NGO Monitor sieht hinter den britischen Gaza-Protesten weit mehr als eine spontane Empörungsbewegung. Die Organisation warnt vor einer grenzüberschreitenden Infrastruktur, die westliche Demokratien unter Druck setze.

„Undurchsichtige, an ausländischen Akteuren ausgerichtete Organisationen, die in der Gesellschaft Chaos anrichten, sind ein existenzielles Problem für demokratische Staaten“, sagt Naftali Shavelson, internationaler Sprecher von NGO Monitor, gegenüber dem exxpress.

Die Protestwelle seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 habe eine „Transparenzkrise in westlichen Ländern“ offengelegt. „Registrierte und nicht registrierte Gruppen, über die die Menschen nichts wissen, haben den Alltag für ausländische Akteure mit eigenen Interessen vereinnahmt.“

NGO Monitor ist eine israelische Forschungsorganisation, die Finanzierung, Netzwerke und politische Aktivitäten von NGOs untersucht.

Großbritannien ist nur ein Ausschnitt

Die Gaza-Proteste erschienen vielerorts als spontane Empörungswelle. Doch zumindest für Großbritannien zeichnet der neue, 129 Seiten starke Report „Imported Influence“ ein anderes Bild: Wiederkehrende Großdemonstrationen stützten sich auf eine längst bestehende und professionell organisierte Infrastruktur.

Nach Shavelsons Einschätzung reicht sie weit über Großbritannien hinaus. Viele der untersuchten Organisationen seien Teil internationaler Bewegungen, hätten Ableger in mehreren Staaten oder arbeiteten eng mit Partnern in Kontinentaleuropa, den USA und Australien zusammen.

„Diese Organisationen teilen häufig Finanzierungsnetzwerke, Kampagnenbotschaften, Protesttaktiken und organisatorische Partnerschaften über Grenzen hinweg. In vielerlei Hinsicht ist das britische Netzwerk nur ein Bestandteil einer viel größeren transnationalen Protestinfrastruktur.“

Ein umfassender Report deckt das Netzwerk hinter den scheinbar spontanen Gaza-Protesten auf.
Ein umfassender Report deckt das Netzwerk hinter den scheinbar spontanen Gaza-Protesten auf.

Sechs Gruppen bei 80 Prozent der Aktionen

NGO Monitor untersuchte 40 größere Proteste und Mobilisierungskampagnen in Großbritannien zwischen Oktober 2023 und Mai 2026. Obwohl bei einzelnen Aktionen Hunderte Organisationen auftraten, bildeten sechs Gruppen den wiederkehrenden Kern. Mindestens eine von ihnen war an 32 der 40 untersuchten Proteste beteiligt – also an 80 Prozent.

Es handelt sich um die Stop the War Coalition, Friends of Al-Aqsa, die Muslim Association of Britain, das Palestinian Forum in Britain, die Palestine Solidarity Campaign und die Campaign for Nuclear Disarmament.

Sie bewarben nicht bloß dieselben Kundgebungen. Laut Report stellten sie wiederholt Personal, Kampagnenmaterial, gemeinsame Botschaften, regionale Netzwerke und Mobilisierungsstrukturen bereit.

So entstand ein Protestökosystem, das nach außen wie eine spontan gewachsene Massenbewegung wirken konnte. Der Report behauptet nicht, jeder Demonstrant sei Islamist oder unterstütze Terrororganisationen. Der Vorwurf richtet sich gegen die Infrastruktur hinter den Märschen.

Elf Organisationen mit brisanten Verbindungen

Bei mindestens elf der 40 untersuchten Organisationen dokumentiert NGO Monitor Beziehungen zu extremistischen Organisationen – oder entsprechende Kontakte und Kooperationen ihrer Funktionäre.

Genannt werden Hamas, Hisbollah, das iranische Regime und dessen Revolutionsgarden, die Terrororganisation PFLP sowie die Muslimbruderschaft.
Auf Anfrage des exxpress legte Shavelson dar, welche Fälle NGO Monitor für besonders schwerwiegend und gut belegt hält. Darunter befinden sich mehrere Akteure aus dem Kern des Protestnetzwerks.

Palästina-Aktivisten demonstrieren im Juni 2026 in London für verurteilte Mitglieder der „Filton 25“. Das Gericht wertete die Sachbeschädigung an einer Rüstungsfabrik als Tat mit terroristischem Zusammenhang.
Palästina-Aktivisten demonstrieren im Juni 2026 in London für verurteilte Mitglieder der „Filton 25“. Das Gericht wertete die Sachbeschädigung an einer Rüstungsfabrik als Tat mit terroristischem Zusammenhang.

Früheres Hamas-Politbüro-Mitglied gründete Kerngruppe

Die Muslim Association of Britain (MAB) wurde 1997 von Muhammad Kathem Sawalha gegründet. Es ist ein früheres Mitglied des politischen Büros der Hamas.

Im Jahr 2017 gehörte Sawalha einer hochrangigen Hamas-Delegation an. Unter Führung von Mousa Abu Marzook, dem damaligen Vizechef des politischen Büros, traf sie den russischen Vizeaußenminister in Moskau. Sawalhas Sohn Obada Mohammad Sawalha ist heute Direktor der Muslim Association of Britain.

Hinzu kommen Verbindungen zur Muslimbruderschaft. Ein von der britischen Regierung beauftragter Review hielt 2015 fest, die Bruderschaft habe die Muslim Association of Britain in früheren Entwicklungsphasen über mehrere Jahre „dominiert“. Der Bericht verwies außerdem auf die Verbindung der MAB zur Federation of Islamic Organisations in Europe, die von der Muslimbruderschaft gegründet worden war.

Im März 2024 bezeichnete der damalige britische Minister Michael Gove die MAB im Unterhaus noch deutlicher als „britischen Ableger der Muslimbruderschaft“.

Der Regierungsreview kam insgesamt zu dem Schluss, Aspekte der Ideologie und Taktik der Muslimbruderschaft seien mit britischen Werten unvereinbar und liefen den nationalen Interessen und der Sicherheit des Landes zuwider.

USA sanktionierten früheren Vorsitzenden

Auch das Palestinian Forum in Britain zählt zu den sechs Kerngruppen. Bis Februar 2026 wurde es von Zaher Birawi geleitet.

Am 21. Januar 2026 setzte das US-Finanzministerium Birawi auf seine Sanktionsliste. Nach Angaben der Behörde war er Mitgründer, Mitglied des Generalsekretariats und hochrangiger Funktionär der Popular Conference for Palestinians Abroad. Die USA stuften diese Organisation als von Hamas kontrolliert oder gesteuert beziehungsweise als in deren Auftrag handelnd ein.

Birawi wurde sanktioniert. Laut US-Finanzministerium gehörte Birawi zur Führung einer Organisation, die für Hamas gehandelt hat.

Iran-Nähe und „Terrorsympathien“

Besonders drastisch fällt die Bewertung der Islamic Human Rights Commission aus. Eine von der britischen Regierung beauftragte unabhängige Überprüfung des Anti-Radikalisierungsprogramms Prevent bezeichnete die IHRC 2023 als „islamistische Gruppe, die ideologisch am iranischen Regime ausgerichtet ist und eine Geschichte extremistischer Verbindungen und terroristischer Sympathien aufweist“.

Der IHRC-Mitbegründer und Vorstand Saied Reza Ameli war bis 2023 Sekretär des Obersten Rates der Kulturrevolution im Iran.

Die Organisation setzte sich zudem für Omar Abdel-Rahman ein. Der als „blinder Scheich“ bekannte Islamist wurde wegen einer Verschwörung zu Terroranschlägen in New York zu lebenslanger Haft verurteilt. Nach seinem Tod würdigte ihn die IHRC als „seltenen Mann mit Prinzipien“, der künftig noch mehr Menschen inspirieren werde.

Fast eine halbe Million über Gift Aid

Zugleich profitierte der IHRC Trust erheblich vom britischen Steuersystem. Nach einer Auswertung seiner Jahresabschlüsse durch den britischen Telegraph erhielt der Trust seit 2020 insgesamt 458.500 Pfund über Gift Aid. Dabei kann eine anerkannte Organisation für qualifizierte private Spenden einen zusätzlichen Steueranteil vom Staat beanspruchen.

Im Geschäftsjahr bis Juni 2025 vergab der Trust beinahe 520.000 Pfund an die rechtlich getrennte IHRC Ltd. Die britische Charity Commission untersucht derzeit unter anderem die Aktivitäten des Trusts und dessen Finanzierung der nicht gemeinnützigen Gesellschaft.

Kampagnen mit PFLP-Geldbeschaffer

Auch das Palestinian Youth Movement Britain wird in Shavelsons Aufstellung genannt. Es organisiert laut NGO Monitor regelmäßig Veranstaltungen und Kampagnen gemeinsam mit Samidoun.

Die USA und Kanada gingen im Oktober 2024 gemeinsam gegen Samidoun vor. Das US-Finanzministerium bezeichnete die Organisation als „Schein-Wohltätigkeitsorganisation“, die als internationaler Geldbeschaffer für die Terrororganisation PFLP diene.

Samidoun sei von der PFLP gegründet worden und ermögliche ihr Fundraising in Europa und Nordamerika. Kanada stufte die Gruppe als Terrororganisation ein. Deutschland hatte sie bereits im November 2023 verboten.

Die US-Sanktionsliste führte neben Vancouver ausdrücklich auch London als Standort an.

Staatlich unterstützte NGOs im Protestumfeld

„Viele der wichtigsten NGOs hinter den Protesten werden direkt von Regierungen finanziert“, erklärt Shavelson gegenüber dem exxpress. Laut NGO Monitor erhalten 19 der 40 untersuchten Organisationen britische öffentliche Unterstützung – entweder über staatliche Förderungen oder das steuerlich begünstigte Gift-Aid-System.

Weitere Akteure beziehen Gelder aus anderen europäischen Staaten, von der Europäischen Kommission oder den Vereinten Nationen.

Islamic Relief UK wurde von Belgien und Norwegen unterstützt, Medical Aid for Palestinians von Schweden. Auch Oxfam GB zählt Shavelson auf. Bei einzelnen Organisationen gehe es um zweistellige Millionenbeträge.

Mehr als 16 Millionen Euro aus Deutschland

Auch Deutschland finanzierte eine Organisation, bei der die Bundesregierung selbst brisante Verbindungen festgestellt hatte. Islamic Relief Worldwide und Islamic Relief Deutschland verfügten nach Kenntnis der Bundesregierung über „signifikante personelle Verbindungen zur Muslimbruderschaft oder ihr nahestehenden Organisationen“.

Islamic Relief Deutschland erhielt seit 2013 rund 15,2 Millionen Euro aus dem Auswärtigen Amt. Weitere 965.040 Euro kamen über das Entwicklungsministerium beziehungsweise die staatliche GIZ hinzu. Die Bundesregierung bezeichnete das Islamic-Relief-Netzwerk zugleich als einen „weltweiten Verbund rechtlich selbstständiger – faktisch jedoch eng kooperierender – Hilfsorganisationen“.

Die Förderungen waren für humanitäre Projekte in Syrien bestimmt. Ende 2020 waren weitere Projektförderungen „bis auf Weiteres“ nicht vorgesehen.

13 Gruppen außerhalb der Regulierung

Neben öffentlichen Geldern kritisiert NGO Monitor erhebliche regulatorische Lücken.

Von den 40 untersuchten Organisationen sind zehn als gemeinnützige Organisationen registriert, acht als Unternehmen und neun als Mischkonstruktionen. Weitere 13 operieren außerhalb jedes formellen britischen Regulierungsrahmens – obwohl einige Spenden sammeln und seit Jahren politische Kampagnen betreiben.

Damit bleiben Geldgeber, Einnahmen, Ausgaben und Verantwortliche teilweise im Dunkeln.

Millionen Pfund flössen über Spenden, Mitgliedschaften, internationale Stiftungen und Aktivistenplattformen in das Umfeld. Das Gesamtvolumen lasse sich wegen der fehlenden Transparenz nicht beziffern. Mindestens zwei Organisationen, CAGE und die mittlerweile verbotene Palestine Action, warben laut Report auch um Kryptospenden.

„Finanzstarke, hoch koordinierte Einflusskampagnen“

Die britische Publizistin Melanie Phillips deutet den Report als Beleg für eine global koordinierte islamistische Einflusskampagne gegen den Westen. Humanitäre Anliegen und die Sprache der Menschenrechte würden demnach genutzt, um islamistische Narrative in Medien, Universitäten, Politik und Zivilgesellschaft zu tragen.

Darauf angesprochen erklärt Shavelson gegenüber dem exxpress: „Phillips hat zweifellos recht, dass westliche Länder wie Großbritannien Ziel finanzstarker, hoch koordinierter Einflusskampagnen sind, die falsche Vorstellungen über das Ausmaß antiisraelischer Einstellungen erzeugen und dadurch die globale Politik beeinflussen sollen.“

Und weiter: „Es ist ebenso unbestreitbar, dass viele Gruppen hinter diesem Vorstoß beunruhigend enge Verbindungen zu extremistischen und terroristischen Akteuren haben.“

Gemäß dem Report greifen Organisationen, Geldgeber, digitale Plattformen, Botschaften und Protestmethoden über Ländergrenzen hinweg ineinander. Großbritannien ist ein besonders genau untersuchter Ausschnitt eines größeren Systems.

EU soll Muslimbruderschaft verbieten

Für Europa leitet NGO Monitor daraus konkrete Forderungen ab. Organisationen müssten ihre Geldgeber, Führungsstrukturen und internationalen Partnerschaften umfassender offenlegen. Strenger kontrolliert werden sollten auch Mischkonstruktionen, die zugleich als gemeinnützige Organisation und Unternehmen auftreten.

Regulierungsbehörden müssten klarer zwischen humanitärer Tätigkeit und dauerhafter politischer Mobilisierung unterscheiden. Auch die Finanzierung über Kryptowährungen solle systematisch untersucht und beaufsichtigt werden.

Am weitesten geht Shavelson beim Umgang mit islamistischen Akteuren: „Gruppen wie die Muslimbruderschaft müssen von der EU verboten werden.“

Auch die strafrechtliche Verfolgung gewalttätiger Akteure und Verbote von Organisationen wie Palestine Action seien wichtige Schritte, um weitere Destabilisierung einzudämmen.

Israel und jüdische Gemeinden sind in dieser Analyse das erste und sichtbarste Ziel. Die weiter reichende Gefahr betrifft westliche Demokratien selbst: ihre Straßen, Universitäten, Medien und politischen Institutionen.

Der britische Report zeigt, wie rasch vorhandene Strukturen nach dem 7. Oktober mobilisiert werden konnten. Offen bleibt, wie viele weitere Knotenpunkte dieser Infrastruktur in Europa bisher schlicht niemand systematisch untersucht hat.