New York hat viele Wunden. Aber keine ist tiefer als der 11. September 2001.
Umso brisanter ist ein politischer Erfolg im Umfeld von Bürgermeister Zohran Mamdani. Die palästinensisch-amerikanische Aktivistin und demokratische Sozialistin Aber Kawas gewann die demokratische Vorwahl für den New York State Senate District 12 in Queens. Unterstützt wurde sie von Mamdani.
Kawas ist damit noch nicht endgültig gewählt. Die eigentliche Wahl folgt erst im November. Doch der Bezirk gilt als stark demokratisch – damit ist sie klare Favoritin. Genau das sorgt jetzt für Empörung.
Kapitalismus, Rassismus, weiße Vorherrschaft, Islamophobie mündeten in 9/11
Kawas sorgt schon seit längerem mit Aussagen über die Terroranschläge vom 11. September für Empörung.
In einem Video aus dem Jahr 2017 stellte sie 9/11 in eine lange Entwicklung aus Kapitalismus, Rassismus, weißer Vorherrschaft und Islamophobie. Diese Systeme seien benutzt worden, um Länder zu kolonisieren und Ressourcen zu nehmen. Bei 9/11 sehe man die Fortsetzung dieser Entwicklung.
Für Kritiker ist das eine Relativierung des islamistischen Terroranschlags. In New York, der Stadt der Twin Towers, ist das politischer Sprengstoff.
„Ein Terroranschlag, den ein paar Leute begangen haben“
Besonders empörend wirkt ein weiterer Satz aus demselben Zusammenhang. Kawas sagte sinngemäß, sie finde es verwerflich, dass „wir“ uns für einen Terroranschlag entschuldigen müssten, den „ein paar Leute“ begangen hätten, während es keine Entschuldigungen oder Reparationen für Genozide und Sklaverei gebe.
So kann man über 9/11 sprechen – und dann in New York eine demokratische Vorwahl gewinnen.
Konservative US-Medien sehen in Kawas eine Kandidatin, die 9/11 verharmlost. Jüdische Medien verweisen überdies auf ihre radikalen anti-israelischen Positionen. Linke und pro-palästinensische Medien feiern ihren Sieg hingegen als historischen Erfolg: Kawas könnte die erste palästinensisch-muslimische Frau im Parlament des Bundesstaats New York werden, schwärmen sie.
Doch der Fall Kawas ist nicht nur eine Personalie. Er ist Teil einer größeren politischen Entwicklung.
Mamdani macht aus AIPAC „Monster“
Denn nur wenige Tage zuvor hatte Mamdani selbst eine heftige Attacke gegen AIPAC geritten, die wichtigste pro-israelische Lobbyorganisation der USA.
Bei einer Wahlkampfveranstaltung in Brooklyn sprach Mamdani von „Monstern“, gegen die man kämpfe. Dann nahm er ausdrücklich AIPAC ins Visier. Der pro-israelischen Lobby warf er vor, Millionen „undurchsichtiger Walkampfgelder“ („dark money“) zu bewegen, Macht bewahren zu wollen und Menschen gegeneinander aufzubringen.
Zugleich verknüpfte er AIPAC mit Israels Krieg gegen die Hamas, mit Vorwürfen eines „Genozids“ und mit den Kriegen des israelischen Premierministers Benjamin Netanyahu.
Für Kritiker war damit eine rote Linie überschritten. Mamdani attackierte nicht nur eine Lobbygruppe. Er stellte die pro-israelische Interessenvertretung als dunkle Macht dar, die über Geldströme im Hintergrund die Demokratie verhindere und Gesellschaften spalte. Hier bemüht der New Yorker Bürgermeister ein uraltes antisemitisches Bild: der Jude, Israel oder die „Israel-Lobby“ als heimliche Macht im Hintergrund.
Selbst jüdische Unterstützer kritisieren Mamdani
Besonders heikel für Mamdani: Kritik kam nicht nur von Konservativen oder klassischen Israel-Unterstützern. Auch jüdische Unterstützer aus seinem eigenen politischen Umfeld distanzierten sich von der Wortwahl.
Rabbi Jill Jacobs, die Leiterin der progressiven Rabbiner-Organisation T’ruah, warnte: Mit dem Wort „Monster“ würden AIPAC und dessen Unterstützer nicht mehr als politische Gegner beschrieben, sondern entmenschlicht.
Auch Rabbi Misha Shulman, ein Mamdani-Unterstützer aus Brooklyn, zeigte sich irritiert. Noch problematischer als das Wort „Monster“ sei für ihn aber Mamdanis Vorwurf „undurchsichtiger Gelder“ gewesen.
Denn AIPAC ist zwar eine mächtige Lobbyorganisation mit politischem Arm. Die Organisation legt ihre Spender aber offen. Gerade deshalb sei die Formulierung gefährlich: In einem Klima des steigenden Antisemitismus könne sie klassische antisemitische Motive in die Debatte holen.
Mamdanis Gramsci-Verteidigung
Mamdani verteidigte sich später mit einem linken Theorieverweis. Er habe sich auf Antonio Gramsci bezogen – den italienischen Marxisten und kommunistischen Theoretiker, dessen Schriften bis heute für linke Bewegungen zentral sind. Gramsci beschrieb politische Krisen als Zeiten, in denen die alte Ordnung stirbt, eine neue aber noch nicht geboren werden kann.
Die heute oft zitierte Formel von der „Zeit der Monster“ ist allerdings keine exakte Gramsci-Formulierung, sondern eine spätere Zuspitzung. Der Grundgedanke ist: Die alte Ordnung verliert ihre Macht, eine neue Welt soll entstehen – und in dieser Zwischenzeit treten gefährliche Kräfte auf.
Bei Mamdani werden diese „Monster“ zu politischen Blockierern des Umbruchs. Sie stehen demnach der neuen Welt im Weg. Er schiebt AIPAC in die Rolle eines Feindes, der diese neue Welt verhindert.
Mamdanis Erklärung machte die Sache damit kaum besser. Er nahm die Entgleisung nicht einfach zurück. Er erklärte sie mit marxistischer Umbruchsrhetorik. Er habe alle gemeint, die die Geburt einer „neuen Welt“ verhinderten, sagte er bei einer Pressekonferenz. Gleichzeitig legte er nach: AIPAC stehe für einen „status quo for immorality“ – einen Status quo der Unmoral.
Näher besehen relativierte Mamdani die Zuspitzung nicht. Er machte daraus eine Weltanschauung.
„AIPAC“ durch „Juden“ ersetzen?
Die Reaktionen fielen scharf aus.
Ted Deutch, Chef des American Jewish Committee, nannte es empörend und gefährlich, Mitbürger als „Monster“ zu bezeichnen. Worte hätten Folgen weit über den politischen Streit hinaus.
Der demokratische Abgeordnete Josh Gottheimer formulierte es noch drastischer: Ersetze man „AIPAC“ durch „Juden“, erhalte man die älteste antisemitische Verschwörungstheorie der Welt. Mamdani sagt nicht offen: Juden kontrollieren die Politik. Aber seine Sprache legt für Kritiker genau jene Assoziationen nahe: dunkles Geld, heimliche Macht, Spaltung der Gesellschaft, moralische Verderbtheit.
Noch brisanter wird der Fall durch alte Aufnahmen von Kawas.
Unterstützung für Hamas-Sympathisantin?
Die Jüdische Allgemeine berichtet unter Berufung auf Canary Mission, dass Kawas im Jahr 2016 am Al-Quds-Tag eine Kopfbinde mit Hamas-Logo in die Luft gehalten habe.
Der Al-Quds-Tag wurde vom iranischen Revolutionsführer Ajatollah Khomeini initiiert und ist weltweit als anti-israelischer Mobilisierungstag bekannt. Kawas selbst stellte solche Symbolik laut Berichten als religiöses Bekenntnis oder pro-palästinensisches Zeichen dar. Kritiker sehen darin hingegen eine offene Nähe zur antisemitischen Terrororganisation Hamas.
Kawas ist keine Mitarbeiterin des Bürgermeisters. Aber sie wurde von ihm unterstützt. Ihr Sieg wird in US-Medien ausdrücklich als Teil der Mamdani-Welle beschrieben.
Solidarität mit al-Qaida-Unterstützer?
Die alten Kontroversen gehen noch weiter. Jewish Insider berichtete über in der Zwischenzeit gelöschte Blogposts, in denen Kawas Solidarität mit Fahad Hashmi gezeigt haben soll. Hashmi wurde in den USA wegen materieller Unterstützung für al-Qaida verurteilt.
Kawas soll ihn und weitere Islamisten in alten Einträgen als „imprisoned heroes“ bezeichnet haben – als eingesperrte Helden.
Auch die sogenannten „Holy Land Five“ tauchen in diesem Zusammenhang auf. Dabei handelt es sich um Aktivisten aus dem Umfeld der Holy Land Foundation, die in den USA wegen Unterstützung der Hamas verurteilt wurden.
Sogar J Street ist ihr zu zionistisch
Besonders aufschlussreich ist auch ein Fragebogen der Democratic Socialists of America. Darin kündigte Kawas an, jede Verbindung zur israelischen Regierung und zu „zionistischen Lobbygruppen“ wie AIPAC und J Street zu vermeiden.
AIPAC gilt als große pro-israelische Lobbyorganisation. J Street dagegen ist linksliberal, oft Netanyahu-kritisch und wird von vielen Konservativen als zu israelkritisch angesehen. Wenn selbst J Street als „zionistische Lobbygruppe“ ausgeschlossen wird, zeigt das: Hier geht es nicht nur um Kritik an Netanyahu oder einer bestimmten israelischen Regierung. Es geht grundsätzlicher gegen zionistische Institutionen.
Auch ein politischer Berater von Kawas hat laut Jewish Insider bei einem DSA-Treffen ungewöhnlich offen gesprochen haben. Man müsse in diesem Rennen „eine palästinensische Araberin“ aufstellen, um das „Feuer der israelischen Lobby“ auf sich zu ziehen – und sie zu schlagen.
„Mamdani-Welle“ erschüttert Demokraten
Der Fall ist größer als Kawas. Mamdani feierte bei den Vorwahlen nicht nur einen Sieg. Mehrere von ihm unterstützte Kandidaten setzten sich durch. Brad Lander, Claire Valdez und Darializa Avila Chevalier gewannen ihre Kongressvorwahlen. Auch mehrere demokratische Sozialisten auf Landesebene siegten gegen moderatere Gegner.
Gothamist nannte das die „Mamdani Welle“. Die Ergebnisse seien ein Machtbeweis des Bürgermeisters und ein Schock für das demokratische Establishment. Mamdani selbst sprach bei einer Siegesfeier davon, dass die Bewegung vor einem Jahr nicht geendet habe. Sie habe erst begonnen.
Ein Co-Chef der New Yorker Democratic Socialists of America formulierte es noch direkter: Man sei nicht „der Mann“, sondern „die Bewegung“.
Mamdani wird zum Machtzentrum einer Bewegung, die Kandidaten durch Vorwahlen trägt – und ihre Feindbilder immer unverhohlener dämonisiert.

Kommentare
Lädt Kommentare...