Es ist weit mehr als gewöhnliche Katastrophenhilfe: Seit 2009 unterhalten Venezuela und Israel keine diplomatischen Beziehungen mehr. Nun bittet Caracas ausgerechnet den jüdischen Staat um Unterstützung beim Wiederaufbau.
Auf Ersuchen der venezolanischen Interimspräsidentin Delcy Rodríguez wird die israelische Hilfsdelegation ihren Einsatz um zwei Wochen verlängern. Ministerpräsident Benjamin Netanyahu genehmigte die Verlängerung in Abstimmung mit Außenminister Gideon Sa’ar.
Rund 1300 Gebäude werden überprüft
Die israelische Delegation besteht aus rund 30 Mitarbeitern des Außenministeriums, Spezialisten des Heimatfrontkommandos und weiteren Militärexperten. Zusätzlich unterstützt nach Angaben des israelischen Außenministeriums ein etwa 20-köpfiges Expertenteam von Israel aus.
Im Mittelpunkt des Einsatzes steht die Untersuchung beschädigter Wohnhäuser, Krankenhäuser und öffentlicher Einrichtungen. Rund 1300 Gebäude sollen überprüft und danach eingestuft werden: Können sie saniert werden – oder müssen sie abgerissen werden?
Israels Ingenieure beraten die venezolanischen Behörden außerdem beim Abtragen instabiler Gebäudeteile, bei der Beseitigung der Trümmer und bei der Vorbereitung der Grundstücke für den Wiederaufbau.

Mehrjähriger Wiederaufbauplan beschlossen
Gemeinsam mit Venezuelas Infrastrukturministerium entwickelte die Delegation nach israelischen Angaben innerhalb weniger Tage einen nationalen, mehrjährigen Wiederaufbauplan.
Rodríguez ließ sich das Konzept präsentieren und billigte es. Mit der nun beschlossenen Verlängerung soll die israelische Mission bereits bei der ersten Umsetzung helfen.
Der Einsatz war ursprünglich nur bis Sonntag, den 12. Juli, vorgesehen. Nun bleibt das Team zwei Wochen länger.
Rodríguez lobt israelische Helfer
Schon vor dem Treffen hatte Rodríguez die Arbeit der Israelis ungewöhnlich deutlich gewürdigt. Sie sprach von einem „hochprofessionellen und qualifizierten Team“. Zugleich bedankte sie sich bei der jüdischen Gemeinde Venezuelas und bei Oberrabbiner Yitzhak Cohen. Sie hätten dabei geholfen, den Kontakt zur israelischen Regierung herzustellen und die Mission zu ermöglichen.
Bei dem späteren Treffen mit Rodríguez waren auch uniformierte Offiziere des israelischen Heimatfrontkommandos anwesend. Angesichts der langjährigen Feindschaft zwischen Caracas und Jerusalem war das ein diplomatisch bemerkenswerter Auftritt.
Mehr als 4100 Menschen kamen ums Leben
Venezuela wurde am 24. Juni von zwei schweren Erdbeben der Stärke 7,2 und 7,5 erschüttert. Sie folgten innerhalb von nur 39 Sekunden aufeinander. Nach der jüngsten offiziellen Bilanz kamen mindestens 4118 Menschen ums Leben. 16.740 wurden verletzt, Tausende gelten weiterhin als vermisst. Knapp 18.000 Menschen verloren ihr Zuhause.
Besonders schwer betroffen ist der Küstenstaat La Guaira. Ganze Wohnviertel wurden zerstört, zahlreiche Hochhäuser stürzten ein oder sind nicht mehr bewohnbar.
Netanyahu spricht von „Wiederaufbau der Beziehungen“
Netanyahu würdigte die Delegation in einer Videobotschaft. „Ihr baut Ruinen wieder auf – und ihr baut auch Beziehungen wieder auf“, sagte der israelische Regierungschef.
Formal wurden die diplomatischen Beziehungen bisher allerdings nicht wiederhergestellt. Die Katastrophenhilfe könnte dennoch den Anfang eines politischen Tauwetters markieren.
Chávez brach 2009 mit Israel
Venezuela hatte seine Beziehungen zu Israel im Jänner 2009 während des damaligen Gaza-Krieges abgebrochen. Präsident Hugo Chávez ließ den israelischen Botschafter ausweisen. Auch unter Nicolás Maduro blieb Venezuela einer der schärfsten Kritiker Israels und pflegte enge Beziehungen zum Iran.
Umso deutlicher ist die jetzige Wende nach 17 Jahren ohne diplomatische Beziehungen.

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