Ein Buch über den neuen Judenhass: Der politische Stratege Warren Kinsella geht in seinem neuen Buch einer brisanten Frage nach: Wie konnte es passieren, dass Hamas-nahe Sichtweisen nach dem Massaker vom 7. Oktober weltweit so schnell Millionen Menschen erreichten? Und warum breitet sich im Westen ein Antisemitismus aus, der sich oft als Aktivismus, Antikolonialismus oder „Gerechtigkeit“ tarnt – und dabei jene freie Gesellschaft von innen zersetzt, die ihm überhaupt die Bühne bietet?

Der Titel des Buches lautet: „The Hidden Hand: The Information War and the Rise of Antisemitic Propaganda“. Auf Deutsch: „Die verborgene Hand: Der Informationskrieg und der Aufstieg antisemitischer Propaganda“. Ein Auszug daraus erschien nun bei The Free Press. Die zentrale These: Der Angriff der Hamas war nicht nur militärisch vorbereitet. Auch der digitale Informationskrieg war offenbar längst geplant.

Kinsella formuliert es drastisch: „Es ist kein Zufall, dass Hamas-inspirierte Sichtweisen eine Generation erfasst haben.“ Die Akteure der Terrororganisation zählten zu den versiertesten Nutzern sozialer Medien weltweit.

Der Fake-Account, der plötzlich explodierte

Kinsella schildert den Fall eines X-Accounts namens „RebelTaha“. Dahinter stand angeblich ein Mann namens Muhammad Taha.

Der Account veröffentlichte im Herbst 2023 Inhalte auf Arabisch und Englisch. Unter anderem ein Meme: Ein ukrainischer Soldat vor einem russischen Panzer wurde als „Selbstverteidigung“ bezeichnet. Ein Palästinenser, der einen Stein auf einen israelischen Panzer wirft, dagegen als „Terrorismus“.

Damals hatte der Account nur 82 Follower. Doch ab dem frühen Morgen des 7. Oktober änderte sich alles. Der Beitrag wurde laut Kinsella 170.000-mal angesehen. Er trendete. Dann ging er viral.

Das Brisante: „Muhammad Taha“ war laut dem Bericht keine echte Person. Das Profil war gefälscht.

616 Posts in nur zwei Tagen

Auffällig war vor allem die Geschwindigkeit. Innerhalb von zwei Tagen Anfang Oktober 2023 veröffentlichte der Account 616 neue Inhalte. Rechnet man Schlaf ein, wären das etwa 20 Beiträge pro Stunde. Also alle drei Minuten ein neuer Post.

Für Kinsella ist das ein deutliches Indiz: Hinter dem Account stand sehr wahrscheinlich nicht eine Einzelperson, sondern ein koordiniertes Team.

Noch brisanter: Der Account war bereits im März 2022 angelegt worden. Lange blieb er unauffällig. Er schrieb über Cricket oder Kampfsport. Dann, rund um den 7. Oktober, wurde er plötzlich politisch hochaktiv.

530 Millionen mögliche Kontakte

Laut der israelischen Bot-Monitoring-Firma Cyabra waren Tausende ähnliche Accounts im Einsatz. Das Unternehmen untersuchte nach dem Hamas-Angriff mehr als 162.000 Profile, die dem Muster des „RebelTaha“-Accounts ähnelten. Ein Viertel davon sei unecht gewesen.

Diese Fake-Profile erzeugten laut Kinsella innerhalb von nur 48 Stunden 312.000 Posts und Kommentare. Potenziell erreichten sie damit mehr als 530 Millionen Accounts.

Cyabra kam zu einem brisanten Schluss: Normalerweise setzten Fake-Kampagnen entweder auf ähnliches Online-Verhalten oder auf strategische Verbindungen zwischen Profilen. Diese Kampagne aber habe „ein höheres Maß an Raffinesse“ gezeigt, weil sie „beide Ansätze gleichzeitig“ genutzt habe.

Das zeigt die Dimension des digitalen Angriffs: Während Israel noch mit Schock, Chaos und militärischer Reaktion beschäftigt war, lief im Netz bereits eine massive Kampagne.

Drei Narrative nach dem Massaker

Die Fake-Accounts verbreiteten laut Kinsella zunächst vor allem drei Botschaften.

Erstens: Hamas habe eine enorme Zahl von Israelis gefangen genommen. Ein Gefangenenaustausch stehe unmittelbar bevor.

Zweitens: Hamas sei angeblich „menschlich“ gegenüber Geiseln.

Drittens: Israel habe Muslime bei der al-Aqsa-Moschee angegriffen. Damit sollte der Terrorangriff nachträglich gerechtfertigt werden.

Besonders schlicht waren die Parolen, mit denen die Accounts arbeiteten: „Israel ist ein Terrorstaat“, „Israel = Terror“ und ähnliche Botschaften.

Gerade dieses Muster ist entscheidend: Die Täter wurden nicht als Täter dargestellt, sondern als angeblich Reagierende. Der Massenmord wurde in ein Narrativ von „Widerstand“ und „Vergeltung“ eingebettet.

Besonders perfide: Die Propaganda mit Shiri Bibas

Besonders erschütternd ist ein Beispiel aus dem Bericht.

Ein Beitrag vom 7. Oktober zeigte Shiri Bibas mit ihren beiden rothaarigen Söhnen Ariel und Kfir. Die drei waren im Kibbuz Nir Oz entführt worden. Der Propaganda-Text lautete: „Palästinensische Soldaten: Niemand soll der jüdischen Frau etwas antun, beschützt sie. Sie hat Kinder, wir sind Menschen der Menschlichkeit, wir kennen den Wert des Menschen.“

Später wurde bekannt: Shiri Bibas und ihre Kinder wurden getötet.

Damit wird die ganze Grausamkeit der Propaganda sichtbar. Während Opfer als Schutzbefohlene inszeniert wurden, waren sie in Wahrheit Geiseln einer Terrororganisation.

„Die Aktion ist weniger wichtig als ihre Dokumentation“

Noch brisanter wird der Bericht dort, wo es um Hamas-Dokumente geht.

Laut Kinsella fanden die israelischen Streitkräfte bei einer Razzia im Gazastreifen im August 2024 Unterlagen, die den Propaganda-Apparat der Hamas belegten. Darin ging um das Ziel, „das Narrativ zu kontrollieren“, das über Gaza verbreitet werde.

Ein Jahr später tauchten weitere Dokumente auf. Demnach unterhielt Hamas ein Team von 1500 Propagandisten in sogenannten Kommandozentren im gesamten Gazastreifen.

Jedes Hamas-Bataillon und jede Brigade hatte einen eigenen Propaganda-Offizier. Diese leiteten laut Kinsella „psychologische Operationen“. Darunter arbeiteten sogenannte „operative Dokumentierer“. Sie waren in Feldfotografie geschult und sollten Aktionen gegen Israel filmen, dokumentieren und in Echtzeit weiterleiten.

Ihr zynisches Motto laut Kinsella: „Die Aktion ist weniger wichtig als ihre Dokumentation.“

Dieser Satz fasst die Logik des modernen Terrors zusammen. Nicht nur die Gewalt zählt. Entscheidend ist, wie sie gefilmt, geschnitten, verbreitet und gedeutet wird. Ein anonymer IDF-Vertreter fasst zusammen: „Keine Hamas-Operation findet statt, ohne dass das Propagandanetzwerk ein integraler Bestandteil davon ist.“

Hamas als Medienmaschine

Zudem verfügte Hamas über ein 160-köpfiges elektronisches Team im Gazastreifen.

Dieses Team hatte bis zu 1,2 Millionen Follower in sozialen Medien. Zusätzlich postete es regelmäßig in Gruppen und Foren mit weiteren 25 Millionen Followern.

Die Strategie laut den Dokumenten: Hamas wollte „fortgeschrittene Technologien“ nutzen, um soziale Medien „in sehr kurzer Zeit“ zu fluten.

Kurz: Hamas ist nicht nur eine Terrororganisation, sondern eine hochprofessionelle Propaganda-Maschine.

Iran, KI und die Bot-Armee

Auch der technische Aspekt ist brisant.

Oded Vanunu, Technologiechef des Cybersicherheitsunternehmens Check Point Software Technologies, sagte , die Fake-Profile hätten zwei Hauptziele gehabt: „Fake News zu verbreiten und Online-Vandalismus zu betreiben.“

Viele dieser Profile seien staatlich unterstützt gewesen – vor allem durch den Iran und andere Verbündete der Hamas. Vanunu spricht von einer „Bot-Armee“. Künstliche Intelligenz mache den Aufbau solcher Netzwerke immer einfacher.

Rund um den 7. Oktober seien derart viele Bots aktiviert worden, dass er ein solches Ausmaß noch nie zuvor gesehen habe. Wörtlich sagte Vanunu laut Kinsella: „Das war auf einem Niveau, wie ich es in meinem Leben noch nie gesehen habe.“

„Erfolgreichste Entführung sozialer Medien“

Die Folgen waren massiv.

Die Organisation CyberWell untersuchte Hunderttausende antisemitische Beiträge im Jahr vor und nach dem 7. Oktober. Ergebnis: In den elf Monaten vor dem Angriff wurden 135.556 Beiträge als hochwahrscheinlich antisemitisch markiert. In den elf Monaten danach waren es 185.229. Das entspricht einem Anstieg um 36,6 Prozent.

Noch extremer war die Entwicklung unmittelbar nach dem Massaker: In den drei Wochen nach dem 7. Oktober stieg der Online-Antisemitismus laut CyberWell um 86 Prozent.

CyberWell-Gründerin Tal-Or Cohen Montemayor spricht im Buch von der „erfolgreichsten Entführung sozialer Medien“. Hamas habe die großen Plattformen mit antisemitischem Gewalt-Content geflutet und Millionen Menschen erreicht.

Einer Generation wird der Kopf verdreht

Der eigentliche Skandal liegt nicht nur in der Technik. Sondern in der Wirkung.

Kinsella beschreibt, wie Hamas-nahe Narrative vor allem junge Menschen im Westen erreichten. Viele Angehörige der Generation Z und der Millennials sehen Israel in der Zwischenzeit nicht mehr als angegriffenen Staat, sondern als Täter. Der Terror wird als „Widerstand“ verklärt. Der Judenhass tarnt sich als Gerechtigkeit.

So wird einer ganzen jungen Generation der Kopf verdreht: mit Bildern, Memes, kurzen Parolen und emotionalen Videos. Nicht durch komplizierte Argumente. Sondern durch digitale Dauerberieselung.

Der frühere israelische Geheimdienstoffizier Avi Melamed kommt in dem brisanten Buch ebenfalls zu Wort: „Junge Menschen fallen sehr, sehr leicht auf sensationelle, romantisierte Bilder, Rhetorik und Symbole herein.“

Wenn Wissen, kritisches Denken und Medienkompetenz fehlten, suche man nicht mehr nach Kontext und Nuancen. Das könne, so Melamed, „in die Katastrophe führen“.

„Sie wussten, wie sie junge Menschen auf ihre Seite ziehen“

Auch Khaled Hassan, der als Muslim in Ägypten aufwuchs, später zum Judentum konvertierte und heute eine Anti-Terror-Organisation leitet, beschreibt die Wirkung.

Überall im Netz seien Menschen und Gruppen bereit, das Hamas-Narrativ zu übernehmen. Hassan nennt das eine Form der Kriegsführung, die „völlig neu“ sei. Für junge Menschen wirke es wie eine Form von Widerstand.

Hassan sagt laut Kinsella: „Hamas war diesmal klüger. Sie wussten, was sie online tun mussten, sie wussten, was sie sagen mussten. Sie wussten, wie sie junge Menschen auf ihre Seite ziehen konnten.“ Und weiter: Hamas habe es geschafft, Menschen davon zu überzeugen, dass es hier um Gerechtigkeit gehe.

Das ist der Kern des digitalen Krieges: Aus Terror wird „Widerstand“. Aus Massenmord wird „Kontext“. Aus Judenhass wird angeblicher Antikolonialismus.

Israel verlor den Kommunikationskrieg

Kinsella übt auch Kritik an Israel. Israels Kommunikation sei zu Beginn des Krieges oft verworren, widersprüchlich und wenig wirksam gewesen. Die pro-Hamas-Seite habe dagegen mehr Inhalte produziert – und diese hätten professioneller gewirkt.

Ganz fair sei der Vergleich aber nicht: Hamas und ihre Verbündeten hätten ihre Kampagne mindestens zwei Jahre vorbereitet. Unterstützt worden seien sie dabei von einem ganzen Netzwerk aus Propagandisten, technischen Spezialisten und Verbündeten wie Iran, Katar und Russland.

Der Krieg auf dem Smartphone

Der vielleicht wichtigste Punkt des Buchauszugs: Der Krieg findet nicht mehr nur auf dem Schlachtfeld statt. Er findet auch auf X, TikTok, Instagram und Telegram statt. Auf Smartphones. In Memes. In kurzen Videos. In emotionalen Bildern. In falschen Narrativen, die schneller unterwegs sind als jede spätere Korrektur.

Khaled Hassan formuliert es drastisch: Für Hamas sei die wichtigste Waffe des Krieges heute das Smartphone. Es liefere entscheidende Einblicke, wie Menschen im Westen leben – und wie man ihre Unterstützung gewinnen könne.

Kinsellas Befund ist düster: Hamas habe verstanden, dass Terror heute nicht nur verübt, sondern zugleich medial verwertet werden muss.

Der 7. Oktober war damit nicht nur ein Massaker. Er war auch der Startpunkt einer digitalen Intifada – vorbereitet mit Fake-Accounts, Bots, Propaganda-Offizieren und einer globalen Zielgruppe.

Und diese Zielgruppe ist besonders gefährdet: junge Menschen im Westen, denen mit professioneller Propaganda der Kopf verdreht wird.