Vor rund 4000 Führungskräften aus 85 Ländern zeichnete Nigel Farage bei der konservativen ARC-Konferenz in London ein düsteres Bild des Westens: Islamismus, Massenzuwanderung, Antisemitismus auf den Straßen, Zwei-Klassen-Polizei, teure Energie – und eine politische Klasse, die nicht mehr wisse, wofür sie kämpfen soll. Der exxpress verfolgte den Auftritt von Nigel Farage bei der ARC-Konferenz in London vor Ort.
Der härteste Satz fiel, als Farage über jüdisches Leben in Europa sprach. Brüssel kenne er gut: Dort saß er jahrelang als EU-Abgeordneter – und kämpfte für den Brexit. Was er dort gesehen habe: bewaffnete Soldaten vor jüdischen Schulen, Gemeinden hinter Sicherheitszäunen, jüdische Menschen, die darüber nachdenken, ihr Land zu verlassen.
Farage sagte, er habe diese Entwicklung in Brüssel und Straßburg über Jahre aus nächster Nähe erlebt. Nun warne er: „London geht denselben Weg.“ Für ihn ist das Symptom einer größeren Krise: Der Westen verteidigt seine eigene Ordnung nicht mehr.

„Wir verlieren das Gefühl, wer wir sind“
Farage stellte seine Warnung in einen zivilisatorischen Rahmen. Die westliche Zivilisation beruhe auf der jüdisch-christlichen Kultur, sagte er. Daraus seien später Demokratie, Freiheit und das Recht entstanden, die eigenen Regierenden zu wählen – und auch wieder abzuwählen.
Das sei „etwas, wofür es sich zu kämpfen lohnt“. Doch westliche Eliten hätten in den vergangenen Jahrzehnten den Blick dafür verloren: „Wir sind in realer Gefahr, das Gefühl dafür zu verlieren, wer wir sind.“
Genau deshalb sei er in die Politik zurückgekehrt. Es gehe ihm um „Familie, Gemeinschaft und unser Land“ – die Grundlagen einer funktionierenden Gesellschaft. Gerade bei jungen Menschen spüre er wieder einen Hunger nach Sinn und nach der Frage, warum wir überhaupt hier sind.

Zwei-Klassen-Polizei: „Weg in die Katastrophe“
Besonders scharf kritisierte Farage Polizei und Justiz. Großbritannien lebe unter einer „Zwei-Klassen-Polizei“ und einer „Zwei-Klassen-Justiz“, sagte er. Die Behörden würden nicht mehr alle Bürger gleich behandeln.
Als Beispiel nannte der Reform-UK-Chef den Umgang mit Rassismusvorwürfen. Das Schwerwiegendste, was einem Polizisten heute gemeldet werden könne, sei der Vorwurf, jemand habe eine rassistische Beleidigung begangen – „ob wahr oder nicht“. Nehme der Beamte diese Anschuldigung nicht ernst genug, drohe ihm sofort die Suspendierung.
Für Farage zeigt das: Die Polizei arbeite nicht mehr farbenblind. Statt Gleichheit vor dem Gesetz gebe es Sondermaßstäbe – je nach Gruppe, Herkunft, Religion oder politischem Druck. „Wir behandeln nicht mehr alle Menschen gleich“, warnte Farage. Unterschiedliche Gemeinschaften würden unterschiedlich kontrolliert. Das sei „ein Weg in die Katastrophe“.
Seine Forderung: Jeder müsse wieder nach denselben Regeln behandelt werden – auf der Straße, vor Gericht, an Universitäten und in öffentlichen Institutionen. Großbritannien müsse wieder eine Meritokratie werden: ein Land, in dem Leistung zählt.
Wenn das nicht gelinge, warnte Farage, steuere Großbritannien auf „sehr, sehr schwierige Zeiten“ zu.

Muslimbruderschaft? Farage fordert: Büros schließen!
Im Zusammenhang mit Islamismus und wachsendem Antisemitismus wurde Farage noch deutlicher. Er warf dem britischen Establishment vor, bei Islamismus und extremistischen Strukturen wegzuschauen.
Wenn Demonstranten mit einschüchternden Parolen durch London ziehen könnten, während Gegendemonstranten Gefahr liefen, verhaftet zu werden, dann sei das für ihn keine gleiche Justiz mehr.
Farage nannte ausdrücklich die Muslimbruderschaft. Sie gedeihe in Großbritannien und sei aus seiner Sicht einer der wichtigsten Verbreiter von Hass und Extremismus im Land.
Seine Forderung: „Schließt ihre Büros im ganzen Land!“ Es folgte tosender Applaus.
Andere muslimische Staaten würden solche Organisationen verbieten und entsprechend behandeln, sagte Farage. Die britische politische Klasse dagegen schaue weg. Er nannte sie „mutlos“ und „feige“.
Farages Botschaft: Ein Land, das den Rechtsstaat nicht mehr gleich anwendet, verliert nicht nur Sicherheit – sondern auch das Vertrauen seiner Bürger.
Farage: Massenzuwanderung hat Produktivität zerstört
Farage sprach auch über die wirtschaftliche Krise Großbritanniens. Auf die Frage, warum die Produktivität im Land seit Jahren kaum wachse, hielt er nicht lange hinterm Berg: „Massenzuwanderung gering qualifizierter Arbeitskräfte hat die Produktivität Großbritanniens zerstört.“ Dann fügte er hinzu: „So, jetzt habe ich es gesagt.“
Farage widersprach damit der jahrzehntelangen Erzählung, hohe Zuwanderung bringe automatisch Wachstum und Wohlstand. Aus seiner Sicht hat sie den gegenteiligen Effekt gehabt: Unternehmen hätten sich auf billige Arbeitskräfte verlassen, statt in Produktivität, Technik und Ausbildung zu investieren.
Doch Farage ging noch weiter. Die Folgen seien nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell. Großbritannien habe eine Kultur entwickelt, in der harte Arbeit, Erfolg und Geldverdienen fast verdächtig geworden seien. „Wir glauben heute, harte Arbeit sei schlecht. Erfolg sei schlecht. Geldverdienen sei schlecht. Das müssen wir alles umkehren“, sagte Farage.
Er kenne keinen erfolgreichen Menschen – ob im Sport, in der Wissenschaft, in der Wirtschaft oder in der Politik –, der nicht härter gearbeitet habe als seine Konkurrenten.
Kleine Betriebe statt Bürokratie
Nigel Farage kritisierte auch die wirtschaftspolitische Fixierung auf große Konzerne. Als früherer Unternehmer habe er selbst erlebt, wie schwer es kleinen Betrieben gemacht werde.
In Brüssel sei ihm klar geworden, sagte Farage, dass viele Regeln praktisch für große multinationale Unternehmen gemacht seien. Doch dieselben Vorschriften träfen dann auch den kleinen Laden an der Ecke mit vier Mitarbeitern.
Das eigentliche Rückgrat der Wirtschaft seien nicht einige wenige Großkonzerne. Wohlstand entstehe durch kleine Unternehmen, Selbständige und Gründer. Dafür brauche es eine andere Kultur: weniger Bürokratie, mehr Respekt vor Unternehmertum, mehr Anerkennung für Menschen, die Arbeitsplätze schaffen.
„Energie, Energie, Energie“
Auch bei der Reindustrialisierung hatte Farage eine einfache Antwort. Was brauche Großbritannien, um wieder zu produzieren? „Energie, Energie, Energie, Energie.“
Farage machte die Klimapolitik der vergangenen Jahre für den industriellen Niedergang maßgeblich mitverantwortlich. Net Zero sei gesetzlich verankert worden – auch von den Konservativen. Das solle man ihnen nicht vergeben.
Großbritannien habe extrem hohe Energiepreise. Das zerstöre traditionelle Industrie. Und es mache das Land im Zukunftsbereich künstliche Intelligenz chancenlos. Ohne verlässliche und billige Energie gebe es keine Rechenzentren, keine Industrie, keine Reindustrialisierung.
Windräder seien nicht die Lösung, sagte Farage. Großbritannien brauche Grundlast. Seine Antwort: Kernkraft.
Eine Reform-Regierung würde als Erstes Südkorea anrufen, sagte Farage. Südkoreanische Nuklearingenieure sollten neue Kraftwerke liefern – pünktlich und zu einem Bruchteil der heutigen Kosten. „Wir müssen zur Kernenergie gehen“, sagte Farage.
Warum Farage Familie, Dorf und Pub retten will
Zum Schluss wurde Farage persönlicher. Familie und Gemeinschaft seien keine Nebenthemen, sagte er. Sie seien der Kern gesellschaftlicher Stabilität.
Das Steuersystem habe Ehe über Jahre bestraft. Dabei hätten Kinder in stabilen, verheirateten Haushalten bessere Lebenschancen. Farage sprach dabei selbstironisch über seine eigene Biografie: Er sei vielleicht nicht der beste Anwalt der Ehe, seine Bilanz sei „etwas durchwachsen“. Trotzdem halte er Ehe und Familie für gut.
Für Farage hängen Familienzerfall und Gemeinschaftszerfall zusammen. Wenn Menschen ihre Nachbarn nicht mehr kennen, keine gemeinsamen Orte mehr haben und nichts Gemeinsames teilen, zerfällt auch die Familie.
Er erinnerte an seine Kindheit in einem Dorf in den North Downs. Kirche, Laden und Pub seien Orte gewesen, an denen Menschen einander begegneten. Wenn bei einer älteren Nachbarin die Milch nicht hereingeholt wurde, klopfte jemand an die Tür. „Die Menschen kümmerten sich umeinander“, sagte Farage.
ARC als Bühne für den Wiederaufbau
Farages Auftritt passte zum großen Thema der ARC-Konferenz: dem Wiederaufbau des Westens. In London diskutieren Politiker, Unternehmer, Intellektuelle und Aktivisten über die Krise westlicher Gesellschaften – und darüber, wie sie überwunden werden kann.
Farage lieferte dafür eine harte Diagnose: Der Westen verliere seine kulturelle Erinnerung, seine innere Ordnung, seine wirtschaftliche Kraft und den Mut zur Selbstbehauptung.
Seine Botschaft bei ARC: Wer nicht mehr weiß, wer er ist, kann auch nicht verteidigen, was er hat.

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