Die Statue des früheren Wiener Bürgermeisters Karl Lueger wurde in einer Werkshalle südlich von Wien beschädigt. Das Denkmal war im Jänner vom Stubenring entfernt worden. Es soll künstlerisch „kontextualisiert“ und danach wieder aufgestellt werden.

Bekennerschreiben auf linksextremistischer Plattform

Auf de.indymedia.org erschien am 20. Mai ein anonymes Bekennerschreiben im Themenbereich „Antifa“. Die Plattform wird laut deutscher Bundesregierung vom Bundesamt für Verfassungsschutz als gesicherte linksextremistische Bestrebung beobachtet. Der Verfassungsschutz bezeichnet de.indymedia zudem als zentrales Informations- und Propagandamedium der linksextremistischen Szene im deutschsprachigen Raum.

Der Lueger-Text steht dort nicht allein: Auf der Plattform finden sich auch weitere anonyme Beiträge zu Angriffen, Outings und Sachbeschädigungen. Im aktuellen Umfeld des Lueger-Bekennertexts stehen etwa Beiträge mit Überschriften wie „Generation Deutschland angreifen!“, „Drohnen­symposium sabotiert“, „Gegen die Polizei und die Welt, die sie braucht!“ oder ein Beitrag über einen „demolierten“ Transporter.

Im Lueger-Bekennertext heißt es, man habe in der Woche vom 11. bis 17. Mai „Antisemitismuskritik praktiziert“ und die Statue „in einer Werkshalle südlich von Wien aufgespürt und angegriffen“.

Bekenner bedanken sich zynisch bei der Stadt Wien

In dem Schreiben wird Karl Lueger als „Antisemit und Hitlervorbild“ bezeichnet. Die anonymen Verfasser kritisieren, dass ihm in Wien weiterhin mit einer „übergroßen“ Statue am Ring gedacht werde. Auch die geplante Schrägstellung des Denkmals um 3,5 Grad ändere daran aus ihrer Sicht nichts.

Zynisch bedanken sich die Bekenner bei der Stadt Wien. Die geplante Bearbeitung habe ihnen erst die Gelegenheit gegeben, „in Ruhe und auf Augenhöhe mit der Statue zu arbeiten“.

Noch deutlicher wird der Ton am Ende des Schreibens: Man habe „mit Freude Hand“ an das Werk und Abbild gelegt und wolle andere dazu ermutigen, „auch ihre eigene Umgebung positiv zu gestalten“. Damit feiern die anonymen Verfasser offen einen mutmaßlichen Einbruch und eine Sachbeschädigung als politische Aktion.

Stadt bestätigt Einbruch und schwere Sachbeschädigung

Aus dem Büro von Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) wurde der Vorfall gegenüber dem Standard bestätigt. Demnach kam es zu einem Einbruch mit schwerer Sachbeschädigung. Wegen laufender polizeilicher Ermittlungen gebe es derzeit keine weiteren Auskünfte.

Auch die zuständige Institution Kunst im öffentlichen Raum Wien wollte laut Bericht keine näheren Details nennen.

ÖVP warnt vor Linksextremismus

Scharfe Kritik kommt von der Wiener ÖVP. Klubobmann Harald Zierfuß spricht von einem „offenbar linksextrem motivierten Angriff“ auf die Lueger-Statue, der „aufs Schärfste zu verurteilen“ sei. „Sachbeschädigung, Einbruch und politisch motivierter Vandalismus dürfen keinen Platz haben.“

Auch Gemeinderätin Caroline Hungerländer kritisiert die Aktion deutlich: „Wer zu Zerstörung greift, anstatt sich sachlich mit Themen auseinanderzusetzen, leistet keinen Beitrag zur Erinnerungskultur, sondern untergräbt sie.“

Gegenüber dem exxpress legt Hungerländer nach. Für sie zeigt der Vorfall ein größeres Problem: „Der Linksextremismus ist gewaltbereit und gut vernetzt. Die Wiener Stadtregierung darf das Problem nicht länger verdrängen. Jegliche Gelder in diese Szene müssen unterbunden werden.“

Die ÖVP fordert eine vollständige Aufklärung des Vorfalls und konsequente strafrechtliche Schritte gegen die Verantwortlichen. „Wer glaubt, mit extremistischer Selbstjustiz politische Zeichen setzen zu können, überschreitet eine klare Grenze”, unterstreichen Zierfuß und Hungerländer.

770.000 Euro – trotzdem beschädigt

Die Lueger-Statue ist seit Jahren umstritten. Karl Lueger war Wiener Bürgermeister von 1897 bis 1910. Wegen seines politischen Antisemitismus wird seit Langem über den Umgang mit seinem Denkmal gestritten.

Die Stadt Wien entschied sich nicht für eine Entfernung, sondern für eine künstlerische Kontextualisierung: Die Statue soll künftig um 3,5 Grad geneigt stehen. Die Idee stammt vom Künstler Klemens Wihlidal. Die Kosten für das Projekt liegen bei rund 770.000 Euro.

Rückkehr noch vor dem Sommer geplant

Trotz der Beschädigung soll sich der Zeitplan offenbar nicht grundlegend ändern. Die Kontextualisierung soll voraussichtlich noch vor dem Sommer abgeschlossen werden, danach soll die Statue wieder am Stubenring aufgestellt werden.

Für die einen bleibt das Denkmal ein Symbol des Antisemitismus. Für die anderen zeigt der Vorfall, wie schnell aus politischem Protest Einbruch, Sachbeschädigung und Selbstjustiz werden.

Lueger verdeckt andere Bürgermeister

Die anhaltende Debatte über Karl Lueger überlagert den Blick auf andere Wiener Bürgermeister des 19. Jahrhunderts. Cajetan Felder, Wiens liberaler Bürgermeister von 1868 bis 1878, prägte die Stadt mit Projekten wie der ersten Hochquellenwasserleitung, der Donauregulierung, dem Zentralfriedhof und der Grundsteinlegung für das neue Rathaus. In der breiten Öffentlichkeit ist er heute zu Unrecht vergessen.

Lueger, Bürgermeister von 1897 bis 1910, wurde für die städtische Übernahme von Gas, Strom und Straßenbahn sowie für die zweite Hochquellenwasserleitung bekannt. Doch sein Ruhm hat Schattenseiten: Die Stadt investierte damals unter Aufnahme beträchtlicher Schulden – Modernisierung auf Pump, wie sie auch heutige Politik gut kennt. Zugleich nutzte Lueger antisemitische Stimmungen politisch – als Populist, der mit Ressentiments Macht gewann.