Am 28. Februar starteten USA und Israel den Angriff auf Iran. Trump nannte sein erstes Ziel klar: Irans Raketenindustrie dem Erdboden gleichmachen. Verteidigungsminister Hegseth: Die Mission sei „laserscharf“ – Raketen und Drohnen vernichten.

Am Ende folgte das Memorandum of Understanding (MOU) vom 15. Juni – Trumps Friedensabkommen mit dem Iran, digital unterzeichnet beim Galadiner im Schloss Versailles. Analyst Amit Segal: Es sei die zweite große Kapitulation, die in Versailles unterzeichnet wurde. Nur dass diesmal die USA die Kapitulierenden seien.

Erster Tag. Erste Krise.

Der Deal besteht seine erste Bewährungsprobe nicht. Noch am Tag des Inkrafttretens – 19. Juni – sagte der Iran die Gespräche in Genf ab. Begründung: Israels Gegenschläge im Südlibanon. Dabei reagierte Israel seinerseits auf einen Hisbollah-Angriff, bei dem vier israelische Soldaten getötet wurden – darunter ein Bataillonskommandeur. Der Deal ist keine 24 Stunden alt und schon steht er auf der Kippe.

Dazu kommt innenpolitischer Druck: Senate Majority Leader John Thune sagte, er habe den MOU-Text noch nicht gesehen. Ob das US-Gesetz INARA – das Iran-Abkommen dem Kongress vorschreibt – überhaupt greift, ist umstritten.

Wie es zum MOU überhaupt kam, hat Teheran selbst erklärt. Kurz vor der Einigung drohte Iran mit Raketenvergeltung auf einen israelischen Angriff in Beirut. Irans Vizeaußenminister Gharibabadi bestätigte danach offen: Die Drohungen der Streitkräfte hätten „bestimmte Punkte im Verhandlungstext vorangebracht.“ Erpressung – und es hat funktioniert.

„Sie müssen welche haben“

Beim G7-Gipfel in Évian verteidigte Trump Irans Recht auf Raketen. Seine Begründung: „Ich meine, sie müssen welche haben, weil andere auch welche haben. Man muss welche haben.“

Außenminister Rubio hatte noch im März erklärt, die Zerstörung von Irans Raketen sei ein „klares Ziel dieser Mission“. Er stand bei der Pressekonferenz direkt hinter Trump.

Sektion 7 des MOU geht noch weiter: Sie hebt alle Sanktionen auf – auch jene auf Irans Raketenprogramm und Terrorsponsoring.

Zurück auf Obama-Niveau

Monatelang forderte die Trump-Administration den vollständigen Anreicherungsstopp von Uran. Rubio erklärte im Mai: Iran müsse „die Anreicherung aufgeben“.

Jetzt darf Iran weiter anreichern – gedeckelt auf 3,67 Prozent. Exakt das Niveau, das der Obama-Deal 2015 erlaubte. Trump ist in der Nuklearfrage bestenfalls dort gelandet, wo Obama aufgehört hat.

Das MOU geht noch weiter. Das angereicherte Uran bleibt auf iranischem Boden. Vorgesehen ist lediglich eine Verdünnung vor Ort unter IAEA-Aufsicht. Die 440 Kilogramm auf 60-Prozent-Anreicherung, ein technischer Schritt von Waffentauglichkeit, gehen nirgendwo hin. Was sich verdünnen lässt, lässt sich wieder anreichern.

Teherans altes Versprechen

Irans Versprechen, keine Atomwaffen anzustreben, ist kein Zugeständnis. Das behauptet Teheran seit Jahrzehnten. Kommentator Douglas Murray erinnert in The Free Press: Khameneis angebliche „Fatwa“ gegen Atomwaffen entpuppte sich als Propaganda. 2018 erbeutete der israelische Geheimdienst ein iranisches Nukleararchiv – die Dokumente belegten jahrzehntelange systematische Lügen.

Analyst Manuel Herrera vom Thinktank BASIC: Teheran habe die Nuklearfrage „ziemlich geschickt“ aus dem Verhandlungszeitraum herausgehalten. „Das gibt ihnen Hebel und Zeit.“

300 Milliarden – und 5 Milliarden pro Monat

Das dritte Kernstück: 300 Milliarden Dollar Wiederaufbaufonds. Sektion 10 sieht Ölwaivers vor – sofort fünf Milliarden Dollar monatlich für Teheran. Sektion 11: alle eingefrorenen Assets unverzüglich verfügbar.

Murray erinnert: Die rund 50 Milliarden Dollar des Obama-Deals nannte Trump jahrelang „dumm“, „blödsinnig“ und „verrückt“ – und sagte korrekt voraus, Iran werde das Geld für Terror nutzen. Ergebnis: Hamas, Hisbollah, 7. Oktober 2023. Der neue Betrag ist sechsmal so hoch.

Reuters berichtet: Iran habe der Hisbollah bereits versprochen, ihre Finanzierung „so schnell wie möglich“ zu erhöhen, sobald die Assets freigegeben sind.

Der Coup im Vertragstext

In den letzten Verhandlungsminuten wurde der Hormus-Text geändert. Frühere Fassungen garantierten noch Irans „Autorität in der Meerenge“. Der neue Wortlaut: Die „künftige Nutzung der maritimen Dienste“ werde von Iran und Oman festgelegt.

Das klingt technisch. Es ist strategisch. Laut iranischer Quelle bei Fars News haben die USA damit Irans Recht auf Durchfahrtsgebühren faktisch anerkannt – erstmals in der Geschichte. Iran hatte „Maut“ in „Servicegebühren“ umbenannt. Segal nennt den ehrlichen Begriff: Schutzgeld.

Und Iran muss Hormus künftig nicht einmal sperren. Es reicht, Minen zu behaupten. Versicherer stoppen die Durchfahrt sofort. Der Hebel bleibt – er muss nur angedroht werden.

Murray: 2019 kaperte die iranische Marine den britisch-geflaggten Tanker Stena Impero in internationalen Gewässern. Das war keine Ausnahme. Das war Normalzustand.

Pikant: Selbst Irans Hardliner kritisieren den Deal. Kommentator Ehsan Hosseini schrieb: Die einzige Konzession, die Iran erhalten habe, sei die vorübergehende Aufhebung der Seeblockade. „Diese Blockade wurde während der Verhandlungen gegen Iran eingeführt und uns dann als Zugeständnis verkauft. Wir haben die Sperrung der Straße von Hormus – unseren größten Trumpf – umsonst hergegeben.“

Erst kassieren. Dann verhandeln.

Das schärfste Argument liefert Segal: Das Abkommen friere den Konflikt nicht ein. Es spule ihn zurück. Die Islamische Republik werde nicht eingefroren – sondern wiederhergestellt.

Der Grund liegt in der Reihenfolge. Die Nuklearverhandlungen – alles, was substanziell noch offen ist – beginnen erst, nachdem Waffenstillstand, Blockadeende, Ölwaivers und Asset-Freigabe bereits umgesetzt sind. Irans Vizeaußenminister bestätigte: Die 60 Tage beginnen nicht vor Freigabe der Hälfte der eingefrorenen Vermögen. Zwölf Milliarden Dollar sofort – bevor eine einzige Nuklearfrage verbindlich geklärt ist.

Das Regime wird zuerst restauriert. Dann verhandelt es. Das ist nicht der „Hormuz für Hormuz“-Tausch, den Washington verkauft. Das ist Vorkasse ohne Gegenleistung.

„Katastrophale Kapitulation“

Times-of-Israel-Gründungsredakteur David Horovitz: Trumps Deal sei eine „katastrophale Kapitulation“. Die Jerusalem Post fragte: „Warum billigt Trump Irans Raketenprogramm?“

Aus israelischer Sicht wurde kein einziges Kriegsziel erreicht. Kein Regimewechsel – Teheran geht gestärkt hervor. Keine Entwäffnung der Proxys. US-Truppen müssen innerhalb von 30 Tagen abziehen. Teheran darf behaupten, das US-Militär aus der Region verjagt zu haben.

Und Iran hat sich einen zusätzlichen Hebel gesichert. Das MOU verankert „Frieden an allen Fronten“. Greift Israel die Hisbollah an, droht Iran mit Raketen. Schlägt Israel zurück, droht Iran mit Hormus-Sperrung. Sofort übt Washington Druck auf Jerusalem aus: Hört auf. Nicht den Deal gefährden.

Iran hat die USA zum Druckmittel gegen Israel gemacht.

Trump gegen Netanyahu

Wie weit das bereits reicht, zeigte Trump in den Tagen rund um die Unterzeichnung. Er warf Israel vor, in Libanon zu lange zu kämpfen und zu viele Zivilisten zu töten. Überdies schlug er vor, Syriens Präsident Ahmad al Sharaa solle die Hisbollah übernehmen – „wenn Israel den Job nicht erledigen kann, ohne alle anderen zu töten“. Kommentatorin Melanie Phillips nennt das „monströs“: Israel führe Präzisionsangriffe, die Zivilopfer so weit wie möglich minimieren. Al Sharaa in Syrien sei „der Islamische Staat oder Al-Kaida im Anzug“.

Der Hintergrund: Iran drohte, den Deal zu torpedieren, solange Israel Hisbollah angreift. Washington hielt Israel bewusst aus den MOU-Verhandlungen heraus – und übte gleichzeitig öffentlich Druck auf Jerusalem aus, aufzuhören.

Dabei steht laut Segal genau das auf dem Spiel: Hisbollah sei derzeit so geschwächt wie seit Jahrzehnten nicht – am Rand des Zusammenbruchs. Laut einem israelischen Regierungsvertreter drehen sich 80 Prozent der Gespräche mit Washington nicht um Atomfragen, sondern um den Libanon-Konflikt. Die Verknüpfung beider Fronten im MOU rettet Hisbollah in letzter Sekunde – und macht es ihr leichter, sich zu erholen und neu zu bewaffnen.

Trumps Wette

Trump droht: Wenn Iran sich nicht an die Vereinbarungen halte, werde man wieder zuschlagen. Doch genau darin liegt die Schwäche des Deals. Je mehr wirtschaftliche Hebel Washington jetzt aus der Hand gibt, desto mehr bleibt am Ende nur noch eine Drohung übrig: militärische Gewalt.

Der Deal ist damit kein klarer Sieg. Er ist eine Wette.

Trump wettet darauf, dass Iran nach militärischem Druck und wirtschaftlichen Anreizen tatsächlich einlenkt. Dass Inspektoren funktionieren. Dass Teheran nicht wieder trickst. Dass Ölgelder nicht in Raketen, Milizen und Terrornetzwerke fließen. Dass die Straße von Hormus offen bleibt. Dass 60 Tage nicht zur Atempause werden.

Trump hat gewonnen. Und verloren.

„Wir haben alles erreicht, was wir uns vorgenommen hatten – alles und noch mehr“, erklärte Trump beim G7-Treffen.

Fox-Korrespondent Peter Doocy zitierte ihm seinen eigenen Satz: Iran habe „noch nie einen Krieg gewonnen, aber noch nie eine Verhandlung verloren.“ Trump fragte, wer das gesagt habe. Als man ihm sagte, er selbst, antwortete er, das habe er sich gedacht – und zog die Unterscheidung: Diesmal habe Iran „militärisch verloren“.

Segals Antwort darauf ist knapp: Iran verliere Kriege – das tue es immer. Genau das sei nie das Problem gewesen. Das Problem sei der Verhandlungstisch danach.

Murray ergänzt: Trumps Ziel war nicht nur, einen nuklearen Iran zu seinen Lebzeiten zu verhindern. Sondern auch für jeden Nachfolger. „Denn es kann immer wieder einen Obama geben.“ Das MOU liefert Iran Geld und Handlungsfreiheit, um ein andermal weiterzumachen.

Die Bilanz

Militärisch geschlagen. Politisch triumphierend. Finanziell bald restauriert.

Die Gespräche in Genf wurden am ersten Tag abgesagt – Iran verlangte zuerst eine Garantie, dass Israel Hisbollah nicht weiter angreift. Unter US-Druck vereinbarten Israel und Hisbollah daraufhin eine Waffenruhe. Trump erklärte die Gespräche für wieder aufgenommen. Damit hat  bestätigt: Iran setzt Hisbollah als Hebel ein, zwingt Israel über Washington zur Zurückhaltung – und verhandelt derweil.

Erst kassieren, dann verhandeln – das ist Teherans Sieg in einem Satz.