Ortner gilt als einer der wichtigsten Mitarbeiter des SPÖ-Finanzministers. Der studierte Volkswirt war maßgeblich an den Verhandlungen zum Doppelbudget beteiligt und stand in den vergangenen Monaten oft im Zentrum der Budgetgespräche. Umso größer war das Erstaunen, als der 53-Jährige ausgerechnet am Tag von Marterbauers Budgetrede nicht an dessen Seite im Parlament auftauchte. Stattdessen präsentierte er sich bereits bei einer außerordentlichen Aufsichtsratssitzung der ÖBB-Infrastruktur, wo seine Bestellung zum neuen Vorstand vorbereitet wurde.

Fliegender Wechsel

Mit 1. Dezember soll Ortner den Bereich Finanzen, Markt und Services übernehmen. Er folgt damit auf Silvia Angelo, deren Mandat ausläuft. Gleichzeitig wird auch ein zweiter Vorstandsposten neu besetzt. Die ÖBB-Managerin Christina Rebernik steigt ebenfalls in die Führung des Infrastruktur-Konzerns auf. Beide Verträge laufen zunächst für drei Jahre.

„Postenschacher in Reinkultur“

Für die FPÖ ist die Personalie ein gefundenes Fressen. Generalsekretär und Verkehrssprecher Christian Hafenecker spricht von „Postenschacher in Reinkultur“ und wirft der Regierung vor, politische Vertraute in Spitzenpositionen staatsnaher Unternehmen zu hieven. Der Wechsel eines Kabinettschefs direkt aus dem Finanzministerium in den Vorstand eines Staatskonzerns liefere der Opposition genau jene Bilder, die sie seit Jahren kritisiert.

Lange Karriere, starkes SPÖ-Netzwerk

Tatsächlich verfügt Ortner über eine lange politische und berufliche Vergangenheit im roten Umfeld. Bereits unter den SPÖ-Staatssekretären Christoph Matznetter und Andreas Schieder war er im Finanzministerium tätig. Danach arbeitete er im SPÖ-Parlamentsklub als Budgetexperte, bevor er zur ÖBB-Infrastruktur wechselte. Von 2017 bis 2025 war er dort bereits in leitender Funktion beschäftigt. Erst vor rund einem Jahr holte ihn Marterbauer zurück ins Finanzministerium. ÖBB-Chef Andreas Matthä lobte in einer internen Mitteilung ausdrücklich sein „gutes Gespür für das Zusammenspiel von Wirtschaft und Politik“, schreibt der Kurier.

Achse Finanzministerium - ÖBB steht nun

Die Kritik verstummt deshalb allerdings nicht. Denn die ÖBB stehen vor gewaltigen Herausforderungen. Im Zuge des Sparkurses der Bundesregierung muss die Infrastruktur-Sparte ihren Investitionsplan bis 2031 um mehr als eine Milliarde Euro kürzen. Gleichzeitig laufen milliardenschwere Großprojekte wie die Wiener S-Bahn-Stammstrecke, die Verbindungsbahn oder der Semmering-Basistunnel. Ausgerechnet in dieser Phase wanderte nun ein enger Vertrauter des Finanzministers an die Spitze jener Sparte, die von den Budgetentscheidungen unmittelbar betroffen ist – mit einem inoffiziellen Start just an dem Tag, als die Zahlen im Parlament auf den Tisch kamen.