Die New York Times zählt zu den einflussreichsten Zeitungen der Welt. Genau deshalb ist der Schock nun so groß.
Ein Meinungsartikel des bekannten Kolumnisten Nicholas Kristof hat einen schweren Medien-Eklat ausgelöst. Darin werden israelischen Soldaten schwerste sexuelle Verbrechen an Palästinensern vorgeworfen. Unter anderem geht es um die bizarre Behauptung, israelisches Wachpersonal habe Hunde dazu ausgebildet und eingesetzt, palästinensische Gefangene sexuell zu missbrauchen.
Kritiker sprechen von Fake-News, Hamas-Propaganda, sogar von einer modernen Blutlüge.
Netanyahu prüft rechtliche Schritte
Israels Premierminister Benjamin Netanyahu erteilte seinen Rechtsberatern bereits den Auftrag, die härtesten rechtlichen Schritte gegen die New York Times und Nicholas Kristof zu prüfen. Netanyahu warf der Zeitung vor, Israels Soldaten diffamiert und eine „blood libel“, also eine Blutlüge, verbreitet zu haben. Damit werde eine falsche Symmetrie hergestellt: hier die Terroristen der Hamas, dort die Soldaten Israels.
Auch Außenminister Gideon Sa’ar sprach von einer der abscheulichsten und verdrehtesten Lügen, die je gegen Israel in der modernen Presse veröffentlicht worden seien.
Fragwürdige Quellen im Zentrum
Besonders brisant ist die Quellenlage. Kristof stützte sich auf Berichte von Menschenrechtsorganisationen. Eine zentrale Rolle spielt dabei Euro-Med Human Rights Monitor, eine NGO mit Sitz in Genf. Genau diese Organisation steht seit Jahren in der Kritik.
Laut NGO Monitor haben führende Personen von Euro-Med Verbindungen zur Hamas oder zu Hamas-nahen Strukturen. Gründer Ramy Abdu wurde von Israel bereits 2013 auf einer Liste wichtiger Hamas-Akteure und Institutionen in Europa genannt.
Trotzdem wurde Euro-Med in der New York Times als unverdächtige Quelle für schwerste Vorwürfe gegen Israel herangezogen – ohne dass diese politische Schlagseite ausreichend klar würde.
Wenn NGOs zu Wahrheitsrichtern werden
Genau hier geht der Fall weit über die New York Times hinaus. Viele große Medien übernehmen Berichte von NGOs, als wären sie amtliche Untersuchungen. Das Wort „Menschenrechtsorganisation“ wirkt wie ein Gütesiegel. Was daruntersteht, gilt dann schnell als moralisch unangreifbar.
Doch NGOs sind nicht automatisch neutral. Manche verfolgen klare politische Ziele und arbeiten mit einseitigen Begriffen. Sie liefern Material, das später von Medien, UN-Gremien und Aktivisten immer wieder zitiert wird. So entsteht ein gefährlicher Kreislauf.
Eine NGO erhebt einen Vorwurf. Ein großes Medium berichtet darüber. Andere Medien berufen sich auf dieses Medium. Am Ende wirkt eine Behauptung wie eine gesicherte Tatsache – obwohl die ursprüngliche Quelle bei näherem Hinsehen hoch umstritten ist.
Kritiker sprechen von Propaganda
Der israelisch-amerikanische NGO-Experte Gerald Steinberg sprach von einem klassischen Beispiel für den „NGO-Halo-Effekt“. Gemeint ist: NGOs erhalten einen Vertrauensbonus, nur weil sie sich als Menschenrechtsakteure präsentieren.
Andere Kritiker warfen Kristof vor, Hamas-nahe Propaganda in die New York Times getragen zu haben. Besonders die Behauptung über Hunde wurde als grotesk bezeichnet.
Auch Deborah Lipstadt, frühere US-Sonderbeauftragte gegen Antisemitismus, reagierte empört. Sie fragte, ob die New York Times noch ein Gespür für Anstand und journalistische Verantwortung habe.
New York Times verteidigt den Text
Die New York Times weist die Vorwürfe zurück. Kristofs Text sei sorgfältig recherchiert worden, erklärt die Zeitung. Die Aussagen seien, soweit möglich, mit Zeugen, Angehörigen und Anwälten abgeglichen worden.
Doch während Kristof deren Behauptungen samt der fragwürdigen NGO uneingeschränkt Glauben schenkte, verschwieg er ein medizinisches Gutachten von Prof. Alon Pikarsky, Direktor der Chirurgie am Hadassah-Universitätsklinikum Jerusalem, wie Kritiker hervorheben. Dieses kam gerade nicht zu dem Schluss, dass die Verletzung des Häftlings einen externen sexuellen Übergriff belege. Im Gegenteil: Das Fehlen von Verletzungen am Anus stütze „die These der Selbsteinführung und nicht die eines Eingriffs durch eine externe Person“. Das Verfahren gegen die beschuldigten IDF-Reservisten wurde demnach eingestellt.
Brisantes Timing
Der Fall ist auch wegen des Timings brisant. Kristofs Artikel erschien in einer Phase, in der ein neuer, rund 300 Seiten starker Bericht über sexuelle Gewalt der Hamas-Terroristen am 7. Oktober veröffentlicht wurde. Darin wird dokumentiert, dass sexuelle und geschlechtsspezifische Gewalt Teil des Terrorangriffs war.
Für Kritiker wirkt es daher wie eine gefährliche Verschiebung des Fokus: Statt die Verbrechen der Hamas ins Zentrum zu stellen, steht plötzlich wieder Israel auf der Anklagebank. Genau darin sehen viele Beobachter ein bekanntes Muster.
Wie aus NGO-Vorwürfen Schlagzeilen werden
Der Fall zeigt ein tieferes Problem der westlichen Berichterstattung über den Nahostkonflikt.
Israel wird oft mit einem Misstrauen behandelt, das anderen Staaten oder Akteuren kaum entgegenschlägt. Aussagen von Hamas-nahen Strukturen, antiisraelischen NGOs oder politisierten UN-Gremien finden schnell ihren Weg in große Medien. Israelische Dementis kommen später. Korrekturen noch später. Der Schaden ist dann längst angerichtet.
Erst allmählich wird vielen im Westen bewusst, dass NGOs und internationale Organisationen nicht automatisch neutrale Instanzen sind. Auch sie verfolgen Interessen, setzen Begriffe und schaffen Deutungsrahmen.
Der Fall zeigt deshalb mehr als einen Streit zwischen Israel und der New York Times. Er zeigt ein Systemproblem: Politische NGOs liefern Vorwürfe, große Medien geben ihnen Reichweite, internationale Organisationen greifen sie auf – und am Ende wirkt eine hoch umstrittene Behauptung wie eine gesicherte Tatsache.

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