Der Rücktritt von Nico Marchetti als ÖVP-Generalsekretär kam am Dienstagabend zwar überraschend im Zeitpunkt – überraschend war er in der Sache aber längst nicht mehr. Schon seit Wochen wurde in der Volkspartei offen über den Abgang des 36-Jährigen spekuliert. Der Druck war zuletzt so groß geworden, dass ein Ende nur noch eine Frage der Zeit schien.

Bundeskanzler und Parteichef Christian Stocker hatte Marchetti lange die Stange gehalten – auch gegen laute Kritik aus den Bundesländern. Dort war man mit seinen Auftritten und den als ungeschickt empfundenen „Sagern” wiederholt unglücklich. Dazu kamen die desaströsen Umfragewerte der Bundes-ÖVP, die den Unmut gegenüber der Parteizentrale weiter anheizten.

„Das letzte i-Tüpfelchen": Die ORF-Causa als Auslöser

Zum endgültigen Bruch führte die ORF-Wahl. Marchetti, zugleich Mediensprecher der Partei, hatte den späteren Wahlsieger und damaligen APA-Chef Clemens Pig öffentlich zur Kandidatur als ORF-Generaldirektor aufgefordert – und damit die Gerüchteküche über ein abgekartetes Spiel kräftig befeuert. In der Kanzlerpartei sorgte das für erhebliche Verstimmung. „Das war das letzte i-Tüpfelchen”, zitiert oe24 einen Partei-Insider. Nach diesem Auftritt, so der Tenor, war die ORF-Causa schlicht zu viel.

Hinter den Kulissen war die Weichenstellung da längst im Gange. Aus Insiderkreisen war bereits vor Wochen zu vernehmen, dass Stocker nach einer anderen Lösung suchte – die Suche nach einem geeigneten Nachfolger habe sich allerdings länger hingezogen. Als heißester Kandidat gilt inzwischen Markus Gstöttner, einstiger Vertrauter von Ex-Kanzler Sebastian Kurz und aktuell Sonderbeauftragter für die Reformpartnerschaft im Kanzleramt.

„Er könne es einfach nicht": Kritik bis in die eigene Landespartei

Bemerkenswert: Der Rückhalt bröckelte nicht nur in den Ländern, sondern auch in Marchettis eigener Wiener Landespartei. Dort war seit Wochen deutliche Unzufriedenheit zu hören. Vor allem seine mangelnde öffentliche Präsenz und seine als ungeschickt empfundene Kommunikation stießen auf Kritik. Viele Funktionäre brachten es auf eine einfache Formel: „Er könne es einfach nicht.”

Marchetti selbst wählte für seinen Abgang deutlich mildere Töne. Auf Instagram schrieb er, er sei „aus Überzeugung Sachpolitiker” und „ein Politiker der Mitte” – die feine Klinge liege ihm mehr als der Bihänder. Er wolle sich ein zweites berufliches Standbein neben der Politik aufbauen. Seine Funktionen als Nationalratsabgeordneter, Bildungssprecher und Bezirksparteiobmann in Favoriten behält er.