Ausgerechnet Israel soll Recep Tayyip Erdogan einst vor dem Tod bewahrt haben. Avi Shushan, der frühere Sprecher des Ichilov-Krankenhauses in Tel Aviv, wartete beim israelischen Sender Channel 14 mit einer spektakulären Behauptung auf.

Erdogan sei vor sechs oder sieben Jahren schwer an Krebs erkrankt. Daraufhin habe der israelische Auslandsgeheimdienst Mossad einen hochrangigen Arzt aus dem Ichilov-Krankenhaus zu ihm geschickt.

Der Mediziner sei nicht privat, sondern im Auftrag des israelischen Staates gereist – mit Zustimmung von Premierminister Benjamin Netanyahu. „Ein Arzt aus Ichilov hat Erdogan gerettet“, sagte Shushan. „Ein Arzt aus Israel. Israel hat ihn gerettet.“

„Er lebt dank eines Israelis“

Shushan verband die Geschichte mit Erdogans heutiger Feindseligkeit gegenüber Israel. Der türkische Staatschef, der nun die Juden bedrohe, sei „lebendig und atmet dank eines Juden, dank eines Israelis, dank Benjamin Netanyahus“, erklärte der frühere Krankenhaussprecher.

Nach Shushans Darstellung hatten Journalisten bereits damals von dem Einsatz erfahren und versucht, ihn zu verifizieren. Er selbst habe die Geschichte jedoch auf Anweisung geheim gehalten.

Shushan betonte, der Arzt sei ausdrücklich als Vertreter des Staates Israel aufgetreten. Die Mission sei auf Ersuchen des Mossad und mit Netanyahus Genehmigung erfolgt.

Sender ruft mutmaßlichen Arzt live an

Channel 14 legte am folgenden Tag nach. Bei dem Arzt soll es sich um Prof. Itzhak Shapira handeln, einen früheren stellvertretenden Direktor des Ichilov-Krankenhauses.

Moderator Yehuda Schlesinger rief Shapira während der Sendung an und sprach ihn direkt auf die angebliche Geheimmission an. „Entschuldigung, ich spreche nicht mit Journalisten“, antwortete der Professor zweimal. Anschließend beendete er das Gespräch.

Seine Weigerung ist keine Bestätigung der Geschichte. Shushan erklärte sie jedoch damit, dass Shapira über vertrauliche Einsätze nicht sprechen dürfe. Der Mediziner habe in der Vergangenheit zahlreiche Menschen im Auftrag des israelischen Staates behandelt.

Medizinischer Kontakt war bereits bekannt

Die Behauptung fällt nicht völlig aus dem Nichts. Bereits im Jänner 2022 berichtete das israelische Nachrichtenportal Ynet, Shapira berate Erdogan in medizinischen Fragen und habe ihn zuvor in den USA getroffen.

Shapira war damals stellvertretender Direktor des Ichilov-Krankenhauses, ausgebildeter Kardiologe und unter anderem für den Bereich Medizintourismus verantwortlich.

Das Krankenhaus und der Professor verweigerten schon damals jede Stellungnahme. Quellen, die mit dem Verhältnis zwischen Erdogan und Shapira vertraut gewesen sein sollen, hielten auch Treffen in der Türkei für möglich.

Der frühere Bericht stützt somit die Annahme eines medizinischen Kontakts. Er belegt aber weder eine Krebserkrankung noch einen Mossad-Einsatz oder eine lebensrettende Behandlung.

Krebsdiagnose wurde offiziell bestritten

Um Erdogans Gesundheitszustand gibt es seit Jahren Spekulationen. Im November 2011 musste sich der damalige türkische Ministerpräsident einer Magen-Darm-Operation unterziehen.

Sein behandelnder Chirurg erklärte anschließend, die entfernten Polypen seien gutartig gewesen. Erdogan habe „sicher keinen Krebs“. Auch der damalige Staatspräsident Abdullah Gül versicherte, sämtliche Untersuchungen seien unauffällig gewesen.

Die regierungskritische Plattform Nordic Monitor behauptete hingegen 2020 unter Berufung auf anonyme Quellen, Erdogan habe Darmkrebs überstanden. Beweise oder öffentlich zugängliche Krankenakten legte das Medium nicht vor.

Ob Shushan dieselbe Erkrankung meint oder einen späteren Krankheitsfall, bleibt offen. Seine Zeitangabe von sechs oder sieben Jahren würde auf die Jahre 2019 oder 2020 verweisen.

Brisante Enthüllung nach Trumps Erdogan-Besuch

Die Aussage kommt in einer politisch brisanten Phase. Beim NATO-Gipfel in Ankara umwarb US-Präsident Donald Trump Erdogan, stellte ein Ende amerikanischer Sanktionen in Aussicht und signalisierte Offenheit für eine Rückkehr der Türkei zum F-35-Kampfjetprogramm.

In Israel stößt Trumps Annäherung an Ankara auf erhebliches Unbehagen. Netanyahu hatte den US-Präsidenten Berichten zufolge vor dem Gipfel aufgefordert, Erdogan wegen dessen Kurs gegenüber Israel stärker unter Druck zu setzen.

Aus der angeblichen Rettungsaktion wird damit eine politische Pointe: Israel soll einem Mann das Leben gerettet haben, der den jüdischen Staat heute regelmäßig scharf attackiert.

Solange weder die israelische Regierung noch der Mossad, das Ichilov-Krankenhaus oder Shapira die Geschichte bestätigen, bleibt sie allerdings eine spektakuläre – aber unbewiesene – Enthüllung.