In München wird der Gartenschlauch zum Bußgeldrisiko. Private Pools dürfen nicht mehr befüllt, Rasenflächen überhaupt nicht mehr bewässert werden. Beete und Blumen sind zwischen 9 und 19 Uhr tabu. Auch das private Autowaschen ist verboten.

In einem Tagesschau-Beitrag zählt Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne) die neuen Regeln selbst auf. Verstöße können mit bis zu 50.000 Euro geahndet werden.

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Die Allgemeinverfügung wurde formal von der Unteren Wasserbehörde erlassen. Politisch steht Krause hinter dem Wasser-Hammer. Die Regeln gelten zunächst bis 1. August und können verlängert werden.

Versorgung gesichert – Bürger trotzdem unter Verdacht

Dabei sagt die Stadt selbst: Die Trinkwasserversorgung sei weiterhin gesichert. Gleichzeitig seien die Fördermöglichkeiten nahezu ausgeschöpft.

Normalerweise fließen laut Stadtwerken rund 300 Millionen Liter täglich durch München. Zuletzt waren es mehr als 360 Millionen, an besonders heißen Tagen Ende Juni sogar mehr als 400 Millionen Liter. Der trockene Winter und das niederschlagsarme Frühjahr hätten die Grundwasserneubildung geschwächt.

Auch die Stadt spart. Zehn ihrer 150 Zierbrunnen wurden abgeschaltet, 56 weitere laufen kürzer. Der Fischbrunnen am Marienplatz verschwand unter einer Abdeckung.

Die Botschaft: In München herrscht Wasser-Alarm. Nur die Datengrundlage bleibt erstaunlich dünn.

Vergleichsdaten? Gerade nicht zur Hand

Denn wie außergewöhnlich der aktuelle Verbrauch im Vergleich zu früheren Hitzesommern wirklich ist, lässt sich kaum überprüfen.

Die Stadtwerke veröffentlichen keine vollständigen historischen Tagesreihen. Auch aktuelle Angaben zu Leitungsverlusten fehlen. Auf Anfrage von NIUS konnte ein Sprecher entsprechende Vergleichsdaten nicht „aus dem Stegreif“ liefern.

Auch die von NIUS ausgewerteten Grundwassermessstellen werfen Fragen auf. Die Pegel liegen zwar niedrig, zeigen demnach aber keinen plötzlichen Absturz während der jüngsten Hitzewelle. Sie bewegen sich bereits seit Monaten auf einem ähnlichen Niveau.

Das widerlegt einen Engpass nicht. Dauerhaft niedrige Pegel können die Förderung belasten. Es erklärt aber noch nicht, warum ausgerechnet jetzt der private Rasen zum Fall für den Bußgeldkatalog wird.

NIUS verweist zudem auf einen historischen Spitzenwert: Am 16. Mai 1966 verbrauchte München 527,4 Millionen Liter – bei rund 400.000 Einwohnern weniger als heute. Ein einzelner Tag vor 60 Jahren beweist wenig. Er zeigt aber, weshalb belastbare Langzeitvergleiche wichtiger wären als dramatische Momentaufnahmen.

Einen Tag später war der Alarmwert schon vorbei

Besonders pikant: Bereits am Mittwoch sank der Verbrauch auf weniger als 330 Millionen Liter. Damit lag er nach Angaben der Stadtwerke wieder im durchschnittlichen Bereich.

Ob die Verbote wirkten oder schlicht der Regen half, konnten die Stadtwerke selbst nicht sagen.

München droht also weiter mit bis zu 50.000 Euro – obwohl der Verbrauch schon kurz nach Erlass der Verfügung wieder deutlich zurückgegangen war und die Ursache dafür offenblieb.

Der Bürger spart, das Gewerbe gießt

Die Regeln treffen vor allem Private. Gewerblich und öffentlich genutzte Grünflächen sind von zentralen Verboten ausgenommen. Sportplätze dürfen weiter bewässert werden. Gewerbliche Autowaschanlagen bleiben geöffnet, während der Bürger vor seiner Garage den Schwamm weglegen muss.

Die Stadt erklärt das damit, dass private Haushalte rund zwei Drittel des Münchner Wassers nutzten, Industrie und Gewerbe nur ein Drittel. Doch laut BR24 handelt es sich dabei um allgemeine Verbandszahlen – nicht um eine veröffentlichte, detaillierte Münchner Verbrauchsanalyse. Ziel der Verfügung sei eine Einsparung um etwa 20 Prozent.

Immerhin gibt es für gewerbliche Waschanlagen ein sachliches Argument: Nach Angaben ihres Branchenverbandes werden dort mindestens 90 Prozent des Wassers aufbereitet und erneut verwendet. Pro Waschgang seien deshalb nur 15 bis 30 Liter Frischwasser nötig.

Warum die Einsparwirkung der übrigen Verbote nicht ebenso konkret beziffert wird, bleibt offen.

Gestern noch „praktisch unerschöpflich“

Noch schöner wird die Geschichte beim Blick auf die frühere Eigenwerbung der Stadtwerke. Apollo News entdeckte, dass die SWM ihre Wasservorkommen im Mangfall- und Loisachtal bis mindestens Anfang Mai als „sehr ergiebig, ja praktisch unerschöpflich“ bezeichneten. In einer Broschüre war schlicht von „unerschöpflichen“ Vorräten die Rede

In der Zwischenzeit wurde der Satz von der Website entfernt. Auch die Broschüre ist über den früheren Link nicht mehr abrufbar.

Die Stadtwerke erklären, mit „unerschöpflich“ sei der natürliche Wasserkreislauf gemeint gewesen. Das bedeute nicht, dass sich für jeden beliebig hohen Verbrauch jederzeit genügend Wasser nachbilde. Man habe die Formulierung geändert, um Missverständnisse zu vermeiden.

Das Wasser mag also erneuerbar sein. Die Werbebotschaft war es offenbar nicht.

Die Wasserkrise endet mitten in Aschheim

Wie lokal das Problem ist, zeigt die Gemeinde Aschheim. Der Ortsteil Dornach wird von den Münchner Stadtwerken beliefert und muss sich an deren Sparanordnung halten. Der Hauptort bezieht sein Wasser von einem anderen kommunalen Versorger. Dort dürfen Pools weiterhin gefüllt und Gärten bewässert werden.

Der Versorger VEMO erklärte auf Anfrage von Apollo News, die Trinkwasserversorgung sei „uneingeschränkt sichergestellt“. Der Verbrauch zeige keine Auffälligkeiten, die Werte lägen im für den Sommer üblichen Bereich.

Der Vergleich ist allerdings nicht eins zu eins möglich. VEMO fördert aus der Münchner Schotterebene. München bezieht etwa 75 Prozent seines Wassers aus dem Mangfalltal und weitere 15 Prozent aus dem Loisachtal.

Der Kontrast beweist daher nicht, dass die Münchner Angaben falsch sind. Er zeigt aber: Es herrscht keine allgemeine Wasserkrise im gesamten Großraum. Das Problem betrifft offenbar bestimmte Fördergebiete und das konkrete Versorgungssystem der Stadtwerke.

Dürre ja – Deutschland verdurstet nicht

Dürre-Experte Andreas Marx warnt vor einfachen Untergangsbildern. Die derzeitige Trockenphase sei ernst und könne im Extremfall mehrere Jahre anhalten. Zugleich sei nicht davon auszugehen, dass Deutschland austrockne. Auch in 50 Jahren werde es voraussichtlich ein wasserreiches Land sein.

Marx sieht vor allem ein Datenproblem: In vielen Regionen sei nicht ausreichend bekannt, wer wann welche Mengen aus Grundwasser und Flüssen entnehme. Das gelte ausdrücklich auch für zahlreiche Industriebetriebe mit eigenen Wasserrechten.

In München wird hingegen zuerst der private Rasen sanktioniert – während die große Gesamtübersicht fehlt.

Jetzt landet der Wasser-Hammer vor Gericht

Mittlerweile wehrt sich ein Münchner Unternehmer juristisch. Christoph von Gamm hat beim Verwaltungsgericht München Klage gegen Teile der Allgemeinverfügung eingereicht. Sein Anwalt spricht von „Symbolpolitik auf Kosten der Bürger“ und kritisiert, dass private Gartenbesitzer belastet, große gewerbliche Nutzer aber teilweise ausgenommen würden.

Ob die Verfügung rechtswidrig ist, steht damit keineswegs fest. Darüber muss nun das Gericht entscheiden.

Ein lokaler Engpass ist durchaus möglich. Die Stadt hat aber eine besonders harte Antwort gewählt: Verbote für Private, Ausnahmen fürs Gewerbe, eine Strafdrohung von bis zu 50.000 Euro – und eine Datengrundlage, die der Öffentlichkeit nur bruchstückhaft vorliegt.

Für eine Stadt, deren Wasserwerke noch vor wenigen Wochen mit „unerschöpflichen“ Vorräten warben, ist das eine bemerkenswerte Kehrtwende.