„Arbeit in einem mehrsprachigen, interkulturellen Umfeld“, „Berufserfahrung in einer diplomatischen Vertretung“ – das klingt harmlos, doch dahinter stecken die Taliban. Auf der Website des afghanischen Generalkonsulats in Bonn, das seit Oktober unter Taliban-Führung steht, ist seit vergangener Woche ein Praktikumsangebot veröffentlicht. Deutschland ist der einzige EU-Staat, der die Taliban als Diplomaten akkreditiert hat. Damit gibt Deutschland den Taliban eine offizielle Plattform, um mitten in Europa Nachwuchs zu rekrutieren. Experten sehen darin einen gezielten Versuch, junge Menschen in Europa für die radikalislamistische Ideologie zu gewinnen. Der WDR berichtete.

„Tickende Zeitbombe" mitten in der deutschen Gesellschaft

Die Zielgruppe ist dabei klar: Zwar können sich grundsätzlich auch Deutsche bewerben, „sehr willkommen” seien laut Ausschreibung jedoch Kenntnisse in Dari und Paschtu – den Landessprachen Afghanistans.

Journalist Alisina Ayobi, der im Exil in Deutschland lebt, ist alarmiert: „Ich bin der Überzeugung, dass es eine tickende Zeitbombe ist. Und die deutsche Regierung erlaubt den Taliban, sie mitten in ihrer eigenen Gesellschaft zu platzieren.” Er beschreibt das Kalkül dahinter: „Sie wissen sicher, in welchem Alter man sich üblicherweise um Praktikumsplätze bewirbt. Es sind zumeist recht junge Menschen, die sehr leicht zu beeinflussen sind.”

40 Jahre Erfahrung in der Radikalisierung

Menschenrechtsaktivistin Patoni Teichmann warnt vor der langjährigen Rekrutierungserfahrung der Taliban: „Die Taliban haben es 40 Jahre geschafft, jüngere Männer emotional, religiös und politisch so zu beeinflussen, sodass viele bereit waren, ihr eigenes Leben als Selbstmordattentäter zu opfern.” Ihr Fazit ist klar: „Wenn die Taliban in Europa junge Menschen institutionell einbinden, Netzwerke aufbauen und eine politische Präsenz etablieren, dann geht es nicht mehr nur um Verwaltung. Es geht um langfristige Einflussräume. Das muss man stoppen.”

Taliban-Netzwerke bereits aktiv

Dass Taliban-Sympathisanten in Deutschland längst aktiv sind, zeigte sich bereits vergangenen Herbst. Ein Teilnehmer postete auf TikTok ein Foto eines Treffens einer ganzen Gruppe mit dem Taliban-Vertreter in Bonn – darunter Männer aus dem Rheinland, einige Mitglieder einer Organisation von Paschtunen, der Volksgruppe der Taliban. Das afghanische Generalkonsulat ließ eine Anfrage von WDR und NDR zu dem Praktikumsangebot unbeantwortet.