New York inszeniert sich als Welthauptstadt der Einwanderung. Doch ausgerechnet eine offizielle Karte, die diese Geschichte feiern soll, zeigt, wie selektiv das Rathaus unter dem linken Bürgermeister Zohran Mamdani Vielfalt mittlerweile versteht: Manche Gemeinschaften werden sichtbar gemacht, andere verschwinden.

Anlässlich der Fußball-WM wollen Mamdani und seine Partner Besucher aus den Touristenzentren Manhattans in die Viertel der Metropole locken. Ein „Neighborhood Passport“ führt zu Geschäften, Kulturstätten und Veranstaltungen in allen fünf Stadtbezirken.

Herzstück des Projekts ist die Karte „New York City Immigrant Enclaves“. Sie soll New Yorks Einwanderungsgeschichte abbilden. Tatsächlich dokumentiert sie vor allem die politischen Prioritäten ihrer Herausgeber.

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Little Palestine drin, jüdische Viertel draußen

Auf der Karte sind 30 Einwandererviertel mit nummerierten Flaggen markiert. Zu sehen sind drei Chinatowns, Koreatown, Little Pakistan, Little Bangladesh und Little Yemen.

Mamdanis Rathaus ergänzte außerdem Little Egypt, Little Senegal und Little Palestine. Auch Little Ukraine, Little Poland, Little Albania und Little Odessa haben ihren Platz.

Die Leerstellen sind jedoch kaum zu übersehen.

Little Italy fehlt. Ebenso die traditionell irischen Viertel Woodlawn und Breezy Point. Nicht eingezeichnet ist Borough Park, eines der bedeutendsten Zentren orthodox-jüdischen Lebens außerhalb Israels. Auch das chassidisch geprägte Williamsburg kommt auf der offiziellen Einwandererkarte nicht vor.

Für Little Palestine fand sich eine Flagge. Für die jüdischen Viertel Brooklyns nicht.

„Unvollständig und beleidigend“

Besonders heftig reagierten die italienischstämmigen Mitglieder des New Yorker Stadtrats. Sie nannten die Auswahl „bestenfalls unvollständig und schlimmstenfalls beleidigend“.

Little Italy sei kein folkloristischer Themenpark für Touristen, sondern stehe für Generationen von Einwanderern, die Unternehmen, Kirchen und Vereine gründeten und New York mitaufbauten. Auch Belmont, Bensonhurst und Dyker Heights, die bis heute stark italienisch geprägt sind, wurden übergangen.

Doch es geht längst nicht mehr nur um Little Italy.

Staten Islands Bezirkspräsident Vito Fossella verwies ausdrücklich auf die fehlenden jüdischen Gemeinschaften Brooklyns. Auch irische und weitere Einwanderergruppen seien aus der offiziellen Darstellung verschwunden. Sein Urteil über die Arbeit des Rathauses fiel knapp aus: „Ignoranz ist keine gute Zutat.“

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Rathaus erklärt jüdische Viertel zur Religionsfrage

Die Rechtfertigung der Stadtverwaltung machte die Sache nicht besser. Die Karte zeige Gemeinschaften mit größeren im Ausland geborenen Bevölkerungsgruppen aus bestimmten Ländern oder Regionen, erklärte das Rathaus. Religiöse Gemeinschaften würden hingegen nicht gesondert ausgewiesen.

Damit wurden ausgerechnet die jüdischen Viertel Brooklyns kurzerhand zur bloßen Religionsfrage erklärt.

Als Beleg für jüdische Präsenz verwies die Verwaltung auf Little Odessa. Dort leben tatsächlich zahlreiche jüdische Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion. Doch der Hinweis beantwortet nicht, weshalb Borough Park und Williamsburg ignoriert werden.

Beide Viertel sind nicht einfach Ansammlungen von Gläubigen. Ihre Identität entstand durch konkrete Einwanderungsbewegungen, gemeinsame Sprachen, Herkunftsregionen, Schulen, Medien, Geschäfte und kulturelle Institutionen – nach denselben Kriterien also, nach denen andere Gemeinschaften auf der Karte gewürdigt werden.

Auch sonst hält sich das Rathaus nicht an seine eigene Begründung. Die Karte kennt Sammelbegriffe wie „Little Africa“ und „Little Caribbean“, die ebenfalls keine einzelnen Staaten bezeichnen. Die angeblich klare Trennlinie zwischen Herkunft und Religion existiert nur dort, wo sie der Verteidigung einer auffälligen Auslassung dient.

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Mamdani schiebt die Verantwortung ab

Nach mehreren Tagen öffentlicher Kritik meldete sich Mamdani zu Wort. Die Karte gehe auf ein Projekt seines Vorgängers Eric Adams aus dem Jahr 2023 zurück, erklärte er. Seine Regierung habe die Auswahl lediglich übernommen und erweitert.

Es handle sich „eindeutig nicht um eine vollständige Liste“ der mehr als 200 ethnischen Gemeinschaften New Yorks. Weitere Änderungen seien geplant. Little Italy werde nachgetragen.

Für Borough Park oder Williamsburg gab der Bürgermeister keine vergleichbare Zusage ab.

Auch der Versuch, die Verantwortung bei Adams abzuladen, überzeugt nur begrenzt. Das städtische Einwanderungsbüro hatte 2023 tatsächlich eine Serie über einzelne Einwanderergemeinschaften begonnen. Damals entstanden jedoch Illustrationen zu ausgewählten Vierteln – keine Gesamtkarte mit dem Anspruch, New Yorks Einwandererviertel abzubilden.

Erst Mamdanis Regierung machte daraus einen offiziellen WM-Wegweiser. Sie bearbeitete die Auswahl, ließ sie öffentlich verbreiten und ergänzte Little Egypt, Little Senegal, Little Palestine und Little Odessa. Das Rathaus hat die Karte daher nicht bloß geerbt. Es hat sie redaktionell verändert und als eigenes Projekt einem internationalen Publikum präsentiert.

Wer Ergänzungen vornehmen kann, trägt auch Verantwortung für das, was weiterhin fehlt.

Vielfalt nach politischer Auswahl

Wer aus mehr als 200 Gemeinschaften lediglich 30 auswählt, trifft keine neutrale Entscheidung. Die Frage lautet nicht, weshalb die Karte unmöglich alle Gruppen enthält. Die Frage lautet, weshalb Mamdanis Regierung ausgerechnet Little Palestine, Little Egypt und Little Senegal ergänzte, während einige der bekanntesten italienischen, irischen und jüdischen Gemeinschaften New Yorks nicht vorkamen.

Der öffentliche Druck zeigte Wirkung. Little Italy soll nachgetragen werden. Zu Borough Park und Williamsburg äußerte Mamdani dagegen keine konkrete Korrekturzusage. Die jüdischen Viertel bleiben damit vorerst dort, wo seine Einwandererkarte sie platziert hat: außerhalb des offiziellen Blickfelds.

Mamdani wollte New Yorks Vielfalt kartieren – und legte stattdessen ihre politische Hierarchie offen. Das Ergebnis ist ein Lehrstück in Identitätspolitik.