Ein Mann, viele Vorwürfe: Andreas Kutheil leitet seit 2018 das Wiener Marktamt, die MA 59. Seit Dienstag ist er mit schweren Vorwürfen konfrontiert.
Mitarbeiter berichten von einem „Klima der Angst“. Es geht um rassistische und sexistische Äußerungen, Bossing, Beschimpfungen und weinende Beschäftigte. Ein Mitarbeiter sei nach einem aufgezeichneten Gespräch mit Kutheil an einer reaktiven Depression erkrankt und bis heute nicht in den Dienst zurückgekehrt.
Rund 20 Beschäftigte sollen sich an den Unabhängigen Bedienstetenschutz gewandt haben. Die Interne Revision der Magistratsdirektion prüft den Fall. Der Falter stützt seine Darstellung auf Gespräche mit zehn Beamten sowie auf Audioaufnahmen, E-Mails, Protokolle und ärztliche Unterlagen.
Jetzt gerät auch der Vize ins Visier
Der exxpress-Redaktion liegt ein Schreiben vor, das die Vorwürfe deutlich ausweitet. Es stammt von anonymen Verfassern, die angeben, für betroffene Mitarbeiter des Wiener Marktamtes zu sprechen.
Das Schreiben belastet neben Kutheil ausdrücklich auch dessen Stellvertreter Alexander Hengl. „In dieser Dienststelle wird Angst als Führungsinstrument eingesetzt“, heißt es darin.
Von Kutheil und Hengl gehe eine Kultur aus, in der Mitarbeiter „nicht geführt, sondern klein gemacht“ würden. Hengl wird zudem eine zentrale Rolle bei Medienarbeit, Zahlenkommunikation und Außendarstellung der MA 59 zugeschrieben.
Zu Hengl nennt das Schreiben allerdings weder datierte Einzelfälle noch konkrete Äußerungen. Die Vorwürfe gegen ihn sind bislang nicht unabhängig bestätigt.
Vorwurf: Zahlen für Medien geschönt
Besonders brisant sind die Anschuldigungen zur Außendarstellung des Marktamtes. „Es geht um falsche beziehungsweise geschönte Zahlen bei Veranstaltungen, Besucherzahlen und Leistungsdarstellungen“, schreiben die anonymen Verfasser.
Als Beispiele nennen sie die „Lange Nacht der Wiener Märkte“ und Angaben zur Marktfrequenz. Medien sollen Zahlen erhalten haben, die nach Darstellung der Verfasser durch die interne Datenlage nicht ausreichend gedeckt gewesen seien.
Welche konkrete Zahl falsch sein soll, bleibt offen. Abweichende interne Daten oder andere Nachweise wurden exxpress bislang nicht übermittelt.
Mehr als 15 Tage im Dienst?
Ein weiterer Vorwurf betrifft die Arbeitsbedingungen in der MA 59. „Es geht um Fälle, in denen über 15 Tage am Stück gearbeitet wird“, heißt es in dem Schreiben.
Hinzu kämen nicht ausreichend eingehaltene Ruhezeiten und eine fragwürdige Überstundenpraxis. Unklar sei, auf welcher Grundlage zusätzliche Stunden angeordnet, abgerechnet und genehmigt worden sind.
Kurzfilme und fragwürdige Ausgaben
Auch der Umgang mit öffentlichen Mitteln wird infrage gestellt. Das Schreiben nennt teure Anschaffungen, Kurzfilme und Kommunikationsprojekte, deren Nutzen und Angemessenheit geprüft werden müssten.
Welche Projekte konkret gemeint sind, wie hoch die Kosten waren und welche Auftragnehmer damit betraut wurden, bleibt offen. Belege wurden dem exxpress auch dazu bislang nicht übermittelt.
Stadt prüft „alle Hinweise“
Der exxpress konfrontierte die Magistratsdirektion, das Büro von Vizebürgermeisterin Bettina Emmerling und die MA 59 mit den zentralen zusätzlichen Vorwürfen aus dem Schreiben.
Die Magistratsdirektion erklärte, Beschwerden gegen Mitarbeiter würden „sehr ernst“ genommen und „vollumfänglich und umgehend“ überprüft. „Aktuell prüft die Interne Revision der Magistratsdirektion alle Hinweise. Sollten diese sich bestätigen, werden selbstverständlich entsprechende Maßnahmen gesetzt.“
Die Prüfung habe umgehend nach Bekanntwerden der Vorwürfe begonnen und diene deren Aufklärung. Zu einzelnen Personalangelegenheiten könne aus Datenschutzgründen keine Auskunft gegeben werden.
Zu Hengl keine konkrete Auskunft
Ob sich die Prüfung ausdrücklich auch auf Hengl, Zahlenkommunikation, Arbeitszeiten und Kommunikationsausgaben erstreckt, beantwortete die Magistratsdirektion nicht einzeln. Sie verwies zusammenfassend darauf, dass „alle Hinweise“ geprüft würden.
Wie lange die Erhebungen dauern, sei offen. Die intensive Prüfung werde „eine gewisse Zeit“ benötigen, solle aber so rasch wie möglich abgeschlossen werden. Bis dahin werde es keine weiteren Informationen der Stadt Wien geben.
Die Antwort der Stadt enthielt keine persönlichen Stellungnahmen Kutheils oder Hengls zu den zusätzlichen Vorwürfen.
Sima weist Trauzeugenbehauptung zurück
Eine konkrete Behauptung des anonymen Schreibens dementiert die frühere zuständige Stadträtin Ulrike Sima (SPÖ). Darin heißt es, Kutheil sei Trauzeuge ihres Ehemannes Josef Thon gewesen.
„Er war nicht einmal bei der Hochzeit anwesend“, sagte Sima dem Kurier.
Emmerling verweist auf Prüfung – Opposition fordert Aufklärung
Vizebürgermeisterin Emmerling erklärte gegenüber dem Kurier, ein respektvoller Umgang mit allen Mitarbeitern der Stadt sei für sie „unverzichtbar“. Die Vorwürfe würden sehr ernst genommen und von den zuständigen Stellen intensiv geprüft.
Den Wiener Grünen reicht die Interne Revision nicht. Klubobmann Georg Prack fordert eine unabhängige Untersuchung. Geklärt werden müsse auch, wann Emmerling und Sima von den Vorwürfen erfahren hätten und weshalb gegebenenfalls nicht früher gehandelt worden sei.
Auch FPÖ und ÖVP verlangen eine rasche und umfassende Aufklärung. Ob sich die zusätzlichen Anschuldigungen gegen Hengl sowie zu Zahlen, Arbeitszeiten und Ausgaben bestätigen, bleibt offen. Der exxpress geht den Hinweisen weiter nach.

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