Es ist der 11. Juni 2026. Die Financial Times und Reuters machen ein internes französisches Diskussionspapier publik.
Der Inhalt ist explosiv: Paris und Berlin diskutieren eine radikale Neuordnung des Europäischen Auswärtigen Dienstes – jener Behörde, die unter EU-Außenbeauftragter Kaja Kallas Europas Diplomatie koordinieren soll. Ein hochrangiger Beamter wird zitiert: „Es ist klar, dass der EU-Außendienst nicht so funktioniert, wie er sollte. Er ist dysfunktional.“
Drei Optionen liegen auf dem Tisch. Erstens: Funktionen des Außendiensts in die Kommission integrieren – massiver Machtgewinn für Ursula von der Leyen. Zweitens: Kompetenzen zurück an Rat und Mitgliedstaaten. Drittens: Kallas zur „Ersten Exekutivvizepräsidentin“ aufwerten.
Wird Kallas entmachtet? Oder gestärkt?
FT und Reuters rahmten dasselbe Papier fast gegensätzlich – die FT als mögliche Entmachtung des EU-Außendiensts, Reuters als mögliche Aufwertung von Kallas. Beide Lager versuchen die Deutungshoheit zu gewinnen, bevor die politische Debatte beginnt.
Kommentatoren sprechen bereits von Kallas als möglichem Bauernopfer: Von der Leyen nutze die Reformdebatte als Hebel, um die EU-Diplomatie verstärkt unter Kommissionskontrolle zu bringen.
Das ist nicht der Beginn des Konflikts. Es ist sein vorläufiger Höhepunkt.
Zwei Frauen. Ein Vakuum. Kein Mandat.
Auf der einen Seite: Ursula von der Leyen. Kommissionspräsidentin, seit 2019 im Amt. Sie hat ihre Kommission als „geopolitische Kommission“ aufgebaut – und tritt längst wie eine europäische Präsidentin auf.
Auf der anderen Seite: Kaja Kallas. Frühere estnische Premierministerin, seit Ende 2024 Hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik. Formal Europas Chefdiplomatin. Doch formal heißt in Brüssel noch lange nicht faktisch.
Die eine zieht Macht in die Kommission. Die andere spricht, bevor Europa wirklich einig ist.
Beide füllen ein Vakuum, das die EU-Verträge nie geschlossen haben: Die EU will Weltpolitik machen – aber sie hat dafür keine klare, demokratisch verantwortliche Spitze.
Der holprige Start
Als Kallas im November 2024 als neue EU-Außenbeauftragte bestätigt werden soll, hakt es bereits. Die Abstimmung wird verschoben – Ursula von der Leyen muss vermitteln, wie der European Newsroom berichtet.
Das wirkt damals wie normales Brüsseler Verfahren. Rückblickend ist es das erste Zeichen: Kallas kommt in eine bereits vermachtete Kommissionsarchitektur – mit von der Leyen als Schiedsrichterin.
Von der Leyens Methode: Erst Fakten schaffen
Von der Leyens Grundreflex hat Vorgeschichte.
Oktober 2023: Die Kommissionspräsidentin fliegt nach Israel, kurz nach dem Hamas-Massaker – ohne Koordination mit den EU-Außenministern, ohne Absprache mit ihrem damaligen Außenbeauftragten Borrell. 850 EU-Beamte unterzeichnen einen Beschwerdebrief. Mehrere Mitgliedstaaten sind brüskiert. Von der Leyen zieht keine Konsequenzen.
2025 macht sie es strukturell: Sie schafft eine eigene Generaldirektion für den Nahen Osten, Nordafrika und den Persischen Golf – DG MENA – direkt im Kommissionsapparat. Eine Schlüsselregion liegt damit stärker im Berlaymont. Kallas verliert Sichtbarkeit und Zugriff. Gefragt wurde sie nicht.
Die Kommission handelt wie eine Regierung in außenpolitischen Fragen – ohne das formale Mandat dafür.
Der Selmayr-Krimi
Kallas versucht gegenzuhalten. Ihre Waffe: Martin Selmayr. Früher einer der gefürchtetsten Männer im Berlaymont, einst Kabinettschef von Jean-Claude Juncker, berüchtigt als brillanter Machttechniker. Kallas will ihn als stellvertretenden Generalsekretär des Europäischen Auswärtigen Dienstes – als jemanden, der den schwächelnden Diplomatendienst schlagkräftiger macht.
Le Monde berichtet: Von der Leyen soll Kallas klargemacht haben, sie sehe Selmayrs Rückkehr als „Kriegserklärung“. Der Gegenzug: Im Kollegium entsteht plötzlich ein neuer Posten für Selmayr – Sondergesandter für Religionsfreiheit. Damit ist er aus Kallas’ Zugriff heraus, bevor Bewerbungsgespräche begonnen haben. Die Presse berichtete den Fall bereits am 22. Oktober 2025.
Kein offener Schlag. Ein Posten. Ein Titel. Eine Personalie verschoben. Runde eins geht an VdL.
„Game of Thrones“ im Berlaymont
Im November 2025 gibt Le Monde dem Konflikt einen Namen: Brüsseler „Game of Thrones“. Ein Diplomat spricht von institutionellem „Vampirismus“: Die Kommission dupliziere Aufgaben, die der EU-Außendienst bereits habe. Manche Außendienst-Mitarbeiter hätten das Gefühl, auf einem „sinkenden Schiff“ zu arbeiten – während am Berlaymont-Ufer ein neues Schiff gebaut wird, direkt unter Von der Leyens Kommando.
Die Welt zieht Bilanz: Von der Leyen habe die erste Runde gewonnen.
Gleichzeitig läuft Pfizergate weiter. EAD hatte 2021 einen Impfstoffvertrag über 35 Milliarden Euro persönlich per SMS mit Pfizer-Chef Bourla verhandelt. Die Nachrichten verschwanden danach. Das EU-Gericht urteilte im Mai 2025: Transparenzgebot verletzt. Kein Rücktritt. Keine Konsequenzen.
Das Muster: Alleingang. Kritikwelle. Weitermachen.
Von der Leyen greift nach dem Geheimdienst
Die Kommission bereitet laut Le Monde eine eigene Intelligence-Einheit im Generalsekretariat vor – obwohl beim EU-Außendienst bereits ein EU-Intelligence-Center besteht. Kallas widersetzt sich. Der Plan wird zurückgenommen. Aber die Richtung ist gesetzt: Wer Sicherheitsinformationen kontrolliert, kontrolliert Entscheidungen.
„Diktatorin!“
Im Jänner 2026 fällt das Wort, das in Brüssel nicht mehr verschwindet. Politico berichtet auf Basis von Insidern: Kallas beschwere sich intern, Von der Leyen sei eine „Diktatorin“ – es gebe aber wenig, was sie dagegen tun könne. Anonymes Insider-Zitat, keine bestätigte Aussage. Aber es passt zu allem, was zuvor passiert ist.
Gleichzeitig: Vier Misstrauensanträge gegen Von der Leyen in ihrer zweiten Amtszeit – alle gescheitert. Beim vierten, wegen des Mercosur-Abkommens, stimmen erstmals auch einzelne EVP-Abgeordnete gegen sie, wie EUNews berichtet. Mercosur: Ein Freihandelsabkommen, das Von der Leyen gegen massiven Widerstand durchdrückte. Für ihre Anhänger: Handlungsfähigkeit. Für ihre Kritiker: genau der Brüsseler Stil, der Bürger entfremdet.
Kallas‘ Muster: Sie spricht – Europa staunt
Kallas hat einen anderen, aber nicht weniger problematischen Grundreflex. Sie spricht – oft bevor Europa wirklich einig ist.
Im Ukraine-Konflikt schlug sie 2025 eine Erhöhung der EU-Militärhilfe auf bis zu 40 Milliarden Euro vor, wie Reuters berichtete. Mehrere Mitgliedstaaten bremsten. Der Plan wurde kleiner.
Im Mai 2026 erklärt sie kategorisch, die EU werde „nie ein neutraler Vermittler zwischen Russland und der Ukraine sein“, wie Euronews berichtet. Wer nie neutral sein will, kann schwer als Vermittler auftreten.
Das Ergebnis: US-Außenminister Rubio verweigert bilaterale Treffen mit ihr. Politico schreibt: Kallas sei faktisch „an den Rand gedrängt“. Europa wird von den Ukraine-Friedensgesprächen zwischen Washington und Moskau faktisch ausgeschlossen.
Bei China das nächste Eigentor: Chinas Außenminister Wang Yi verweigert ihr Treffen – nachdem sie Details eines Gesprächs an die Medien weitergegeben haben soll. Europas Chefdiplomatin ist für einen der wichtigsten globalen Akteure persona non grata.
März 2026: Der Iran-Krieg zeigt Europas Doppelspitze
Der Stresstest: der Iran-Krieg.
Europa müsste mit einer Stimme reagieren. Stattdessen: Von der Leyen und Ratspräsident Costa geben eine gemeinsame Erklärung ab. Kallas tritt ebenfalls auf – mit eigenem Ton, eigenem Zeitpunkt. Von der Leyen erklärt, die EU könne nicht mehr „Hüterin der alten Weltordnung“ sein. Mehrere Hauptstädte protestieren. Zwei Tage später rudert sie zurück.
Frühere Ministerin Nathalie Loiseau wirft von der Leyen laut Guardian vor, in jenen Raum vorzustoßen, der formal Kallas gehört. Strack-Zimmermann benennt es öffentlich: „Die Rivalität zwischen Kaja Kallas und Ursula von der Leyen ist offensichtlich.“
Im April versucht Kallas öffentlich zu entschärfen. Im Interview mit Estlands ERR: „Wer liebt nicht eine gute Zickenkrieg-Story?“ – und setzt nach: „Im Ernst: Wir verstehen uns sehr gut.“ Doch die Berichte reißen nicht ab.
Bloomberg: Machtzentrale im 13. Stock
Im Mai nimmt Bloomberg von der Leyens Führungsstil unter die Lupe. Im 13. Stock des Berlaymont hat von der Leyen eine stark zentralisierte Kommandostruktur aufgebaut. Ein enger Beraterzirkel steuert den Alltag. Kritiker: Sie überstreckt sich – und verliert den Fokus auf die wirtschaftlichen Kernaufgaben.
Parallel: Laut Politico soll von der Leyens Kabinettschef Seibert bei einem privaten Dinner gesagt haben, von der Leyen wolle 2029 keine dritte Amtszeit – wohl um Kritiker zu beruhigen.
Kritik an beiden
Am 16. Juni liefert El País die bisher reifste Bilanz – und kritisiert beide symmetrisch. Bei Von der Leyen sieht die Zeitung Machtgier und Alleingänge. Bei Kallas: Russlandfixierung, China-Ungeschicklichkeit, Nahost-Profillosigkeit, mangelnde Abstimmung mit den Hauptstädten.
Von der Leyen ist zu mächtig. Kallas ist zu schwach. Europa ist zu langsam.
FPÖ-Delegationsleiter Harald Vilimsky übt scharfe Kritik: „Von der Leyen und Kallas haben die EU außenpolitisch nicht gestärkt, sondern geschwächt. Das Problem ist nicht, wer die Macht ausübt – sondern dass sie überhaupt in Brüssel konzentriert wurde.“
Europa hat keine Spitze
Die EU hat beschlossen, geopolitisch zu handeln. Aber sie hat nie entschieden, wer dafür die Verantwortung trägt.
Von der Leyen füllt das Vakuum präsidial: Strukturen aufbauen, Apparate schaffen, Fakten setzen. Kallas füllt das Vakuum mit Worten, harter Linien, schnellen Aussagen. Dahinter: 27 Mitgliedstaaten und 27 verschiedene Außenpolitiken. Und nochmals dahinter: die Bürger Europas. Sie erleben Entscheidungen über Krieg, Sanktionen, Milliarden und Handelsabkommen als Brüsseler Machtverschiebungen. Auf die sie kaum Einfluss haben. Kein direktes Votum. Keine echte Abwahl. Nicht einmal eine klare Adresse.
Niemand hat von der Leyen zur Außenpräsidentin Europas gewählt. Niemand hat Kallas zur Chefdiplomatin einer geopolitischen Großmacht gewählt. Beide wurden in Brüsseler Hinterzimmern ernannt – von Regierungen, nicht von Bürgern.
Was jetzt kommt: Drei Szenarien
Im September soll die Reformdebatte beim informellen Außenministerrat in Irland auf Ministerebene geführt werden.
Szenario eins: Mehr Macht zur Kommission. Von der Leyen gewinnt. Europa spricht durch Brüssel – lauter, aber nicht demokratischer.
Szenario zwei: Kompetenzen zurück zu Rat und Mitgliedstaaten. Europa spricht durch nationale Hauptstädte – leiser, aber kontrollierbarer.
Szenario drei: Kallas wird formal gestärkt. Dann muss sie beweisen, dass sie nicht nur harte Worte kann, sondern auch Konsens – bisher konnte sie es nicht.
Kein Mandat, keine Wahl
Hat Ursula von der Leyen die Kommission in eine Schatten-Außenregierung Europas verwandelt – und merkt Brüssel erst jetzt, wie weit dieser Machtumbau gegangen ist? Vielleicht. Aber die tiefere Konflikt lautet: Kommission gegen EU-Außendienst. Berlaymont gegen Diplomatendienst. Zentralisierung gegen Vertragsarchitektur. Und dahinter: eine EU, die Weltmacht sein will, aber demokratisch nie dafür gebaut wurde.
Solange das so bleibt, wird der nächste Machtkampf kommen. Mit anderen Namen. Mit derselben Logik. Wenn Europa wirklich mit einer Stimme sprechen will – wer wählt sie?

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