Jahrelang galt in Brüssel die eiserne Formel: keine Gespräche über die Ukraine ohne die Ukraine. Doch nun kommt Bewegung in die europäische Linie. Laut einem Bericht der Financial Times bereiten sich EU-Spitzen auf mögliche Verhandlungen mit Russlands Präsident Wladimir Putin vor. Der Grund: In europäischen Hauptstädten wächst die Sorge, dass US-Präsident Donald Trump, Moskau und Kiew über ein Kriegsende verhandeln – während die EU an den Rand gedrängt wird.
EU-Ratspräsident António Costa erklärte, er sehe „Potenzial“ für Gespräche mit Putin. Er spreche derzeit mit den 27 Staats- und Regierungschefs der EU darüber, „wie wir uns am besten organisieren“ und was man mit Russland besprechen müsse, „wenn der richtige Moment dafür gekommen ist“.
Selenskyj soll grünes Licht gegeben haben
Brisant ist vor allem ein Punkt: Die Initiative kommt offenbar nicht gegen den Willen Kiews. Costa zufolge habe der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die Europäer bei einem EU-Gipfel auf Zypern aufgefordert, sich darauf vorzubereiten, „positiv“ zu Verhandlungen beizutragen.
Selenskyjs Büro bestätigte die Gespräche mit Costa. Ein hochrangiger ukrainischer Beamter sagte der Financial Times, Europa brauche „mehr Koordination“. Denkbar sei ein führender Politiker, der im Namen der Europäer mit Russland sprechen könne – nicht um Kiew zu umgehen, sondern um zusätzlichen Druck auf Moskau aufzubauen.
Europa will nicht plötzlich Putin die Hand reichen. Europa will verhindern, dass am Ende andere über Europas Sicherheitsordnung entscheiden. Darum geht es.
Brüssel fürchtet, nur noch zahlen zu dürfen
Die EU hat die Ukraine seit Kriegsbeginn massiv unterstützt – mit Geld, Waffen, Sanktionen gegen Russland und politischen Zusagen. Doch bei den von Trump geführten Friedensbemühungen fürchten viele Europäer, nur noch Zuschauer zu sein.
Das Risiko aus Brüsseler Sicht: Washington, Moskau und Kiew einigen sich auf ein Paket – und Europa soll danach die Kosten tragen, Sicherheitsgarantien geben, Wiederaufbau finanzieren oder neue militärische Verpflichtungen übernehmen, ohne selbst entscheidend mitverhandelt zu haben.
Genau deshalb spricht Costa nun mit den EU-Hauptstädten über eine gemeinsame Linie. Doch diese gibt es bisher nicht.
Kein EU-Konsens: Wer soll mit Putin reden?
Einige europäische Spitzenpolitiker, darunter Belgiens Premierminister Bart De Wever, haben bereits die Idee eines Gesprächskanals zum Kreml ins Spiel gebracht. Offen ist aber alles: Wer soll für Europa sprechen? Costa selbst? Frankreichs Präsident Emmanuel Macron? Ein Sondergesandter? Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas? Oder ein Regierungschef mit direktem Draht nach Moskau?
Auch der Zeitpunkt ist unklar. Ebenso die Botschaft an Putin. Unter den 27 EU-Staaten gibt es laut Bericht noch keinen Konsens über Mandat, Person oder Verhandlungsziel.
Costa bremst daher Erwartungen. Von konkreten Verhandlungen könne keine Rede sein. Aus Moskau gebe es bisher kein Signal, dass Putin zu ernsthaften Gesprächen bereit sei.
Kreml: Putin ist bereit – aber Europa muss kommen
Der Kreml reagierte dennoch prompt. Putins Sprecher Dmitri Peskow erklärte am Freitag, Russland sei grundsätzlich offen für Verhandlungen mit Europa. Die Initiative müsse aber aus Brüssel kommen. „Wir werden im Dialog so weit gehen, wie die Europäer dazu bereit sind“, sagte Peskow. Russland werde solche Kontakte nach der bisherigen europäischen Haltung aber nicht selbst anstoßen.
Das passt zur bekannten Kreml-Linie: Moskau stellt sich als gesprächsbereit dar – hält aber zugleich an Maximalforderungen fest.
Putin will offenbar erst militärische Fakten schaffen
Besonders brisant ist der letzte Punkt des Berichts der Financial Times: Putin soll weiterhin fordern, dass die Ukraine ihre Truppen aus dem Donbas abzieht – als Vorbedingung für künftige Gespräche. Personen mit Zugang zum Kreml und zu Hinterkanalgesprächen sagen laut Bericht, Putin wolle den Rest der Region noch in diesem Jahr militärisch erobern, bevor ernsthafte Verhandlungen beginnen.
Das relativiert jede demonstrative Gesprächsbereitschaft aus Moskau. Während Peskow von Dialog spricht, setzt Putin offenbar weiter darauf, die Lage auf dem Schlachtfeld zu seinen Gunsten zu verändern.
Noch kein Friedenssignal – aber ein strategischer Kurswechsel
Die Neuigkeiten bedeuten eines mit Sicherheit nicht: Die EU verhandelt bald mit Putin über Frieden. Es gibt keinen Termin, keinen Verhandler, kein Mandat und keine gemeinsame Linie.
Neu ist etwas anderes: Die EU bereitet sich darauf vor, einen eigenen Gesprächskanal nach Moskau zu öffnen – mit Wissen und offenbar Rückendeckung Kiews. Nicht aus Liebe zu Putin, sondern aus Angst vor einem Trump-Deal, bei dem Europa am Ende bloß vor vollendete Tatsachen gestellt wird. Denn wer später zahlen und garantieren soll, will vorher wenigstens mit am Tisch sitzen.

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