„Prävention ist billiger als Leichensäcke.“ Mit diesen Worten reagierte die emiratische Autorin und Islamismus-Kritikerin Rauda Altenaiji auf den Terroranschlag rund um den Berliner Christopher Street Day. Sie fordert einen härteren Umgang mit Extremisten und warnt vor zu viel Vertrauen in Deradikalisierung. Man müsse „extremistische Organisationen verbieten, Ausländer, die eine echte Sicherheitsbedrohung darstellen, soweit gesetzlich zulässig, ausweisen“. Im Bildungssystem müssten Warnzeichen der Radikalisierung erkannt werden.
Abdul B. war den Behörden längst bekannt. Erst am 12. Mai war er wegen Terrorvorbereitung und IS-Propaganda verurteilt worden. Dennoch kam er frei – gegen den Willen der Generalstaatsanwaltschaft. Auch seine geplante Deradikalisierung hatte gerade erst begonnen. Nach zwei Vorgesprächen beschrieben ihn die Berater als „sehr angepasst und sehr ausweichend“. Ob er sich tatsächlich vom Islamismus gelöst hatte, konnten sie nicht erkennen.
Dann kam der Anschlag auf den Berliner CSD.
Genau hier werden die Stimmen interessant, die in Europas Debatte oft zu wenig gehört werden: ehemalige Dschihadisten, frühere Geheimdienstler und internationale Terrorjäger. Einige von ihnen warnen seit Jahren vor genau diesem Problem – und ihre Schlussfolgerungen sind unbequem.
Ex-al-Qaida-Mann: „Kein rehabilitierter Dschihadist“
Aimen Dean war selbst bei al-Qaida. Der in Saudi-Arabien geborene Ex-Islamist schloss sich zunächst Dschihadisten in Bosnien an, trat 1997 al-Qaida bei und leistete seinen Treueeid in Anwesenheit Osama bin Ladens. Später wechselte er die Seiten und arbeitete acht Jahre verdeckt für den britischen Auslandsgeheimdienst MI6.
Sein Urteil über staatliche Deradikalisierung fällt drastisch aus. „Einen rehabilitierten Dschihadisten gibt es nicht“, erklärte Dean bereits 2020. Er selbst unterscheidet dabei zwischen einer freiwilligen Abkehr wie seiner eigenen und dem Versuch, einen verurteilten Terroristen von außen umzuerziehen.
Dean fordert längere Haftstrafen. Vertrauen würde er einem ausgestiegenen Dschihadisten erst dann, wenn dieser aus eigenem Antrieb vollständig kooperiert und seinen früheren Netzwerken tatsächlich schadet.
Die Konsequenz wäre erheblich. Nicht die behauptete Läuterung eines Täters stünde im Mittelpunkt, sondern die Frage, wie gefährlich ein Irrtum wäre. Im Zweifel müsste der Staat länger einsperren, länger überwachen und erheblich höhere Anforderungen an die Annahme stellen, jemand habe sich tatsächlich geändert. Das kollidiert zwangsläufig mit Resozialisierung und Freiheitsrechten.
Micheron: Weniger Anschläge bedeuten nicht weniger Dschihadismus
Der französische Politikwissenschaftler Hugo Micheron erforscht seit Jahren dschihadistische Milieus in Europa und interviewte zahlreiche inhaftierte Islamisten. Seine Warnung ist besonders beunruhigend: In Europa gebe es wahrscheinlich mehr Sympathisanten des Dschihadismus als noch vor zehn Jahren.
Der Untergang des IS-Kalifats könne täuschen. Wer lediglich erfolgreiche Anschläge zählt, übersehe vereitelte Pläne, Gefängnisnetzwerke, digitale Radikalisierung und die langfristige Entwicklung der Szene. Micheron warnt deshalb davor, Zeiten mit weniger spektakulären Anschlägen automatisch als Erfolg zu interpretieren.
Doch auch eine andere seiner Aussagen ist für die Politik unbequem. Schon 2023 betonte er, die überwältigende Mehrheit der in Europa vorhandenen Dschihadisten sei seit Jahren europäisch, in Europa geboren und aufgewachsen. Wer die Bekämpfung des Dschihadismus hauptsächlich auf Migration reduziere, verfehle deshalb einen wesentlichen Teil des Problems.
Auch Abdul B. war in Berlin geboren, dort aufgewachsen und deutscher Staatsbürger. Eine Abschiebung hätte seinen Fall nicht gelöst.
1940 gewaltorientierte Islamisten allein in Berlin
Hans-Jakob Schindler nennt das nächste Problem: die Masse. Der frühere Koordinator des UN-Monitoringteams für IS, al-Qaida und Taliban gehört heute dem Beraterkreis des deutschen Innenministeriums zur Islamismusbekämpfung an.
Nach dem Berliner Anschlag nannte er eine bemerkenswerte Zahl. Allein in Berlin gebe es 1940 zumindest gewaltorientierte Islamisten. Insgesamt rechnen die Behörden dort 2590 Menschen der islamistischen Szene zu.
Sie alle zu überwachen sei schlicht unmöglich. Schindler fordert deshalb einen wesentlich besseren Zugriff auf digitale Informationen. Soziale Netzwerke müssten verdächtige Vorgänge stärker erkennen und melden – ähnlich wie Finanzunternehmen verdächtige Transaktionen.
Das führt direkt zum nächsten politischen Konflikt. Massenhafte Datenauswertung, künstliche Intelligenz und engere Zusammenarbeit zwischen Behörden und Plattformen berühren Privatsphäre und Datenschutz.
Schindlers Antwort darauf ist hart: Bleibe der Zugang zu relevanten Daten so beschränkt, würden Anschläge wie jener in Berlin „immer wieder passieren“.
Israels Terrorjäger warnte Europa schon 2016
Noch grundsätzlicher formulierte es Yoram Schweitzer. Der israelische Terrorismusforscher arbeitete zuvor in der israelischen Intelligence Community, leitete die Counter International Terror Section der israelischen Streitkräfte und beriet das Büro des Premierministers sowie das Verteidigungsministerium.
Bereits nach den Anschlägen von Paris und Brüssel 2015 und 2016 warnte Schweitzer vor einem europäischen Dilemma. Europa müsse individuelle Freiheiten schützen – zugleich aber terroristische Strukturen konsequenter bekämpfen.
Konkret verlangte er eine engere Kontrolle religiöser Einrichtungen, stärkere Überwachung bestimmter Wohltätigkeitsorganisationen und besseren Schutz öffentlicher Orte. Dabei zog er eine wichtige Grenze: Terrorbekämpfung dürfe der muslimischen Bevölkerung nicht als Kampf gegen den Islam vermittelt werden.
Gerade deshalb ist seine Forderung politisch so schwierig. Mehr Kontrolle – ohne Millionen friedliche Muslime unter Generalverdacht zu stellen.
Ranstorp: Ein „Universum der Verleugnung“
Magnus Ranstorp blickt noch weiter vor die eigentliche Terrorplanung. Der schwedische Terrorismusforscher beschäftigt sich seit mehr als drei Jahrzehnten mit islamistischen Bewegungen. Im März 2026 erhob er einen vernichtenden Vorwurf gegen Teile der schwedischen Wissenschaft. Sie lebten beim Islamismus in einem „parallelen Universum der Verleugnung“.
Islamistische Organisationen hätten sich etablieren und öffentliche Gelder erhalten können. Politiker seien teilweise aus Unwissenheit oder aus Angst zurückgewichen, als islamophob oder rassistisch bezeichnet zu werden.
Seine Schlussfolgerung: Der Staat müsse nicht erst auf den Terroristen warten. Er müsse Netzwerke, Finanzierung, Organisationen und möglichen Einfluss auf Institutionen früher untersuchen.
Und ausgerechnet Schweden zeigt, wie schnell eine lange umstrittene Warnung plötzlich die Regierungspolitik prägt. Im Juni setzte die schwedische Regierung eine Untersuchung über religiöse Radikalisierung ein – mit besonderem Schwerpunkt auf politischem Islam, möglicher Infiltration und unzulässiger Einflussnahme auf Institutionen Zum Leiter ernannte sie: Magnus Ranstorp.
„Islamisierung der deutschen Gesellschaft“
Eine der kontroversesten Stimmen kommt aus Frankreich. Die CNRS-Anthropologin Florence Bergeaud-Blackler untersucht seit Jahrzehnten islamistische Netzwerke und insbesondere das Umfeld der Muslimbruderschaft. Ihre These: Der Blick auf den Terroristen allein setzt viel zu spät an.
Islamistische Bewegungen könnten Gesellschaften auch ohne offene Gewalt langfristig verändern – über Vereine, Bildung, religiöse Repräsentation, Finanzierung und gesellschaftliche Normen.
Für Deutschland formulierte sie es im vergangenen Jahr drastisch: Bestimmte islamistische Eliten arbeiteten an einem übergeordneten Projekt – der „Islamisierung der deutschen Gesellschaft“. Das ist eine weitreichende These. Politisch hätte sie ebenfalls unbequeme Konsequenzen.
Dann müsste der Staat öffentliche Förderungen, institutionelle Partner und ausländische Finanzierungsstrukturen nicht erst danach beurteilen, ob jemand Gewalt unterstützt. Sondern auch danach, ob demokratische Institutionen gezielt für eine islamistische politische Agenda benutzt werden.
Bergeaud-Blackler selbst fordert genau diese stärkere Aufmerksamkeit für institutionellen Zugang und Netzwerke.
Europols Zahlen liefern wenig Grund zur Entwarnung
Die jüngsten EU-Zahlen machen es schwerer, die Warnungen zu ignorieren. Europol registrierte für 2025 insgesamt 45 vollendete, gescheiterte oder vereitelte Terroranschläge in der EU. 24 davon waren dschihadistisch. Von 486 festgenommenen Terrorverdächtigen entfielen 347 – rund 71 Prozent – auf dschihadismusbezogene Delikte.
Dschihadistische Anschläge verursachten fünf Todesopfer und 81 Verletzte. Europol bezeichnet den Dschihadismus als die am weitesten verbreitete Form des Terrorismus und als die anhaltendste Terrorbedrohung in der EU.
Die genannten Experten verbindet eines: Alle warnen vor demselben Fehler: erst dann zu reagieren, wenn aus einer Ideologie bereits ein konkreter Terrorplan geworden ist. Und ihre Vorschläge haben einen Preis.
Mehr Haft beschränkt Freiheit. Mehr Überwachung bedroht Privatsphäre. Härtere Kontrollen religiöser Organisationen berühren Religionsfreiheit. Die Prüfung islamistischer Netzwerke provoziert den Vorwurf der Diskriminierung. Vielleicht werden diese Warnungen auch deshalb so ungern gehört.

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