Der Streit um die Gesundheitsreform wird schärfer. Es geht um eine Institution, die viele Österreicher seit Jahren kennen: die Hausarztordination ums Eck.

Für viele Patienten ist der Hausarzt die erste Adresse im Gesundheitssystem – und oft mehr als das. Er kennt ihre Krankengeschichte, weiß, welche Medikamente bereits versucht wurden, und begleitet nicht selten ganze Familien über Jahre.

Genau dieses Modell sieht der Österreichische Hausärzteverband nun in Gefahr. Präsidentin Angelika Reitböck warnt davor, dass klassische Kassenordinationen durch neue, größere Versorgungsstrukturen verdrängt werden könnten. Gemeint sind Primärversorgungseinheiten, kurz PVE: Teams aus Ärzten, Pflegekräften und weiteren Gesundheitsberufen. Sie können als Zentrum an einem Standort organisiert sein – oder als Netzwerk mehrerer Ordinationen. Die Regierung will diese Strukturen massiv ausbauen.

Reitböck spricht von einer „klaren Wettbewerbsverzerrung“ zulasten klassischer Kassenordinationen. Die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) widerspricht auf exxpress-Anfrage deutlich.

Hausärztepräsidentin Angelika Reitböck (Bild) ist Fachärztin für Allgemeinmedizin, Familienmedizin und für Dermatologie
Hausärztepräsidentin Angelika Reitböck (Bild) ist Fachärztin für Allgemeinmedizin, Familienmedizin und für Dermatologie

600 Zentren bis 2040 geplant

Hintergrund ist der geplante massive Ausbau der Primärversorgung. Laut Parlamentskorrespondenz sollen bis 2040 rund 600 Primärversorgungsstrukturen entstehen. Derzeit gibt es laut offizieller Plattform Primärversorgung 119 Primärversorgungseinheiten (PVE) in Österreich.

Im bisherigen EU-Fördermodell waren laut Austria Wirtschaftsservice für neue PVE Zuschüsse von bis zu 1,6 Millionen Euro möglich. Für bestehende PVE und Vertragsgruppenpraxen waren es bis zu 500.000 Euro. Die Antragstellung für dieses Programm ist inzwischen ausgelaufen; auch die ÖGK verweist darauf, dass die Förderung mittlerweile beendet sei.

Genau an dieser Förderlogik entzündet sich nun der Streit.

Reitböck: Kassenordinationen können nicht mithalten

Auf exxpress-Anfrage konkretisiert Reitböck ihre Kritik. Die Benachteiligung klassischer Kassenordinationen gegenüber geförderten Primärversorgungszentren (PVZ) betreffe „ziemlich gleichmäßig“ Investitionen, Personal, Infrastruktur und Honorare. „Mit diesen Nachteilen können die herkömmlichen Kassenordinationen nicht mithalten“, sagt Reitböck. Zudem falle bei den neuen Modellen die unternehmerische Verantwortung bei PVE und PVZ vollständig weg.

Gleichzeitig werde der Druck auf die bestehenden Praxen größer. Die Patientenzahlen stiegen, die Patienten würden älter, Therapien komplexer. Zugleich nähmen offene Kassenstellen zu.

Warnung vor Verdrängung

Reitböck lehnt PVE und PVZ nicht grundsätzlich ab. In Regionen, in denen es tatsächlich an Hausärzten fehlt, könnten solche Zentren oder Netzwerke eine sinnvolle Ergänzung sein. Dort würden sie keine bestehende Hausarztstruktur verdrängen, sondern Versorgungslücken schließen.

Problematisch werde es aus ihrer Sicht dort, wo bestehende oder frei werdende Kassenstellen nicht mehr als klassische Ordinationen weitergeführt, sondern in größere PVE/PVZ-Strukturen eingegliedert werden. Besonders dann, wenn es für eine Nachfolgepraxis bereits interessierte Ärzte gebe. Genau diesen Trend dürfe man nicht fortsetzen, warnt Reitböck.

Der Kern ihrer Kritik: Klassische Kassenärzte müssten Ordination, Personal, Ausstattung und laufende Kosten selbst stemmen – und trügen damit auch das volle unternehmerische Risiko. PVE/PVZ würden hingegen mit öffentlichen Mitteln gefördert und durch andere Rahmenbedingungen abgesichert. Dadurch entstehe aus Sicht des Hausärzteverbands kein fairer Wettbewerb.

„Relikt der Vergangenheit“

Reitböck fordert deshalb ein Gesamtpaket: höhere Honorare, gleiche Investitionsförderungen für klassische Kassenordinationen und vor allem weniger Bürokratie in den Praxen.

Für Patienten sieht sie konkrete Folgen: „Die wohnortnahe Versorgung wird weiter ausgedünnt werden und die Anreisestrecken und Anreisezeiten für unsere Patienten werden sich verlängern.“

Besonders scharf formuliert Reitböck ihre Sorge um das Arzt-Patienten-Verhältnis: „Mit der zunehmenden aggressiven Vehemenz, mit der unsere Entscheidungsträger den weiteren Umbau unseres Gesundheitssystems Richtung PVE/PVZ vorantreiben, wird die persönliche Zuwendungsmedizin, mit der wir unsere Patienten mitunter ein Leben lang begleitet haben, ein Relikt der Vergangenheit werden.“

ÖGK weist Kritik zurück

Die ÖGK sieht das völlig anders.  Ärzten stünden mehrere Wege in die Kassenmedizin offen: klassische Kassenordinationen, Gruppenpraxen und Primärversorgungseinheiten.

Der Aufbau von PVE sei in den vergangenen Jahren aus EU-Mitteln gefördert worden. Das habe dazu beigetragen, die Zahl der PVE im Sinne gesundheitspolitischer Ziele zu erhöhen: erweitertes Leistungsspektrum, längere Öffnungszeiten, verbindlicher Versorgungsauftrag und Entlastung der Spitäler. „Eine Benachteiligung der klassischen Kassenordinationen ist das nicht“, erklärt die ÖGK gegenüber dem exxpress.

ÖGK: Kassenordinationen sind attraktiv

Auch den Vorwurf mangelnder Attraktivität klassischer Kassenordinationen weist die Gesundheitskasse zurück. Viele junge Allgemeinmediziner würden die Vorteile der Freiberuflichkeit, die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben sowie die unternehmerische Sicherheit eines Kassenvertrags schätzen.

Die ÖGK verweist auf die Zahlen: 44 Prozent der Vertragsärzte für Allgemeinmedizin seien heute unter 50 Jahre alt. Im Jahr 2011 seien es 21 Prozent gewesen.

Auch beim Einkommen wird die ÖGK konkret: Der durchschnittliche Umsatz mit der Sozialversicherung liege in der Allgemeinmedizin bei 476.000 Euro im Jahr 2024. Daraus ergebe sich ein persönliches Einkommen vor Steuern von mehr als 200.000 Euro pro Jahr.

Nur 2,43 Prozent vakant

Bei den offenen Stellen nennt die ÖGK ebenfalls eine Zahl. Derzeit seien 2,43 Prozent der allgemeinmedizinischen Kassenstellen österreichweit vakant.

Investitionsförderungen hält die ÖGK dann für sinnvoll, wenn sie klare Versorgungsziele unterstützen und mit deutlichen Leistungs- und Serviceausweitungen für Versicherte verbunden sind. Neue Modelle seien aus Sicht der ÖGK so honoriert, dass sie auch ohne Fördermittel rentabel geführt werden könnten.

PVE und klassische Ordinationen sollen einander laut ÖGK ergänzen. Ziel sei insgesamt, die Primärversorgung zu stärken – je nach Region mit unterschiedlichen Organisationsformen.

Eine Anfrage des exxpress an das Gesundheits- und Sozialministerium blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.