Das Office of Foreign Assets Control (OFAC) bezeichnet al-Abyari als hochrangigen Führer der ägyptischen Muslimbruderschaft. Diese hatte Washington bereits im Jänner 2026 als „Specially Designated Global Terrorist“ eingestuft.

Über den Österreicher heißt es: „Er ist Generalsekretär des Generalsekretariats der Muslimbruderschaft und blickt auf eine lange Geschichte hochrangiger Führungsfunktionen innerhalb der Muslimbruderschaft zurück.“

Vidino: „Innerer Führungszirkel“ – Schwerpunkt Finanzen

Wie mächtig al-Abyari tatsächlich ist, ordnet der renommierte Extremismusforscher Lorenzo Vidino gegenüber dem exxpress ein: „Er gehört zum inneren Führungszirkel der ägyptischen Muslimbruderschaft in London, mit einem besonderen Schwerpunkt auf Finanzen.“

Gerade dieser Finanzschwerpunkt erhält durch die neuen Vorwürfe aus Washington besondere Brisanz.

Washington: Finanzielle Hilfe für Hamas

Das US-Finanzministerium erklärt, al-Abyari habe Spendensammlungen für bereits sanktionierte Einrichtungen wie Filistin Vakfi und Hayat Yolu unterstützt. Beide waren zuvor wegen ihrer Verbindungen zur Hamas ins Visier von OFAC geraten.

Noch deutlicher heißt es: „Al-Abyari arbeitete mit Gruppen der Muslimbruderschaft zusammen, um die Hamas zu unterstützen und ihr finanzielle Hilfe zukommen zu lassen.“

Die formale Grundlage seiner Sanktionierung ist laut OFAC seine Tätigkeit direkt oder indirekt für die ägyptische Muslimbruderschaft beziehungsweise in deren Namen. Die Hamas-Vorwürfe führt Washington zusätzlich als Teil seiner Aktivitäten an.

Organisation sammelte laut USA für Hamas-Militärarm

Was hinter Filistin Vakfi steckt, hatte das US-Finanzministerium bereits im Juni 2025 erläutert. Die in der Türkei ansässige Organisation habe nach dem Terrorangriff vom 7. Oktober 2023 Spenden gesammelt: „mit der klaren Absicht, terroristische Aktivitäten der Hamas zu finanzieren“. Die Kampagnen hätten laut OFAC den militärischen Flügel der Hamas unterstützt.

Al-Abyaris Sanktionierung ist Teil einer größeren Aktion. Neben ihm traf Washington drei weitere Personen und drei Organisationen. Zwei davon bezeichnet OFAC als Scheinhilfswerke mit Muslimbruder-Verbindungen, die beträchtliche Gelder an den militärischen Arm der Hamas weitergeleitet hätten.

Hamas wurde vom US-Finanzministerium in seiner Mitteilung ausdrücklich als „Ableger der Muslimbruderschaft“ bezeichnet.

Schon 2017 fiel der Österreicher Forschern auf

Neu ist al-Abyari für Lorenzo Vidino keineswegs. Bereits 2017 beschrieb er ihn in seinem großen Bericht „The Muslim Brotherhood in Austria“ („Die Muslimbruderschaft in Österreich“) als: „einen langjährigen Bewohner Wiens und österreichischen Staatsbürger“.

Die Untersuchung entstand in Kooperation mit der Universität Wien und mit Unterstützung des Österreichischen Integrationsfonds sowie des damaligen Bundesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung.

Schon damals schrieb Vidino, al-Abyari gehöre in London zu den ranghöchsten Mitgliedern dessen, was traditionell das Zentrum der ägyptischen Muslimbruderschaft außerhalb Ägyptens gewesen sei.

Die neue Sanktion könnte zudem über die Personalie hinausweisen: Vidino zufolge gehört sie zu den ersten US-Maßnahmen gegen prominente Muslimbruder-Funktionäre in Europa, seit Washington Anfang 2026 mehrere Zweige der Bewegung sanktioniert hat.

Insider über Wien: „Sechs, sieben Jahre waren wir gemeinsam“

Besonders aufschlussreich ist ein Interview, das Vidino im Dezember 2021 in Wien mit Samir Abullaban führte. Veröffentlicht wurde es 2022 in einem Bericht der Dokumentationsstelle Politischer Islam über die Muslimbruderschaft in Deutschland und in Österreich.

Abullaban ist kein externer Kritiker der Muslimbruderschaft. Im Gegenteil. Der gebürtige Syrer spricht offen über seine eigene Zugehörigkeit zur Bewegung und gehörte selbst zu den führenden Persönlichkeiten des österreichischen Milieus.

Über seine gemeinsamen Jahre mit al-Abyari in den 1980er-Jahren sagt er: „Die ersten sechs, sieben Jahre waren wir gemeinsam in der Islamischen Vereinigung Österreich, und davor gab es eine andere Organisation in der Lindengasse die Islamische Union.“

Die Islamische Vereinigung Österreich (IVÖ) betreibt eine Moschee in der Wiener Praterstraße. Laut Bericht verbreitete sie aktiv die Ideologie der Muslimbruderschaft und war personell und organisatorisch eng mit Liga Kultur in Wien verflochten. Liga Kultur wiederum war laut den Autoren eng an internationale Strukturen der Muslimbruderschaft angebunden.

Noch davor waren Abullaban und al-Abyari nach dessen Schilderung in einer „Islamischen Union“ aktiv – vermutlich dürfte damit die spätere Sahaba-Moschee in der Lindengasse 1 gemeint sein. Sie wurde früher von Sami Mahmoud geleitet, der als der Muslimbruderschaft nahestehend galt, und 2012 geschlossen.

„Dann musste er das Land verlassen“

Ein weiterer Satz Abullabans fällt auf: „Dann musste er das Land verlassen und zog nach Großbritannien.“ Gemeint ist die Zeit um 1988. Warum al-Abyari Österreich nach Abullabans Darstellung „verlassen musste“, bleibt offen. Das Interview nennt keinen Grund.

In Großbritannien begann spätestens danach sein Aufstieg.

Vom Wiener Milieu ins Londoner Machtzentrum

Vidino schrieb schon 2017, al-Abyaris zentrale Stellung in London werde nicht nur durch Interviews mit hochrangigen Muslimbruder-Funktionären gestützt, sondern auch durch britische Unternehmensregister.

Al-Abyari sei dort als Direktor des Nile Valley Trust und von Alamat Media Services geführt worden. Beide waren laut damaliger Recherche unter 113 Cricklewood Broadway registriert – einer Adresse, die Vidino als Londoner Hauptquartier der Muslimbruderschaft bezeichnete.

Auch einer von al-Abyaris Söhnen, Abdulrahman – ebenfalls österreichischer Staatsbürger –, war laut Vidinos damaliger Recherche als Direktor von Alamat Media Services eingetragen.

Wien war kein unbedeutender Außenposten

Al-Abyaris Wiener Jahre fallen in eine Phase, in der Österreich nach Vidinos Recherche eine durchaus wichtige Rolle im europäischen Netzwerk der ägyptischen Muslimbruderschaft spielte.

In den 1970er- und 1980er-Jahren wurde dem Bericht zufolge sogar al-Da’wa fi-Uruba, die wichtigste Zeitschrift der ägyptischen Muslimbruderschaft im Westen, in Wien herausgegeben.

Vidino beschreibt Österreich historisch als Basis verschiedener Muslimbruder-Akteure. Diese hätten traditionelle Strukturen aufgebaut, Mitglieder rekrutiert und politische, finanzielle und materielle Unterstützung für ihre jeweiligen Mutterorganisationen geleistet.

Schon 2017 Warnung vor Hamas-Fundraising

Im Licht der aktuellen US-Sanktion fällt noch eine Passage aus dem Bericht besonders auf. Vidino schrieb bereits 2017: „Führer und Zweige der Muslimbruderschaft weltweit, einschließlich in Österreich, haben Gelder für Hamas, den palästinensischen Zweig der Muslimbruderschaft, gesammelt und Terrorakte gegen israelische Zivilisten unterstützt.“

Einen persönlichen Zusammenhang zwischen dieser damaligen Aussage und al-Abyari stellte der Bericht an dieser Stelle nicht her. Doch neun Jahre später erhebt nun das US-Finanzministerium konkrete Fundraising- und Hamas-Unterstützungsvorwürfe gegen den österreichischen Staatsbürger.

„Dann haben wir Leute von der Muslimbruderschaft eingeladen“

Abullabans Interview gibt darüber hinaus einen selten offenen Einblick in das damalige österreichische Milieu. Er betont zwar, die europäischen Strukturen hätten organisatorisch autonom gehandelt. Zugleich sagt er: „Wann immer wir Gäste nach Österreich eingeladen haben, haben wir Leute von der Muslimbruderschaft eingeladen. Wann immer wir Literatur, Bücher oder irgendetwas brauchten.“

Über die paneuropäische FIOE erklärte er: „Die Idee der FIOE war: Wenn sich die Muslime auf dem Kontinent nicht organisieren, werden sie in Europa keinen Einfluss haben.“

Auch über die langfristige Weitergabe der Ideologie sprach Abullaban ungewöhnlich offen. Menschen seien mehrere Jahre in sogenannten Usras – kleinen Basiseinheiten der Muslimbruderschaft – geblieben und später mit ihren Kindern zurückgekehrt.

Seine eigene Erklärung: „Sie vertrauen der Denkweise der Muslimbruderschaft und wollen, dass diese Denkweise an ihre Kinder weitergegeben wird.“

USA nehmen Finanznetzwerke ins Visier

Washington sieht einen größeren Zusammenhang. Das US-Finanzministerium beschreibt ein grenzüberschreitendes System aus Muslimbruder-Strukturen, Hamas-Tarnorganisationen, vermeintlichen Wohltätigkeitsorganisationen und informellen Finanznetzwerken, über die Gelder bewegt und verschleiert würden. Gegen dieses Netzwerk richten sich die Sanktionen.

US-Finanzminister Scott Bessent: „Ob sie unter dem Deckmantel von Wohltätigkeitsorganisationen, Unternehmen oder geheimen Finanznetzwerken operieren: Wer die Hamas unterstützt, wird enttarnt, sanktioniert und zur Verantwortung gezogen.“

Für al-Abyari bedeutet die OFAC-Listung unter anderem, dass Vermögen und Vermögensinteressen in den USA beziehungsweise unter Kontrolle von US-Personen blockiert werden. Auch ausländische Finanzinstitute können bei bestimmten Geschäften mit Sanktionierten Sanktionsrisiken eingehen.

Eine jahrzehntelange Spur lässt sich damit heute ungewöhnlich dicht nachzeichnen. Sie beginnt im Wiener Muslimbruder-Milieu, setzt sich fort über den Londoner Führungszirkel, und mündet bei US-Sanktionen samt Hamas-Vorwürfen.