„Europa, da ist viel legal.“ Diesen Satz soll Rahim Peerzada, früherer Leiter der afghanischen Botschaft in Madrid, gegenüber US-Grenzbeamten gesagt haben. Es ging dabei nicht um ein Kavaliersdelikt. Es ging um schwere Missbrauchsvorwürfe.

Mehrere Frauen werfen dem afghanischen Ex-Diplomaten sexuelle Belästigung oder Vergewaltigung vor. Eine Frau, die heute in Deutschland lebt, gibt laut Welt an, Peerzada habe sie 2022 in Madrid vergewaltigt – mutmaßlich, nachdem ihr K.-o.-Tropfen verabreicht worden seien.

Peerzada bestreitet die Vorwürfe.

Nun liegen Welt und Politico bislang unter Verschluss gehaltene US-Justizdokumente vor. Sie zeigen erstmals genauer, warum Peerzada in den USA in Abschiebehaft sitzt. Darüber hinaus zeichnen sie das Bild eines Falles, in dem mehrere brisante Spuren zusammenlaufen: Sex-Vorwürfe, Taliban-Verdacht, Iran-Terrorermittlungen.

Festnahme am Flughafen

Peerzada wurde am 30. März 2025 am Washington Dulles International Airport festgenommen. Er war aus der Türkei eingereist. Seither sitzt er in den USA in Abschiebehaft.

Der offizielle Grund: Die US-Behörden werfen ihm mutmaßliche Unterstützung der Taliban vor. Nach der Machtübernahme der Islamisten 2021 soll sich die afghanische Botschaft in Madrid unter Peerzada mit den Taliban koordiniert haben.

Laut einer Entscheidung eines US-Bundesrichters aus dem Mai 2025, habe Peerzadas Handeln „die Tendenz gehabt, die Taliban zu unterstützen und zu erhalten“. Das könne als „materielle Unterstützung“ der Taliban gewertet werden. Die Taliban gelten in den USA als Terrororganisation.

Sein Anwalt widerspricht

Peerzadas Verteidigung bestreitet den Vorwurf. Der Ex-Diplomat, der auch unter dem Namen Mohammad Rahim Wahidi auftritt, habe für die frühere, international anerkannte Islamische Republik Afghanistan gearbeitet – nicht für die Taliban.

Auch am Flughafenverhör übt sein Anwalt scharfe Kritik. Die Befragung sei ohne Anwalt, ohne Dolmetscher und mithilfe einer Übersetzungssoftware geführt worden. Peerzada habe das Protokoll zudem nicht unterzeichnet.

„Wenn du zu einem Mädchen gehst…“

Besonders brisant sind Passagen aus dem Verhör am Flughafen. Die US-Beamten wollten von Peerzada wissen, wie er sich die Vorwürfe der Frauen erkläre.

Peerzada sprach demnach von Personen, die seinen Ruf zerstören wollten. Er sei „sehr aktiv in Afghanistan“ gewesen.

Mehrfach fragten die Beamten, ob er die Bedeutung von Vergewaltigung, Einverständnis zu einem sexuellen Akt und Drogen kenne. Peerzada bejahte das. Fehlverhalten bestritt er.

Dann fiel laut den Dokumenten der Satz über Europa: „Europa, da ist viel legal.“

Wenn man zu einem Mädchen gehe und sie frage, ob sie „klatschen“ wolle – im englischen Protokoll steht „to clap“ –, dann bekomme man ein Mädchen, soll Peerzada gesagt haben.

Zur Frau, die ihm Vergewaltigung vorwirft, sagte Peerzada demnach, er habe keine Beziehung mit ihr gehabt. Er sei mit jemand anderem verlobt. Seine Frau wisse, „dass wir im Islam mehrere Ehefrauen haben dürfen“. Er kenne diese Frau nicht.

Nachricht am Handy: „Du hast sie vergewaltigt“

Die US-Beamten konfrontierten Peerzada auch mit einer Facebook-Nachricht. Sie soll als Screenshot im „Gelöscht“-Ordner seines Handys gefunden worden sein.

Darin schrieb eine Person: „Es gibt nichts mehr zu reden. Du hast sie vor 2,5 Jahren vergewaltigt. Jetzt musst du warten und sehen, was passiert. Ich verspreche dir, du wirst in den Nachrichten sein.“

Peerzada erklärte dazu, dieser Mann wolle seinem Ruf schaden.

Nach früheren Welt-Recherchen endete Peerzadas Zeit an der afghanischen Botschaft in Madrid kurz nach Bekanntwerden der Vorwürfe. Spanien soll ihn zur Ausreise aufgefordert haben. Spanische Behörden prüften demnach auch Schritte in Richtung eines Haftbefehls.

Der Schwager und die Iran-Spur

Noch brisanter wird der Fall durch einen weiteren Namen: Farhad Shakeri. Er ist Peerzadas Schwager.

Für die US-Justiz ist Shakeri Teil eines iranischen Terrornetzwerks. Er soll im Auftrag der Revolutionsgarden Anschlagspläne organisiert haben – darunter laut Anklage auch ein Attentat auf Donald Trump. Auch iranische Oppositionelle sollen ins Visier geraten sein. Shakeri gilt als flüchtig und wird in Teheran vermutet.

Auch diese Verbindung interessierte die US-Beamten. Peerzada erklärte laut den Dokumenten, er habe Shakeri 2009 in Afghanistan kennengelernt. Ein Freund habe ihm gesagt, er könne die Familie besuchen – und „ein Mädchen heiraten“. So habe er Shakeris Schwester kennengelernt und später geheiratet.

Zu möglichen Geldzahlungen an Shakeri machte Peerzada laut den Dokumenten widersprüchliche Angaben. Einmal soll er erklärt haben, zwischen 2009 und 2023 kleinere Beträge an seinen Schwager übergeben zu haben. Später bestritt er das.

Peerzadas Anwalt sieht keine Beweise für eine finanzielle Unterstützung des mutmaßlichen iranischen Agenten. Die US-Regierung habe zunächst versucht, Peerzada über die Verbindung zu Shakeri zu belasten. Als dafür keine ausreichenden Belege gefunden worden seien, habe sie auf die Taliban-These umgeschwenkt, argumentiert die Verteidigung.

Auch Spanien prüfte Schritte

Auch Spanien spielte in dem Fall bereits eine zentrale Rolle. Nach früheren Berichten soll Madrid Peerzada zur Ausreise aufgefordert haben. Spanische Behörden prüften demnach Schritte in Richtung eines internationalen Haftbefehls.