Israel singt beim Eurovision Song Contest (ESC) ein Liebeslied – doch in Wien klingt es plötzlich wie ein Abschied von Europa. Noam Bettans „Michelle“ handelt offiziell von einer toxischen Beziehung: von Loslassen, Schmerz und einer Liebe, die trotzdem bleibt. „Ich lasse dich gehen, leb wohl, meine Schöne“, heißt es darin. Und: „Ich lasse dich gehen, aber ich liebe dich.“
Der israelisch-österreichische Journalist Eldad Beck deutet diese Zeilen politisch: „Michelle“ sei auch Europa. Israel lasse Europa gehen – und liebe es dennoch weiter.
Beim ESC in Wien bekommt diese Lesart bittere Aktualität: Anti-Israel-Proteste, Boykottaufrufe und massive Sicherheitsvorkehrungen überschatten den Wettbewerb. Fünf Länder boykottieren den ESC wegen Israels Teilnahme. Der israelische Sänger Noam Bettan (28) tritt nicht einfach bei einem Musikwettbewerb auf – sondern gerät beinahe in einen Kulturkampf.
ESC-Streit ist nur die Spitze des Eisbergs
Für Benjamin Touati, CEO von ELNET-Israel, ist der ESC-Streit mehr als ein Musikskandal. ELNET steht für European Leadership Network und ist eine NGO, die Politiker und Experten in Europa und Israel vernetzt – mit dem Ziel, die Beziehungen zwischen dem jüdischen Staat und Europa zu stärken. Touati sieht im ESC-Streit ein Symptom einer viel größeren Entwicklung: „Die häufig einseitige Berichterstattung über die immer komplexer gewordene Lage in Gaza verstärkt bei vielen in Europa den klar erkennbaren Willen, Israel aus dem kulturellen und öffentlichen Leben auszuschließen“, sagt er gegenüber dem exxpress.
Der ESC sei kein Einzelfall. Auch andere „universelle Ereignisse, die eigentlich Menschen zusammenbringen sollen“, würden politisiert. Manche missbrauchten solche Kulturveranstaltungen zunehmend „als Plattformen, um Spannungen anzuheizen, und als Instrumente antiisraelischer Propaganda“ – oft genährt von „Unwissenheit, Falschinformationen und bisweilen offenen Lügen“.
Sänger unter Polizeischutz
Die Folgen sind konkret: Die Politisierung führe dazu, „dass ein Sänger, der sein Land, ein demokratisches und liberales Land, seine Kultur und sein Talent vertritt, von Dutzenden Polizisten geschützt werden muss“. Für Touati ist das „beschämend“. Der ESC sollte eigentlich daran erinnern, „dass Talent und Musik eine viel größere verbindende Kraft haben als das, was uns trennt“.
Österreich stellt Touati in diesem Punkt ein gutes Zeugnis aus. Wien verdiene Anerkennung dafür, trotz aller Spannungen Sicherheit zu gewährleisten und den Eurovision Song Contest als Raum für „Musik, Talent und Kultur“ zu bewahren.
Doch der israelische Teilnehmer werde „zu einem symbolischen Ziel“ gemacht – nicht wegen seiner Musik, sondern wegen eines breiteren Klimas, in dem Israelis und teils auch Juden insgesamt mit Begriffen wie „Kolonisatoren“, „genozidal“ oder sogar „Nazis“ belegt würden. Das sei eine „vollständige Umkehrung von Geschichte und Gegenwart.
„Wiederkehr eines alten Antisemitismus“
Für Touati steckt dahinter mehr als politische Kritik. Diese Sprache trage „zur Wiederkehr eines alten Antisemitismus“ bei: Juden würden erneut kollektiv dämonisiert und als grundsätzlich schuldig oder unerwünscht dargestellt.
Für viele Juden und Israelis erinnere das an jahrhundertealte Verfolgungen. Der Jude, der über Jahrhunderte hinweg der schlimmsten Gräuel beschuldigt, verfolgt und massakriert wurde, werde nun erneut delegitimiert – „diesmal sogar in seinem eigenen Heimatland und angestammten Land“.
Touatis Warnung: Kulturveranstaltungen müssten Räume des Dialogs und der Menschlichkeit bleiben – nicht Orte von Hass und Spaltung. „Am Ende sollte kein Sänger, der sein Land vertritt, um seine Sicherheit fürchten müssen, nur weil er eine Bühne betritt und ein Lied singt.“
Seit dem 7. Oktober ist Europa anders
Der ESC-Streit ist für Touati nur die sichtbarste Bühne einer tieferen Krise. Seit dem Massaker der Hamas-Terroristen am 7. Oktober 2023 habe sich die Atmosphäre in Europa „grundlegend verändert“. Antisemitische, antiisraelische und oft offen antizionistische Vorfälle nähmen „in alarmierendem Tempo“ zu. Sie würden „nicht nur häufiger, sondern auch gewalttätiger – und in Teilen der öffentlichen Debatte zunehmend normalisiert“.
Besonders auffällig sei: „In manchen Fällen richteten sich die Reaktionen gegen Israel unmittelbar nach dem 7. Oktober – noch bevor Israel überhaupt militärisch reagiert hatte.“ Für viele Juden in Europa sei diese Entwicklung zutiefst beunruhigend.
Auch in Israel selbst wachse die Ernüchterung über Europa. Die Frustration sei „enorm“ – und aus Touatis Sicht „in vielerlei Hinsicht verständlich“. Viele Israelis könnten europäische Entscheidungen und Erklärungen seit dem 7. Oktober kaum nachvollziehen.
„Falsches Signal zur falschen Zeit“
Besonders die Anerkennung eines palästinensischen Staates durch Länder wie Frankreich oder Spanien werde in Israel als „falsches Signal zur falschen Zeit“ gesehen – ohne substanzielle Zusagen oder Reformen der palästinensischen Führung.
Verschärft werde dieses Gefühl durch wiederholte, aus israelischer Sicht „aufrührerische und unverhältnismäßige“ Aussagen europäischer Spitzenpolitiker. Touati nennt ausdrücklich den spanischen Ministerpräsidenten: Dessen Rhetorik werde in Israel teils so wahrgenommen, dass sie „an antisemitische Narrative grenzt“ und ein Klima der „Feindseligkeit“, politischen Instrumentalisierung und Propaganda befeuere.
Viele Israelis empfänden diese Kritik als „grundlos und nicht konstruktiv“. Sie verbessere die Lage nicht, sondern erzeuge vor allem „unnötigen Druck“. Sorge bereiteten auch Debatten über eine Aussetzung des EU-Israel-Assoziierungsabkommens oder Einschränkungen bei Programmen wie Horizon Europe – Partnerschaften, die laut Touati nicht nur für Israel wichtig seien, sondern auch „strategisch wertvoll für Europa selbst“.
Europa ist nicht nur Ablehnung
Trotz aller Kritik warnt Touati vor Pauschalurteilen. Europa sei „nicht monolithisch“. Viele europäische Partner arbeiteten weiterhin eng mit Israel zusammen. Auch die Unterstützung vieler europäischer Politiker und Bürger dürfe man nicht übersehen – Menschen, die klar gegen Antisemitismus aufträten.
Gerade hier sieht Touati die Chance für einen nüchternen Blick: Wer in Europa über Sicherheit, Energie, Migration, Technologie und die Bedrohung durch den Iran spreche, müsse Israel nicht als Problem, sondern als möglichen Partner sehen.
Israel verfüge über technologische Stärke, militärische Erfahrung, nachrichtendienstliche Fähigkeiten und eine wichtige Rolle im Nahen Osten. Gerade im Kampf gegen Iran, Terrorismus und extremistische Netzwerke – Touati nennt ausdrücklich die Muslimbruderschaft – sei Israels Erfahrung für Europa unmittelbar relevant.
Partnerschaft statt Reflex-Abwehr
Auch bei Energie und Handelsrouten könne Israel für Europa wichtiger werden: als Gasproduzent, als Brücke zwischen Nahost und Europa und durch Projekte wie IMEC, einen neuen Handels- und Infrastrukturkorridor, der Indien über den Nahen Osten mit Europa verbinden soll – mit Israel als entscheidendem Drehkreuz für Waren, Daten und Energie.
Einige Länder hätten das bereits verstanden. Touati verweist auf Tschechien, Estland, Finnland, Polen, Griechenland und Deutschland, die ihre Zusammenarbeit mit Israel vertieft haben – etwa im Verteidigungsbereich.
Seine Schlussfolgerung: Eine engere Zusammenarbeit mit Israel sei „nicht nur für Israel von Vorteil“, sondern werde „zunehmend zu einer strategischen Notwendigkeit für Europa selbst“. Die Länder, die das erkennen, bauten bereits „die Partnerschaften der Zukunft“.
Was passiert, wenn Israel gewinnt?
Besondere politische Sprengkraft hätte ein israelischer Sieg beim ESC. Denn dann würde der nächste Song Contest normalerweise in Israel stattfinden. Touati rechnet in diesem Fall mit neuem Druck: Antiisraelische Akteure würden zweifellos versuchen, eine solche Veranstaltung in Israel zu verhindern.
Doch gerade darin sieht er auch eine Chance. Israel werde „immer offen bleiben für alle“, die den Wettbewerb besuchen und das Land „jenseits von Schlagzeilen und politischen Narrativen“ erleben wollten. Jeder wäre willkommen – auch Kritiker und Skeptiker.
Touatis Botschaft: Wer Israel wirklich verstehen wolle, müsse kommen, sehen, mit Menschen sprechen und das Land selbst erleben. Ein ESC in Israel könnte zeigen, dass Kultur, Musik und menschliche Begegnungen selbst in schwierigen Zeiten noch Brücken bauen können – oder, wie Touati sagt, „zu einer Gelegenheit für Annäherung, Dialog und Begegnung in Israel selbst“ werden.
Österreich ist wichtig
Auch Österreich soll in dieser Strategie eine Rolle spielen. Touati betont die Bedeutung Wiens: Die Stadt habe „immer einen zentralen und wichtigen Platz in Europa und in der weiteren internationalen Landschaft“ gehabt.
Auch die Beziehung zwischen Österreich und Israel würdigt Touati ausdrücklich. Österreich verbinde mit Israel „eine langjährige Beziehung und Freundschaft“, die stark und bedeutungsvoll bleibe. ELNET wolle daher seine Arbeit und Partnerschaften in Österreich „in den kommenden Jahren“ weiterentwickeln und stärken.

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