Muslime in Europa werden lebensgefährlich bedroht – so klingen zumindest die Schlagzeilen beim türkischen Staatssender TRT World. Wer sich dort informiert, stößt auf eine Dauererzählung von wachsender „Islamophobie“ .
„Eine schwindelerregende Vielzahl antimuslimischer Maßnahmen wird zunehmend zu einem festen Bestandteil der französischen Politik“, heißt es etwa. Oder noch drastischer: „Frankreich verliert seinen Kampf gegen Muslime, den Islam und nun auch den Westen.“
Auch Deutschland kommt nicht besser weg: „Deutschland hat ein Islamophobie-Problem – und es kostet muslimische Frauen das Leben.“ Passend dazu: Der österreichische Islamophobie-Forscher Farid Hafez ist als Autor bei TRT gelistet.

Doch es bleibt nicht bei zugespitzten Kommentaren. TRT verbreitet auch nachweislich falsche Narrative. So behauptete der Sender: „Die Vergewaltigungsvorwürfe vom 7. Oktober sind als israelische Propaganda widerlegt.“ Dabei haben internationale Untersuchungen, unzählige Belege und Zeugenaussagen längst bestätigt, dass es beim Hamas-Massaker am 7. Oktober zu massenhaften Vergewaltigungen kam.
Selbst historische Ereignisse werden umgedeutet: Die türkische Invasion Zyperns 1974 wird bei TRT als „Friedensoperation“ beschrieben, bei der türkische Zyprioten „von Jahrzehnten der Gewalt und Verfolgung befreit“ worden seien.
Ein Staatssender mit globaler Reichweite
TRT World ist ein 2015 gestarteter, englischsprachiger Auslandssender des türkischen Staatsrundfunks. Laut eigenen Angaben erreicht er Zuschauer in rund 190 Ländern.
Politisch steht der Sender klar unter dem Einfluss der Regierung Erdoğan. Viele Beiträge wirken weniger wie klassische Berichterstattung – und mehr wie strategische Narrative mit globaler Reichweite.
Wie das konkret funktioniert, zeigt ein aktueller Fall aus Gaza.
Vom Instagram-Clip zur globalen Schlagzeile
Die Geschichte beginnt nicht mit Recherche – sondern mit einem Social-Media-Post. Ein Instagram-Reel der Gaza-Aktivistin Salma Kaddoumi zeigt ein verletztes Kleinkind. Gleichzeitig liefert der begleitende Text bereits die komplette Deutung: israelische Soldaten hätten das Kind mit Zigaretten verbrannt, gestochen und einen Nagel ins Bein getrieben – vor den Augen des Vaters, um ein Geständnis zu erzwingen.
Beweise? Fehlanzeige.

Doch genau diese Version verbreitet sich rasant – über X, Instagram und palästinensische Medien wie Palestine TV. Von dort wandert sie nahezu unverändert in internationale Netzwerke. TRT übernimmt die Geschichte praktisch eins zu eins. Binnen Stunden wird aus einem viralen Clip eine vermeintliche Gewissheit.
TRT erzählt sofort die maximale Version
TRT übernimmt alle Vorwürfe – ohne erkennbare Distanz und weitgehend ohne erkennbare eigene Prüfung. „Die Streitkräfte folterten das Kind vor den Augen seines Vaters“, heißt es dort. Es sei mit Zigaretten verbrannt, gestochen und mit einem Nagel verletzt worden – „wie ein medizinischer Bericht bestätigte“.
Aus einer unbestätigten Social-Media-Behauptung wird so ein scheinbar gesicherter Ablauf.

Widersprüche schon bei Grundlegendem
Ein genauer Blick zeigt: Die zentrale Erzählung ist widersprüchlich und nicht belegt. Schon Name und Alter schwanken. Bei TRT heißt das Kind „Karim“, später taucht der Name Jawad Abu Nassar auf. Auch das Alter variiert – einmal ein Jahr, dann 18 Monate.
Noch gravierender sind die Widersprüche im Ablauf. TRT schreibt, die Folter habe „vor den Augen des Vaters“ stattgefunden – um ein Geständnis zu erzwingen. Doch genau dieser Kern bricht später weg.
Sky News: Der zentrale Vorwurf verschwindet
Sky News greift den Fall ein paar Tage später auf. Diesmal kommen Mutter und Großvater des Kindes zu Wort. Sie berichten von Verletzungen – aber nicht davon, dass der Vater die angebliche Folter mitansehen musste. Auch vom Erzwingen eines Geständnisses ist keine Rede. Im Gegenteil: Der Großvater schildert, dass Vater und Kind getrennt wurden.
Wenn der Vater die angebliche Folter nicht gesehen hat, wird der behauptete Zweck fraglich: Warum sollte das Kind überhaupt misshandelt werden? Druck auf den Vater wäre ohne dessen Anwesenheit nicht aufgebaut worden.
Nachrichtenagentur Anadolu zeigt sogar das falsche Bild
Die türkische Nachrichtenagentur Anadolu geht noch einen Schritt weiter: Sie illustrierte den identischen Bericht mit einem Bild, das nicht das Kind aus dem viralen Video zeigt. Es ist andere Szene – aber eingebettet in genau diese Geschichte.
Das Bild verstärkt die emotionale Wirkung massiv. Dass es sich um ein Symbolbild handelt, wird nicht klar gemacht. Die Wirkung ist umso erschütternder.

Die IDF widerspricht klar
Die israelische Armee weist die Vorwürfe entschieden zurück und nennt sie „falsch und unbegründet“. Ihr zufolge näherte sich der Vater mit dem Kind der sogenannten „Yellow Line“ im Gazastreifen. Als er trotz Aufforderungen nicht anhielt, wurden Warnschüsse abgegeben. Die Verletzungen des Kindes seien wohl „durch Splitter“ entstanden.
Gleichzeitig erhebt die IDF schwere Vorwürfe: Der Vater gab sich als „Hamas-Mitglied“ zu erkennen und räumte auch ein, seinen Sohn als „menschlichen Schutzschild“ benutzt zu haben.
Das Kind wurde anschließend unter „vollständiger Aufsicht eines IDF-Arztes“ versorgt und dem Roten Kreuz „bei erster Gelegenheit“ übergeben worden. Ein Video dieser Übergabe wurde veröffentlicht.
Das Video belegt nur eines: Das Kind ist verletzt
Das ursprüngliche Video zeigt ein Kind mit Verletzungen an den Beinen. Die Aufnahmen sind weit harmloser als das Bild von TRT. Zwar sieht man drei Narben, doch der Bub wirkt ansonsten bei guter Gesundheit.
Was unklar bleibt, sei, wie die Verletzungen entstanden sind. Die Social-Media-Erzählung liefert keine überprüfbaren Belege.
Eran Lahav: „Teil einer Desinformationsindustrie“
Der israelische Terrorismusforscher Eran Lahav, Senior Researcher bei der Denkfabrik Israel Defense and Security Forum (IDSF), sieht darin ein typisches Muster moderner Informationskriegsführung. „Dieser Fall ist – wie viele andere – Teil einer Desinformationsindustrie“, sagt er gegenüber dem exxpress. „Eine emotionale Behauptung, bei der Kinder eine Rolle spielen, kombiniert mit Bildern von Verletzungen, erzeugt ein scheinbares Beweismaterial, das genau in ein Narrativ passt und dazu dient, Israel und die IDF zu diffamieren.“
Entscheidend sei die Inszenierung: „Ich kann nicht sagen, ob das Kind zum Weinen gebracht wurde. Aber inszeniert ist die Art, wie das Weinen genutzt wird: das Heranzoomen, der Kontext, das Bild des Vaters.“
Für Lahav folgt die Verbreitung einem klaren Muster: „Man nimmt Inhalte von einem lokalen ‚Journalisten‘ und verbreitet sie dann über große Netzwerke wie Al Jazeera oder TRT weltweit.“ Das Ergebnis: maximale Reichweite, maximale Emotion – und minimale Überprüfbarkeit.

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