In Almería schlafen Menschen vor dem Rathaus. Sie warten auf ein Dokument, das ihnen den Weg in die Legalität öffnen kann: ein sogenanntes Vulnerabilitätszertifikat.

Die Szene zeigt, was in Spanien gerade passiert. Aus einer Verwaltungsmaßnahme ist ein politischer Stresstest geworden. Rund 900.000 Anträge sind bereits eingegangen. Erwartet hatte die Regierung ursprünglich nur 500.000.

Die Flüchtlingshilfsorganisation CEAR rechnet damit, dass bis zum Ende der Frist am 30. Juni mehr als eine Million Menschen einen Antrag stellen werden.

900.000 Anträge – nicht 900.000 Bewilligungen

Madrid betont: Nicht jeder Antrag wird bewilligt. Die Behörden prüfen jeden Fall. Aufenthaltsdauer, Strafregister, Dokumente, Voraussetzungen. Auch Doppelmeldungen sind möglich.

Seit April wurden rund 360.000 vorläufige Arbeitsgenehmigungen erteilt – etwa 40 Prozent der bisher eingegangenen 900.000 Anträge. Wer zur Bearbeitung zugelassen wird, darf bereits arbeiten.

Trotzdem bleibt die Dimension enorm. Spanien wollte Hunderttausende Menschen aus der Illegalität holen. Jetzt zeigt sich: Die Nachfrage ist fast doppelt so groß wie erwartet.

Wer darf mitmachen?

Die Regularisierung richtet sich an Menschen, die bereits vor dem 1. Jänner 2026 in Spanien waren. Sie müssen mindestens fünf Monate durchgehenden Aufenthalt nachweisen und dürfen keine Vorstrafen haben. Auch bestimmte Asylwerber fallen unter die Regelung.

Die Genehmigung gilt zunächst ein Jahr – und sie ermöglicht legale Arbeit in Spanien.

Das Schengen-Problem

Damit wird aus einer spanischen Entscheidung ein europäisches Thema.

Eine spanische Aufenthaltserlaubnis bedeutet nicht, dass die Betroffenen automatisch in Österreich, Frankreich oder Deutschland arbeiten oder dauerhaft leben dürfen. Sie erlaubt aber Kurzaufenthalte im Schengen-Raum: bis zu 90 Tage innerhalb von 180 Tagen. Genau das sorgt für Streit.

Kritiker warnen, dass Madrid mit seiner Regularisierung nicht nur Spanien verändert. Indirekt betrifft die Entscheidung den gesamten Schengen-Raum.

Brüssel mit Bauchweh

In Brüssel gibt es seit Monaten Vorbehalte gegen den spanischen Sonderweg.

Die Sorge: Eine groß angelegte Regularisierung könnte genau jene Botschaft senden, die Europa eigentlich vermeiden will – wer irregulär kommt und lange genug bleibt, kann am Ende doch legalisiert werden.

EU-Innenkommissar Magnus Brunner wollte Spanien nicht direkt verurteilen. Regularisierung sei nationale Verantwortung. Gleichzeitig wurde im EU-Parlament bereits über die Auswirkungen der spanischen Maßnahme auf Schengen und die europäische Migrationspolitik diskutiert. PP-Chef Feijóo erklärte unter Berufung auf Brunner, einzelne EU-Staaten erwögen sogar eine Aussetzung des Schengen-Abkommens.

Der Zeitpunkt ist besonders brisant. Seit 12. Juni gilt der neue EU-Migrations- und Asylpakt. Brüssel verspricht stärkere Außengrenzen, schnellere Verfahren, bessere Registrierung und mehr Rückführungen.

Spanien macht gleichzeitig etwas völlig anderes: Es holt Hunderttausende Menschen ohne Papiere in den legalen Arbeitsmarkt.

Scharfe Kritik aus Frankreich und Polen

Die Regierung von Pedro Sánchez verkauft die Maßnahme nicht nur humanär. Sie argumentiert vor allem ökonomisch. Viele der Betroffenen seien ohnehin längst im Land. Viele arbeiteten bereits – nur ohne regulären Status, ohne volle Rechte, ohne saubere Abgaben, häufig abhängig von Arbeitgebern in der Schattenwirtschaft.

Madrid will diese Menschen sichtbar machen: im Arbeitsmarkt, in der Sozialversicherung, im Steuer- und Abgabensystem. Besonders betroffen sind Branchen, die auch in anderen europäischen Ländern stark von Migranten abhängen: Gastronomie, Pflege, Altenbetreuung, Landwirtschaft, Bau und Reinigung.In Frankreich hat die spanische Regularisierung scharfe Reaktionen ausgelöst. Der konservative Politiker Bruno Retailleau kündigte an, bei einem Wahlsieg Grenzkontrollen zu Spanien wieder einzuführen. Auch andere rechte und konservative Stimmen warnen vor Kontrollverlust im Schengen-Raum.

In Polen schlug das Rechtsinstitut Ordo Iuris Alarm und wandte sich an alle 27 EU-Staats- und Regierungschefs. Die Sorge: Eine Massenregularisierung könne neue Anreize für irreguläre Migration schaffen – und die Folgen auf andere EU-Staaten verlagern.

Opposition: „Inkompetenz oder Lügen“

In Spanien selbst ist der Streit heftig.

Der konservative Partido Popular greift die Regierung scharf an. PP-Sprecher Borja Sémper wirft Madrid vor, keine seriöse Prognose gehabt zu haben. Es habe keinen Plan gegeben, keine ausreichende Einschätzung der Folgen für öffentliche Dienste und keine klare Vorstellung der Umsetzung. Entweder die Regierung sei inkompetent – oder sie habe die Öffentlichkeit belogen.

Auch Vox bekämpft die Maßnahme frontal. Die Partei warnt vor einem Sogeffekt und zog vor den Obersten Gerichtshof. Gemeinsam mit der Gemeinschaft Madrid und weiteren Organisationen wollte Vox den Prozess vorläufig stoppen lassen.

Der Oberste Gerichtshof lehnte eine einstweilige Aussetzung ab. Über die Sache selbst ist aber noch nicht endgültig entschieden.

Linksparteien wollen noch mehr

Von links kommt die gegenteilige Forderung.

Sumar und Podemos wollen die Frist über den 30. Juni hinaus verlängern. Ihre Begründung: Der Ansturm zeige, wie viele Menschen in Spanien ohne Rechte leben und arbeiten. Niemand solle ausgeschlossen werden, nur weil Dokumente fehlen oder Behörden überlastet sind.

Kurz: Die Rechte warnt vor Magneteffekt und Schengen-Risiko. Die Linke sieht in den 900.000 Anträgen den Beweis, dass Spanien noch weiter gehen müsse.