Italiens Außenminister Antonio Tajani spricht aus, was viele Länder Europas verdrängen: Ohne mehr Kinder braucht die Wirtschaft mehr reguläre Migranten. Neue Zahlen zeigen die Dramatik: 355.000 Geburten standen 652.000 Todesfällen gegenüber. Die Nettozuwanderung glich Italiens Bevölkerungsschwund 2025 fast exakt aus.

Der italienische Außenminister Antonio Tajani hat eine Debatte ausgelöst, die weit über Italien hinausreicht. Beim Festival del Lavoro in Rom sprach der Vizepremier offen über den Zusammenhang zwischen Geburtenkrise, Arbeitskräftemangel und Migration.

Seine Botschaft: Wenn Italien mehr Kinder hätte, bräuchte das Land weniger reguläre Einwanderung für den Arbeitsmarkt. Mit anderen Worten: Habe Italien mehr Kinder, könne man auch die Zahl regulärer Migranten reduzieren, die in italienischen Unternehmen arbeiten. Andernfalls fehlten schlicht die Arbeitskräfte.

Italiens Außenminister Antonio Tajani (Bild): Ohne mehr Kinder drohen Italien Fachkräftemangel und Überalterung.
Italiens Außenminister Antonio Tajani (Bild): Ohne mehr Kinder drohen Italien Fachkräftemangel und Überalterung.

Italien bekommt immer weniger Kinder

Die neuen Zahlen der Statistikbehörde ISTAT zeigen, wie ernst die Lage ist.

2025 wurden in Italien nur noch 355.000 Kinder geboren. Das ist ein Rückgang um 3,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig starben 652.000 Menschen. Damit ergibt sich ein natürlicher Bevölkerungsschwund von rund 296.000 Personen.

Die Geburtenrate fiel auf nur noch 1,14 Kinder pro Frau. Schon 2024 lag sie mit 1,18 auf sehr niedrigem Niveau. Besonders dramatisch ist die Lage in Sardinien: Dort liegt die Fertilität nur noch bei 0,85 Kindern pro Frau. Für eine langfristig stabile Bevölkerung wären etwa 2,1 Kinder pro Frau nötig.

Migration hält die Bevölkerung stabil

Ohne Zuwanderung wäre Italiens Bevölkerung 2025 deutlich geschrumpft.

Laut ISTAT kamen rund 440.000 Menschen aus dem Ausland nach Italien. Gleichzeitig wanderten 144.000 Menschen aus. Der internationale Wanderungssaldo lag damit bei +296.000 Personen. Die Nettozuwanderung glich damit den natürlichen Bevölkerungsschwund fast exakt aus.

Italien verliert durch Geburtenmangel und Sterbefälle Hunderttausende Einwohner – und bleibt nur durch Migration stabil.

Italien bekommt immer weniger Kinder: Die Geburtenrate fiel 2025 auf nur noch 1,14 Kinder pro Frau.
Italien bekommt immer weniger Kinder: Die Geburtenrate fiel 2025 auf nur noch 1,14 Kinder pro Frau.

Italiener werden weniger, Ausländer mehr

Auch die Zusammensetzung der Bevölkerung verändert sich. Am 1. Jänner 2026 lebten in Italien rund 58,94 Millionen Menschen. Die Gesamtzahl blieb fast unverändert. Doch dahinter steckt eine deutliche Verschiebung.

Die Zahl der ausländischen Einwohner stieg auf 5,56 Millionen. Das sind 9,4 Prozent der Gesamtbevölkerung. Gegenüber dem Vorjahr war das ein Plus von 188.000 Personen. Gleichzeitig sank die Zahl der italienischen Staatsbürger um 189.000 auf 53,38 Millionen.

Wer keine Kinder kriegt und nicht mehr Einwanderung zulässt, der muss wirtschaftliches Schrumpfen akzeptieren.

Die Arbeitskräfte werden knapp

Der demografische Druck trifft nicht nur Familien und Schulen, sondern auch Unternehmen, Pensionen, das Gesundheitssystem, einfach die gesamte Gesellschaft.

Die Bevölkerung im Erwerbsalter zwischen 15 und 64 Jahren sank 2025 auf 37,27 Millionen Menschen. Gleichzeitig stieg die Zahl der über 65-Jährigen auf 14,82 Millionen. Das entspricht bereits rund einem Viertel der Bevölkerung.

Italien ist damit eines der ältesten Länder Europas. Der Anteil der Kinder bis 14 Jahre liegt nur noch bei 11,6 Prozent. Die Gesellschaft wird älter, die Erwerbsbasis kleiner.

Für Unternehmen heißt das: weniger junge Arbeitskräfte, mehr Druck bei Löhnen, Fachkräften und Produktivität. Für den Staat heißt das: mehr Ausgaben für Pensionen und Gesundheit – bei immer weniger Menschen im Erwerbsalter.

Linke empört über Tajani

Die politische Reaktion kam prompt.

Aus der linken Demokratischen Partei wurde Tajani scharf kritisiert. Der Vorwurf: Italien brauche nicht entweder Kinder oder Einwanderung, sondern beides – mehr Familienpolitik und gut gesteuerte Migration.

Tajani hat dennoch ausgesprochen, worüber die meisten Regierungen in Europa schweigen: Der Geburtenkollaps ist keine abstrakte Statistik mehr. Er verändert Arbeitsmarkt, Sozialstaat und Migrationspolitik.

Europas große Rechnung

Italien ist kein Sonderfall. Auch andere europäische Länder kämpfen mit niedrigen Geburtenraten.

Doch in Italien ist die Lage besonders zugespitzt. Die Rechnung ist aber unbequem, auch für Österreich: Mehr Kinder – oder mehr Migration. Wer beides nicht will, muss erklären, wer künftig arbeiten, Steuern zahlen und den Sozialstaat finanzieren soll.