Google will sein Rechenzentrum im oberösterreichischen Kronstorf massiv größer bauen als bisher gedacht. Der Konzern hat den Vollausbau des gesamten 50-Hektar-Areals zur Genehmigung eingereicht – und damit einen Streit neu entfacht, der sich vor allem um eine Frage dreht: Wie viel Strom wird die Serverstadt an der Enns tatsächlich schlucken? Eine Antwort, auf die sich alle einigen könnten, gibt es nicht.Die Netz Oberösterreich rechnete der APA jetzt vor, dass die in Bau befindliche erste Stufe auf bis zu 1,3 Terawattstunden (TWh) im Jahr kommen dürfte – so viel wie 375.000 Haushalte. Bei einem Vollausbau mit 500 Megawatt Spitzenleistung wären es demnach bis zu 4,4 TWh. Das wäre fast ein Drittel dessen, was ganz Oberösterreich 2024 laut Energiebericht verbraucht hat: 14 TWh.

„Weniger als die Hälfte" – die ÖVP widerspricht

Doch genau diese Alarmzahl bestreitet die Landespolitik. Wirtschaftslandesrat Markus Achleitner (ÖVP) trat den hohen Schätzungen entgegen: Selbst der nun eingereichte Gesamtausbau benötige weniger als die Hälfte jener Energiemengen, die in der Vergangenheit teilweise genannt worden seien. Dass der weltweite KI-Boom mehr Rechenleistung und damit mehr Energie erfordert, stellt Achleitner nicht in Abrede – dieser Mehrbedarf müsse durch zusätzliche Stromerzeugung und den Ausbau von Speicherkapazitäten gedeckt werden. Für den Landesrat überwiegt der Nutzen: Er spricht von einer Investition in Milliardenhöhe und einem positiven Signal für den Wirtschaftsstandort Oberösterreich, das das Land besonders im Bereich der künstlichen Intelligenz stärken könne.

Wie groß die Unsicherheit wirklich ist, zeigt der Blick auf die kursierenden Zahlen: Der Übertragungsnetzbetreiber Austrian Power Grid (APG) schätzte den Vollausbau-Verbrauch zwischenzeitlich auf das Niveau von rund 900.000 Haushalten – bei nur knapp 676.000 Haushalten in ganz Oberösterreich. Andere Prognosen bewegen sich zwischen 1,5 und 3,5 TWh. Google selbst hält sich bedeckt: Zum erwarteten Jahresverbrauch äußert sich der Konzern nicht. Nur so viel ließ Google durchblicken – der frühere Wert von 1.000 MW sei „fälschlicherweise kommuniziert” worden.

Die eigentliche Nadelöhr-Frage: Woher kommt der Strom?

Damit rückt weniger der Verbrauch als die Versorgung ins Zentrum. Um einen Großabnehmer dieser Dimension überhaupt anzuschließen, braucht es laut Netzbetreibern einen neuen 220-kV-Versorgungsring und den Ausbau der Umspannwerke zwischen Ernsthofen und Kronstorf. Der Strom muss physisch erst einmal herangeführt werden – und das in einem Bundesland, das mit Voest-Elektrifizierung und wegfallendem russischem Gas ohnehin unter Druck steht.

Hier trifft das Projekt einen wunden Punkt der schwarz-blauen Landesregierung. Zuständig für Infrastruktur und Verkehr ist der freiheitliche Landesrat Günther Steinkellner, für Energie- und Standortfragen die ÖVP – der Netzausbau ist damit unmittelbar Sache der Koalition, die den Google-Ansiedlungserfolg politisch für sich reklamiert. Eine eigene, dezidierte FPÖ-Bewertung speziell zum Kronstorfer Verbrauch liegt bislang nicht vor; öffentlich Position bezogen hat aus der Regierung vor allem die ÖVP.

UVP-Streit: Windrad wird geprüft, Serverhalle nicht

Für Zündstoff sorgt weiter, dass für das Milliardenprojekt keine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) nötig ist. SPÖ-Umweltsprecherin Julia Herr will das Thema in die laufende UVP-Novelle einbringen und formuliert den Vorwurf zugespitzt: Es könne nicht sein, dass kleine Windkraftprojekte streng auf ihre Umweltwirkung geprüft würden, während riesige Serverhallen auf der grünen Wiese ohne Überprüfung auskämen. Auch der grüne Landesrat Stefan Kaineder hält den Standort für „mehr als problematisch” und kritisiert die Verbauung von fruchtbarstem Ackerland.

Die Bürgerinitiative Rechenzentrum Kronstorf treibt vor allem der Verdacht um, dass die UVP-Schwellen bewusst knapp unterschritten worden seien. Ihr Vertreter Harald Müllner ärgert, dass sich die Landespolitik oft bedeckt halte und Dinge abgehandelt, veröffentlicht und durchgezogen würden. Für Freitagnachmittag hat die Initiative zu einer Kundgebung an der Baustelle geladen – gefordert werden unter anderem die Offenlegung aller Verträge zwischen Politik und Tech-Konzernen sowie ehrliche Gesamtprüfungen zu Lärm, Verkehr und Netzsicherheit.

Bleibt die Frage, die alle Beteiligten offenlässt: Wenn nicht einmal die Größenordnung des Verbrauchs feststeht – wie soll dann seriös beurteilt werden, ob Oberösterreichs Netz den Google-Giganten verkraftet?