Kurz nach Mitternacht war sie Geschichte. Menschen strömten zu Fuß und mit dem Auto zwischen Spanien und Gibraltar hin und her. Keine routinemäßige Passkontrolle, kein Schlagbaum, kein Grenzzaun mehr.
Am Mittwoch wurde die jahrhundertealte Absperrung zwischen dem südspanischen La Línea und dem britischen Überseegebiet abgebaut. Spaniens sozialistischer Ministerpräsident Pedro Sánchez sprach vom Fall der „letzten Mauer Kontinentaleuropas“.
Der Zeitpunkt ist politisch brisant. Erst zwei Wochen zuvor war Spaniens außergewöhnliche Massenregularisierung ausgelaufen.
Regierung erwartete 500.000 – gekommen sind 1,17 Millionen
Vom 16. April bis zum 30. Juni konnten Menschen, die sich zuvor illegal in Spanien aufgehalten hatten, einen legalen Aufenthaltsstatus beantragen. Auch Asylwerber konnten unter bestimmten Voraussetzungen in das Verfahren wechseln.
Die Regierung hatte mit rund 500.000 möglichen Begünstigten gerechnet. Tatsächlich gingen 1.174.978 Anträge ein. Bereits 609.737 Verfahren waren Anfang Juli bearbeitet – mehr, als Madrid ursprünglich insgesamt erwartet hatte.
Entscheidend: Schon die Zulassung des Antrags zum Verfahren berechtigt dazu, zunächst ein Jahr lang in ganz Spanien zu leben und zu arbeiten. Mehr als 600.000 Menschen verfügen damit bereits über einen vorläufig legalen Status. Endgültig positiv entschieden war Anfang Juli allerdings erst ein kleiner Teil der Anträge.
Keine Passkontrolle mehr an der Landgrenze
Nun fällt unmittelbar danach auch die sichtbare Grenze zwischen Spanien und Gibraltar.
Grundlage ist ein mehr als 1000 Seiten starkes Abkommen zwischen Großbritannien und der Europäischen Union. Gibraltar bleibt formal außerhalb der EU und des Schengen-Raums. Dennoch entfallen an der Landgrenze sämtliche routinemäßigen Einreise- und Passkontrollen.
Die notwendigen Schengen-Kontrollen werden an den Flughafen und bei Bedarf an den Hafen Gibraltars verlagert. Dort prüfen zunächst Gibraltars Beamte die Einreise. Danach folgen Kontrollen durch spanische Polizisten im Auftrag des Schengen-Raums.
Wer sich legal in Spanien aufhält, kann die Landgrenze damit grundsätzlich passieren, ohne wie bisher routinemäßig den Pass vorzeigen zu müssen.
Sorgen vor Kriminalität und unkontrolliertem Zustrom
Die Öffnung sorgt bei Teilen der nur rund 38.000 Einwohner Gibraltars für Unbehagen.
Der britische Labour-Abgeordnete Mark Sewards berichtete im Unterhaus von gemischten Reaktionen auf dem Felsen. Die kontrollierte Grenze sei zwar lästig gewesen, habe aber auch ein Gefühl der Sicherheit vermittelt. Einige Bewohner fürchteten, dass der Verzicht auf routinemäßige Kontrollen die Kriminalität in der bisher sehr friedlichen Region erhöhen könnte.
Die britische Times berichtet darüber hinaus von Sorgen vor Terroranschlägen, zusätzlichem Druck auf Wohnungen und öffentliche Einrichtungen sowie einer unbegrenzten Zahl von Besuchern in der kleinen, dicht besiedelten Enklave.
Die Befürchtungen beziehen sich damit nicht allein auf Spaniens Regularisierung. Sie erhalten durch die außergewöhnliche Zahl von 1,17 Millionen Antragstellern aber neue politische Sprengkraft. Ein tatsächlicher Zustrom neu legalisierter Migranten nach Gibraltar ist bisher nicht dokumentiert.
Die Politik versucht zu beschwichtigen: Ein spanischer Aufenthaltstitel verschaffe kein Recht, dauerhaft in Gibraltar zu wohnen oder dort zu arbeiten. Das Überseegebiet behalte seine eigenen Einwanderungsgesetze. Eine allgemeine Niederlassungsfreiheit für EU-Bürger und in der EU lebende Drittstaatsangehörige wurde ausdrücklich ausgeschlossen.
Der Zaun verschwindet – die Kameras kommen
Gibraltars Regierung reagiert auf die Sicherheitsbedenken nicht mit neuen Schlagbäumen, sondern mit Technik.
An den Zufahrten und im gesamten Gebiet wurden zusätzliche Überwachungskameras mit Gesichtserkennung installiert. Außerdem wurden Polizei, Zoll und Küstenwache verstärkt.
Der Felsen werde von einer klassischen Festung zu einer „digitalen Festung“, erklärte Regierungschef Fabian Picardo.
15.000 Pendler sollen profitieren
Die Grenzöffnung hat vor allem einen praktischen Grund. Rund 15.000 Menschen pendeln jeden Tag aus Spanien zur Arbeit nach Gibraltar. Sie stellen beinahe die Hälfte der dortigen Arbeitskräfte.
Ohne Abkommen wäre Gibraltar nach dem Brexit zu einer harten Schengen-Außengrenze geworden. Stundenlange Warteschlangen und erhebliche wirtschaftliche Schäden wären wahrscheinlich gewesen. Die Regierung des Überseegebiets und sämtliche früheren Regierungschefs unterstützten daher den Vertrag.
Die spanische Massenregularisierung und das Gibraltar-Abkommen wurden unabhängig voneinander beschlossen. Dennoch treffen nun zwei Entwicklungen aufeinander: Madrid verleiht Hunderttausenden zuvor illegal aufhältigen Migranten einen vorläufig legalen Status – und gleichzeitig verschwindet an Europas südlichster britischer Enklave die physische Grenze.

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