20 Prozent. Das ist die Zahl, die gerade eine politische Gewissheit zu Bruch gehen lässt.

Laut einer neuen Erhebung des Jugendforschers Bernhard Heinzlmaier fühlen sich 20 Prozent der jungen Migranten von der FPÖ am besten vertreten. Stichprobe: 1.000 Personen, Altersgruppe 16 bis 29 Jahre. Damit liegen die Freiheitlichen auf Platz zwei. Am meisten Zuspruch erhält die SPÖ mit 35,6 Prozent. Die Grünen kommen auf 15,2, dahinter liegen ÖVP (11 Prozent) und NEOS (7,2 Prozent), die verbliebenen elf Prozent entfallen auf keine der fünf Parteien.

Heinzlmaier – er ist auch exxpress-Kolumnist und regelmäßig auf exxpressTV zu Gast – kommentiert auf X: „Also bei Migranten sind die 20% megastark.“

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Wer arbeitet, denkt anders

Heinzlmaier deutet dieses Ergebnis in Richtung Arbeit, Leistung und Integration. In der X-Debatte verwiesen Nutzer auf Migranten, die selbst arbeiten, teils selbständig sind – und gerade deshalb FPÖ wählen. Heinzlmaiers eigene Kommentare gingen in dieselbe Richtung.

Zur Stärke der SPÖ schrieb er sinngemäß, viele würden sich jenen Parteien zuwenden, von denen sie materielle Unterstützung erwarten: Es sei logisch, „dass sich die Mehrheit zu denen wendet, die sie mit Geld versorgen ohne dass sie arbeiten müssen”.

Das sind keine Detaildaten der Studie, sondern politische Deutungen des Forschers. Aber sie zeigen, wie er seine eigenen Zahlen liest.

„Imageschädigend": Konflikt mitten in der Community

Besonders brisant ist ein weiteres Ergebnis. Die FPÖ-affinen Migranten, berichtet Heinzlmaier, empfinden das Verhalten von Syrern, Afghanen und Irakern als imageschädigend – für alle Zugewanderten.

Die Konfliktlinie verläuft also nicht mehr nur zwischen Einheimischen und Migranten. Sie verläuft mitten durch migrantische Milieus selbst.

Migranten gegen Migranten

Pikant: Die SPÖ-geführte Stadt Wien hat den Sozialwissenschaftler Kenan Güngör beauftragt, die Einstellungen junger Zugewanderter zu untersuchen. Sie liefert dazu ein paar ergänzenden Informationen.

Güngörs Kernergebnis: Migranten sind kein Block. Innerhalb der zugewanderten Community existieren ausgeprägte Ressentiments. Die Studie spricht von „wechselseitigen, pauschalisierten Abwertungsmustern” – nicht nur zwischen Mehrheitsgesellschaft und Migranten, sondern mitten unter Zugewanderten selbst.

Konkret: Serbische Jugendliche lehnen Afghanen und Syrer überdurchschnittlich stark ab – beide Gruppen landen direkt hinter den LGBTIQ+-Personen auf der Ablehnungsskala, noch vor anderen Gruppen. Etablierte Zuwanderer grenzen sich von Neuankömmlingen ab. Systematisch. Messbar.

Noch drastischer: Rund 30 bis 31 Prozent muslimischer Jugendlicher – mit türkischem, kurdischem, syrischem, afghanischem oder tschetschenischem Hintergrund – stimmen der Aussage zu, es gebe „schon zu viele Muslime in Österreich“. Das sind die Zahlen der Studie, wörtlich. Selbst innerhalb der muslimischen Community herrscht keine Solidarität.

Wiens Jugend hat sich stark verändert

Güngörs Untersuchung zeigt auch, wie sehr sich die junge Migrantenpopulation in Wien verschoben hat.

Die Zahlen sind eindrücklich: 2014 besuchten gerade einmal 73 syrische Jugendliche zwischen 14 und 19 Jahren Wiener Schulen. 2023 waren es bereits 2.571. Damit sind sie in dieser Altersgruppe die zweitgrößte Herkunftsgruppe hinter den Serben (2.731). Auf Platz drei folgen die Afghanen mit 1.624.

Eine Veränderung in weniger als zehn Jahren – die im Schulalltag, in Grätzeln und Betrieben täglich spürbar ist. Das ist mit Sicherheit entscheidend für die politische Einordnung. Wer sich hier über Jahre etwas aufgebaut hat, erlebt diese Veränderung in Schulen, Grätzeln, Betrieben – täglich und direkt. Für diese Menschen ist Migration kein abstraktes Thema.

Integration schützt – und liefert Anhaltspunkte

Güngör liefert strukturelle Anhaltspunkte, die zu Heinzlmaiers Befund passen – ohne ihn direkt zu belegen. Denn Güngör misst kein Wahlverhalten.

Was er zeigt: Je höher Bildung und Aufenthaltsdauer, je stärker die Identifikation mit Wien – desto geringer fallen autoritäre und antidemokratische Einstellungen aus. Wer angekommen ist, wer arbeitet, wer sich als Teil der Gesellschaft begreift, tickt anders.

Umgekehrt: Hohe Religiosität korreliert positiv mit autoritären Haltungen – besonders unter muslimischen Jugendlichen. Ob sich die FPÖ-Affinität damit eher auf den säkularen, integrierten Teil der Migranten konzentriert, bleibt eine Hypothese, keine gemessene Tatsache.

Grüne: Kein Rückhalt bei jenen, die sie am meisten umwerben

Für die Grünen sind Heinzlmaiers Zahlen besonders bitter. 15,2 Prozent – weit abgeschlagen.

Dabei haben gerade Grüne und linke Parteien Migration lange als ihr moralisches Kernthema behandelt. Doch junge Migranten, die selbst Probleme mit schlecht integrierten Gruppen erleben, denken nicht automatisch in diesen Kategorien.

Für die FPÖ sind die Zahlen politisch hochinteressant. Die Partei erreicht offenbar auch Teile jener Migranten, die sich als integriert und leistungsbereit verstehen – und neue Zuwanderung, schlechte Integration und Sozialstaatsabhängigkeit selbst als Problem erleben.

Das macht die übliche Abwehrformel schwächer. Wenn Migranten selbst ähnliche Sorgen formulieren, lässt sich die Debatte nicht mehr so einfach moralisch abräumen.

Die vollständige Heinzlmaier-Studie liegt noch nicht vor. Der exxpress erhielt vorab einen exklusiven Einblick.