Russland führt seit 2014 Krieg gegen die Ukraine. Seit der Großinvasion im Februar 2022 nennt Moskau den Angriff offiziell „militärische Spezialoperation“. Nun wählt der Kreml einen anderen Ton.
Dmitri Peskow, Sprecher von Präsident Wladimir Putin, sagte laut Interfax und russischem Staatsfernsehen, aus der „Spezialoperation“ sei ein „echter Krieg“ geworden. Der Grund sei der Westen. Hinter Kiew stünden Berlin, Paris, Den Haag, Oslo und „leider Washington“.
Peskow behauptet, westliche Staaten würden der Ukraine mit Satelliten, Zielaufklärung und der Lenkung westlicher Waffen gegen russische Ziele helfen. Damit markiert Moskau nicht nur Kiew, sondern auch die USA und Europa als Gegner.

Reisner warnt vor gefährlicher Wendung
Der österreichische Militärexperte Markus Reisner, Oberst des Bundesheeres, sieht darin mehr als bloße Propaganda. Gegenüber ntv sprach er von einer „entscheidenden Wendung in diesem Konflikt“.
Reisner verweist auf die russische Militärdoktrin. Russland unterscheidet zwischen lokalem, regionalem, großem und globalem Krieg. Beim Übergang zu höheren Eskalationsstufen kann in der russischen Logik auch der Einsatz von Nuklearwaffen eine Rolle spielen.
Das heißt nicht, dass ein Atomschlag unmittelbar bevorsteht. Aber es heißt: Moskau setzt bewusst eine gefährlichere Drohkulisse.
Keine Kriegserklärung, aber ein Signal
Peskows Satz ist keine formelle Kriegserklärung. Russland hat den Krieg längst begonnen. Neu ist die offene Deutung: Moskau erzählt den Ukraine-Krieg nun stärker als Krieg gegen den Westen.
Das hat einen Zweck. Der Kreml will westliche Waffenhilfe nicht mehr nur als Unterstützung für Kiew darstellen, sondern als direkte Beteiligung am Krieg. Der Hauptadressat ist Washington. Die USA liefern nicht nur Waffen, sondern helfen der Ukraine auch bei Aufklärung und Zielinformationen.
Damit versucht Moskau, eine rote Linie nachträglich zu verschieben: Je mehr der Westen hilft, desto stärker könne Russland den Konflikt als direkten Krieg betrachten.
Russland kommt nur langsam voran
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Das Center for Strategic and International Studies, kurz CSIS, zeichnet ein hartes Bild für Moskau. Die russische Offensive sei weitgehend festgefahren. Rund um Kostjantyniwka, Pokrowsk und Slowjansk komme Russland nur meterweise voran.
Die Verluste sind enorm. CSIS schätzt, dass Russland seit Beginn der Großinvasion im Februar 2022 rund 1,4 Millionen Gefallene, Verwundete und Vermisste erlitten hat. Die Plattform Russia Matters – ein Projekt des Belfer Center for Science and International Affairs – ist bei der Frage eines ukrainischen Wendepunkts vorsichtiger, sieht aber ebenfalls nur begrenzte russische Geländegewinne.
Laut Russia Matters kontrolliert Russland inklusive Krim und früher besetzter Donbass-Gebiete etwa 19 bis 20 Prozent der Ukraine. Im vergangenen Jahr kamen nur rund 0,5 Prozent der ukrainischen Gesamtfläche hinzu.
Ukraine trifft Russland tief im Hinterland
Gleichzeitig hat die Ukraine den Krieg immer stärker nach Russland getragen. Ziele sind Raffinerien, Treibstofflager, Häfen, Militäranlagen, Rüstungsbetriebe und Nachschublinien zur Krim.
Kiew nennt diese Angriffe „long-range sanctions“ – Langstrecken-Sanktionen. Die Botschaft ist klar: Wenn Russland ukrainische Städte bombardiert, bleiben russische Energie- und Militäranlagen nicht sicher.
Für Putin ist das innenpolitisch heikel. Brennende Raffinerien, Treibstoffprobleme und Drohnenangriffe tief in Russland zerstören die Erzählung, der Krieg sei weit weg und kontrollierbar.
Kiews größte Schwäche: Luftverteidigung
Trotz dieser Erfolge bleibt die Ukraine verwundbar. Ihr größtes Problem ist die Abwehr ballistischer Raketen. Ballistische Raketen fliegen besonders schnell und sind viel schwerer abzufangen als Drohnen oder viele Marschflugkörper.
Dafür braucht Kiew vor allem Patriot-Systeme. Patriot ist ein amerikanisches Flugabwehr- und Raketenabwehrsystem. Entscheidend sind die Abfangraketen vom Typ Patriot Advanced Capability, kurz PAC-2 und PAC-3.
Genau daran mangelt es. Reisner spricht von rund 650 produzierten Patriot-Abfangraketen pro Jahr. Das International Institute for Strategic Studies, kurz IISS, sieht auch in Europa eine gefährliche Lücke bei der Abwehr ballistischer Raketen. Das französisch-italienische System SAMP/T, ausgeschrieben Sol-Air Moyenne Portée/Terrestre, kann helfen, wird aber ebenfalls nur begrenzt produziert.
Russland nutzt diese Schwäche aus
Das Institute for the Study of War schreibt, Russland nutze die erschöpften ukrainischen Bestände gezielt aus. Beim jüngsten Großangriff auf Kiew wurden fast alle Marschflugkörper abgefangen, aber keine ballistischen Raketen.
Das ist der Kern der aktuellen Gefahr. Am Boden kommt Russland nur langsam voran. Aus der Luft kann Moskau aber weiter massiven Druck erzeugen, wenn der Ukraine die passenden Abfangraketen fehlen.
So entsteht eine neue Dynamik: Die Ukraine trifft Russland immer tiefer. Russland schlägt mit schweren Raketenangriffen zurück. Und der Kreml erklärt westliche Unterstützung immer offener zur Kriegsbeteiligung.
China bleibt auffällig vorsichtig
Auch China spielt eine Rolle. Öffentlich reagiert Peking zurückhaltend. Der chinesische Staatssender China Global Television Network, kurz CGTN, übernahm Peskows Darstellung, wonach westliche Länder in den Konflikt hineingezogen worden seien.
Eine laute offizielle chinesische Warnung an den Westen gibt es aber nicht. Reuters berichtete zugleich, Norwegen habe China gedrängt, seinen Einfluss auf Russland für Friedensgespräche zu nutzen.
Der Financial Times zufolge glauben westliche Entscheider, Chinas Staatschef Xi Jinping habe Putin vor dem Einsatz von Nuklearwaffen gewarnt. Auch Finnlands Präsident Alexander Stubb berichtete von einer sehr klaren chinesischen Haltung gegen nukleare Eskalation.
China stützt Russland politisch und wirtschaftlich. Einen nuklear eskalierenden Krieg in Europa will Peking aber offenbar nicht.
Wie real ist die Atomgefahr?
Die nüchterne Antwort lautet: Eine nukleare Eskalation ist derzeit nicht wahrscheinlich. Aber sie ist auch nicht bedeutungslos.
Das Royal United Services Institute, kurz RUSI, ein britischer Sicherheits-Think-Tank, sieht Russlands Nukleardoktrin an einem Wendepunkt. Moskau betrachtet westliche Präzisionswaffen, Aufklärung und Raketenabwehr zunehmend als strategische Bedrohung.
Peskows Satz passt in dieses Muster. Russland will westliche Hilfe für die Ukraine als direkte Kriegsbeteiligung markieren. Damit steigt nicht automatisch die Wahrscheinlichkeit eines Atomschlags. Aber die Drohung wird politisch wieder schärfer eingesetzt.
Drohen aus Schwäche und Stärke
Moskau droht nicht nur, weil es stark ist. Es droht auch, weil es unter Druck steht.
Russland kann weiterkämpfen. Es hat Soldaten, Raketen, Drohnen und eine Kriegswirtschaft. Aber es kann die Ukraine nicht schnell brechen. Die Ukraine wiederum kann Russland empfindlich treffen, aber nicht ohne westliche Hilfe gewinnen.
Genau deshalb wird die Sprache gefährlicher. Der Kreml will den Westen einschüchtern, die eigene Bevölkerung mobilisieren und erklären, warum aus einer angeblich begrenzten „Spezialoperation“ ein jahrelanger Abnutzungskrieg wurde.
Peskows Satz ist kein Beweis für einen unmittelbar bevorstehenden Nuklearschlag. Aber er ist ein Warnsignal.

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