So voll wie jetzt waren Frankreichs Gefängnisse noch nie. Mit Stichtag 1. Juni saßen 88.829 Menschen in französischen Haftanstalten. Das sind rund 4.400 mehr als ein Jahr zuvor. Der Anstieg beträgt 5,2 Prozent.

Dem stehen nur 63.237 tatsächlich nutzbare Haftplätze gegenüber. Die Kapazität wuchs binnen eines Jahres lediglich um 1,1 Prozent. Die Folge: Frankreichs Gefängnisse sind zu 140,5 Prozent ausgelastet.

Boden statt Bett

Besonders dramatisch ist die Lage in den Untersuchungs- und Kurzstrafanstalten. Dort sitzen Menschen, die auf ihren Prozess warten oder kurze Freiheitsstrafen verbüßen. Die Belegung liegt dort bereits bei 173,2 Prozent.

In der Region Paris erreicht die Auslastung rund 164 Prozent. Einzelne Anstalten liegen sogar bei mehr als 250 Prozent. Die Überfüllung hat längst handfest Auswirkungen: In Frankreich schlafen 7.608 Häftlinge auf Matratzen am Boden. Das sind um 32,1 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

Frankreichs Generalinspektorin für Haftanstalten, Dominique Simonnot, spricht von einer Gefängniskatastrophe. Erschöpfung, Spannungen und Gewalt seien die Folge, das Wachpersonal komme gegen die Überfüllung immer schwerer an.

UN und Europarat schlagen Alarm

Auch internationale Institutionen warnen. Der UN-Unterausschuss zur Verhütung von Folter erklärte Ende Mai, die Überbelegung verletze Grundrechte der Häftlinge. Sie könne unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung gleichkommen.

Der Europarat hatte bereits im Jänner vor einer bloßen Verwahrung von Häftlingen gewarnt. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hatte Frankreichs Haftbedingungen schon 2020 als erniedrigend eingestuft.

Ein Senatsbericht zeigt, wie stark sich die Lage verschärft hat: Ende 2025 waren 72 Prozent der Häftlinge in Anstalten untergebracht, die zu mehr als 150 Prozent ausgelastet waren. Anfang 2022 lag die Gesamtbelegung noch bei 114,3 Prozent.

Bauen statt entlassen

Justizminister Gérald Darmanin setzt nicht auf Frühentlassung von Häftlingen. Stattdessen will er bauen. Geplant sind unter anderem 3.000 zusätzliche Plätze in modularen Gefängnissen. Sie sollen schneller und günstiger errichtet werden als klassische Gefängnisbauten. Bodenmatratzen sollen binnen 18 Monaten nach Inkrafttreten eines entsprechenden Gesetzes verschwinden.

Bis 2030 soll die Auslastung auf 150 Prozent gedrückt werden, bis 2032 auf 130 Prozent. Ob das gelingt, ist offen: Schon Präsident Emmanuel Macron hatte 2018 den Bau von 15.000 neuen Zellen versprochen. Realisiert wurde davon bisher nur ein Bruchteil.

Österreich weniger voll – aber auch über der Grenze

Von französischen Zuständen ist Österreich noch entfernt. Entspannt ist die Lage aber auch hier nicht. Laut Justizministerium lag der Insassenstand am 1. Juni 2026 bei 10.096 Personen, davon befanden sich 9.124 tatsächlich in Justizanstalten.

Bei einer offiziellen Belagsfähigkeit von 8.422 Plätzen entspricht das einer Auslastung von 108,34 Prozent. Österreich liegt damit deutlich unter Frankreich – aber auch Österreich liegt über der eigenen Kapazitätsgrenze.

Der Österreich-Sprengstoff

Beim Ausländeranteil dreht sich das Bild. Von den 10.096 Insassen waren nur 4.848 österreichische Staatsbürger. Das entspricht 48,02 Prozent.

Demgegenüber standen 1.904 EU-Bürger ohne österreichische Staatsbürgerschaft und 3.221 Nicht-EU-Bürger. Weitere 123 Personen wurden mit unbekannter Staatsbürgerschaft geführt.

Damit waren 5.125 Insassen bekannte ausländische Staatsbürger. Das entspricht 50,76 Prozent. Nimmt man die Fälle mit unbekannter Staatsbürgerschaft dazu, waren 51,98 Prozent der Insassen jedenfalls nicht als österreichische Staatsbürger ausgewiesen. Mehr als jeder zweite Häftling in Österreich hat also keinen österreichischen Pass.

Zweieinhalbfach überrepräsentiert

Zum Vergleich: In der Gesamtbevölkerung lag der Anteil ausländischer Staatsangehöriger in Österreich Anfang 2026 laut Statistik Austria bei 20,5 Prozent. In den Gefängnissen sind es mehr als 50 Prozent.

Ausländer sind im österreichischen Strafvollzug damit rund zweieinhalb Mal so stark vertreten wie in der Gesamtbevölkerung.

Auch in Frankreich sind ausländische Häftlinge überrepräsentiert. Laut europäischen Strafvollzugsstatistiken lag ihr Anteil zuletzt bei rund 23 Prozent, bei einem Bevölkerungsanteil von rund 7 Prozent. Das ist eine Überrepräsentation um mehr als das Dreifache – prozentuell sogar noch etwas ausgeprägter als in Österreich. In absoluten Zahlen bleibt der Ausländeranteil an Frankreichs Häftlingspopulation aber deutlich unter dem österreichischen Wert von mehr als 50 Prozent.

Das französische Justizministerium veröffentlicht mittlerweile keine Aufschlüsselung nach Herkunftsländern mehr. Ältere Daten hatten Algerien, Marokko, Rumänien und Tunesien als größte Gruppen genannt. Frankreich erhebt aus verfassungsrechtlichen Gründen ohnehin keine Daten zu Ethnie oder Abstammung.

Haft in der Heimat wird zur Kernfrage

Die Zahlen befeuern in Österreich die Debatte über „Haft in der Heimat“: Ausländische Straftäter sollen ihre Strafe möglichst im Herkunftsstaat verbüßen – statt auf Kosten des heimischen Steuerzahlers in österreichischen Justizanstalten.

Das Justizministerium selbst hält fest, der hohe Ausländeranteil stelle für den Strafvollzug eine Herausforderung dar. Gerade mit Blick auf die Resozialisierung werde die möglichst rasche Überstellung in die Herkunftsstaaten forciert.

In der Praxis ist das aber schwierig. Es braucht Abkommen, Verfahren und funktionierende Vollzugsmöglichkeiten im jeweiligen Herkunftsstaat – genau daran scheitert es oft.

Zwei Länder, zwei Warnsignale

Frankreich zeigt, was passiert, wenn ein Strafvollzugssystem jahrelang überlastet wird: Rekordzahlen, Bodenmatratzen, überfüllte Zellen und politische Notmaßnahmen. Von diesem Kollaps ist Österreich noch entfernt.

Doch die heimischen Zahlen sind ebenfalls alarmierend: Die Gefängnisse sind überbelegt, und mehr als jeder zweite Insasse ist kein österreichischer Staatsbürger. Europas Strafvollzug steht unter Druck – in Frankreich platzen die Zellen, in Österreich stellt sich zusätzlich die Frage, warum ein Land mit rund 20 Prozent Ausländeranteil in der Bevölkerung einen Ausländeranteil von mehr als 50 Prozent im Strafvollzug hat.