iran ist ihr wichtigster Finanzier und Schutzpatron. Gerät Teheran finanziell unter Druck, sinkt automatisch auch seine Fähigkeit, die Hisbollah zu unterstützen. Das schwächt die Organisation unmittelbar.“

Die Studie untermauert diese Einschätzung mit konkreten Zahlen: Laut US-Finanzbehörden erhält die Hisbollah jährlich rund 700 Millionen Dollar aus dem Iran. Das Gesamtbudget wird auf mehr als eine Milliarde Dollar geschätzt – etwa ein Drittel stammt aus illegalen Aktivitäten.

Lina Khatib (Bild) ist Associate Fellow bei Chatham House in London. Für die Studie, die erstmals Finanzflüsse der Hisbollah in Europa aufzeigt, ein Jahr lang recherchiert.
Lina Khatib (Bild) ist Associate Fellow bei Chatham House in London. Für die Studie, die erstmals Finanzflüsse der Hisbollah in Europa aufzeigt, ein Jahr lang recherchiert.

Syrien als Finanzdrehscheibe fällt weg

Das US-Militär hat zwei Tage nach dem Waffenstillstand eine Sperre der iranischen Häfen für die Schifffahrt umgesetzt. Wenn es dabei bleibt, bricht der Außenhandel des Iran fast vollständig ein. Doch ein zentraler Einschnitt ereignete sich schon Ende 2024 durch den  Zusammenbruch des Assad-Regimes.

Khatib sagt dazu: „Der Verlust Syriens war ein schwerer finanzieller Schlag für beide. Über Syrien wurde viel Geld verdient, vor allem mit dem Captagon-Handel. Die Droge wurde dort produziert oder weitergeleitet und dann andernorts verkauft. Damit ist ein wichtiger Finanz- und Transitknoten weggefallen.“

Syrien war dabei nicht nur Einnahmequelle, sondern auch eine zentrale logistische Drehscheibe – für Drogen, Geldflüsse und weitere Operationen.

Hisbollah-Anhänger bei einer Demonstration in Beirut (11. April 2026): Die Organisation finanziert sich laut Studie jedoch zunehmend über internationale Netzwerke.
Hisbollah-Anhänger bei einer Demonstration in Beirut (11. April 2026): Die Organisation finanziert sich laut Studie jedoch zunehmend über internationale Netzwerke.

Khatib: Hisbollah setzt stärker auf Europa

Besonders brisant ist Khatibs Einschätzung zur aktuellen Entwicklung: „Nach den schweren finanziellen Verlusten der vergangenen fast zwei Jahre hat die Hisbollah versucht, ihre Drogenaktivitäten in Europa auszuweiten, um diese Ausfälle zu kompensieren. Der Drogenhandel ist eine der schnellsten Möglichkeiten, zusätzliche Einnahmen zu erzielen.“

Die Studie bestätigt diesen Trend: Europa entwickelt sich zunehmend zu einem Schlüsselraum für die Finanzoperationen der Organisation. Dabei greifen laut Analyse legale und illegale Geschäftsmodelle ineinander – von Firmenkonstruktionen über Handel bis hin zu Geldwäsche.

Hisbollah ist hier Teil eines globalen Netzwerks, das den Nahen Osten, Lateinamerika, Afrika und Europa verbindet. Gerade im Drogengeschäft arbeitet sie eng mit verschiedenen Mafia-Organisationen zusammen. Allerdings stößt sie dabei in Europa auch auf Konkurrenz. Khatib hält fest: „Die Hisbollah trifft dort auf andere kriminelle Netzwerke, vor allem im Kokainhandel. Diese Konkurrenz setzt ihrem Wachstum Grenzen.“

Illegale Deals im Verborgenen: In Europa nutzt die Hisbollah komplexe Strukturen aus Bargeld, Drogen und Tarnfirmen zur Finanzierung.
Illegale Deals im Verborgenen: In Europa nutzt die Hisbollah komplexe Strukturen aus Bargeld, Drogen und Tarnfirmen zur Finanzierung.

Kokain, Luxusautos und Millionenflüsse

Wie das System konkret funktioniert, zeigt die Studie am Beispiel des sogenannten „Cedar Network“. Dabei beschafften Hisbollah-nahe Strukturen Kokain aus Lateinamerika, verkauften es in Europa und nutzten die Erlöse für den Kauf von Luxusgütern wie Autos und Uhren.

Diese wurden nach Westafrika verschifft, dort verkauft – und die Gewinne teilweise zurück in Hisbollah-Strukturen geleitet. Laut Ermittlungen wurden mit diesen Geldern unter anderem Waffen finanziert.

In Europa selbst dienten Firmen als Tarnung. So nutzten Beteiligte laut Studie unter anderem ein Autohaus in Deutschland zur Geldwäsche. Auf dem Höhepunkt sollen die Netzwerke bis zu eine Million Euro pro Woche bewegt haben.

Auch Österreich betroffen

Auch Österreich taucht in der Analyse auf: 2021 wurde ein Schmuggelnetzwerk gestoppt, das 30 Tonnen Captagon nach Saudi-Arabien transportieren wollte. Die Drogen waren in Geräten wie Pizzaöfen versteckt und wurden über Belgien und Österreich nach Italien geschleust. Eine Pizzeria im Salzburger Raum diente dabei als Tarnung.

Der Fall zeigt, wie gezielt solche Netzwerke europäische Handelsstrukturen ausnutzen.

Professionelle Strukturen – neue Methoden

Die Studie beschreibt die Finanzoperationen der Hisbollah als global, flexibel und hoch professionalisiert. Legale und illegale Aktivitäten greifen ineinander, Unternehmen dienen als Tarnung, internationale Netzwerke sichern den Geldfluss.

Dabei kooperiert die Organisation eng mit den iranischen Revolutionsgarden und setzt zunehmend auch auf moderne Methoden: Laut Bericht gewinnen Kryptowährungen an Bedeutung, da sie Transaktionen schneller und schwerer nachvollziehbar machen.

Gefahr für Europa

Die zentrale Erkenntnis: Europa ist für diese Strukturen kein Randgebiet mehr – sondern ein zunehmend wichtiger Schauplatz.

Khatib warnt zugleich indirekt vor den Risiken: Netzwerke, die heute Geld beschaffen, könnten im Ernstfall auch anders eingesetzt werden. So häuften sich kürzlich etwa Anschläge auf jüdische Einrichtungen in Europa. Deren Hintergründe sind noch nicht geklärt. Garantien, dass Europa von solchen Anschlägen verschont bleibt, gebe es nicht.