Vier Wochen ließ sich der ORF Zeit. Dann, am letzten Tag der Frist, kam die Antwort. Nur: Es war keine.

„Eine wunderschöne, blumige Formulierung, weshalb er meine Fragen nicht beantworten kann. Inhaltlich ist er überhaupt nicht darauf eingegangen.“ Lucas Ammann hatte dem ORF rund ein Dutzend Fragen geschickt. Es ging um die Skandale der vergangenen Monate. Grundlage: das Informationsfreiheitsgesetz, das seit September 2024 gilt – und nach Artikel 22a der Bundesverfassung jedem Bürger ein Recht auf Informationszugang garantiert. Auch beim ORF als Stiftung öffentlichen Rechts.

Jetzt liegt der Fall beim Bundesverwaltungsgericht. 13 Seiten Beschwerde, verfasst mit Anwalt Gerold Beneder. Ammann ist zuversichtlich: Einen Teil der Fragen, glaubt er, werde der ORF beantworten müssen. Sein Grundsatz: Wer mit öffentlichem Geld arbeitet, muss sich öffentlicher Kontrolle stellen.

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Ein Vorsitzender, viele Fragen

Im Zentrum stehen der Stiftungsrat und dessen Vorsitzende Heinz Lederer (SPÖ). Der Vorwurf: Interessenkonflikte. Der Kommunikationsberater habe parallel zu seinem Aufsichtsmandat Kunden betreut, die in Geschäftsbeziehung zum ORF stehen.

Den brisantesten Fall deckte das Profil auf: Lederers Agentur beriet die Rhomberg-Gruppe – jene Baugesellschaft, die das alte ORF-Funkhaus in der Wiener Argentinierstraße erwarb, während Lederer bereits im Stiftungsrat saß. Laut Profil nahm er sogar als Rhomberg-Consultant an operativen Projektbesprechungen des ORF teil. Ammann kommentiert: „Wenn ich an so einer Sitzung teilnehme, erfahre ich Dinge zu Budget und Planung. Wenn das kein Interessenkonflikt ist …“

Wo bleibt die Offenlegung?

Ein weiterer Vorwurf stammt von FPÖ-Stiftungsrat Peter Westenthaler: Lederer soll den Österreichischen Skiverband beraten haben – jenen Verband, mit dem der ORF im Jänner 2026 den Ski-Rechtevertrag bis 2032 verlängerte.

Lederer bestreitet einen Interessenkonflikt und weist alles zurück. Seine Beratungen erbringe er als Unternehmer, nicht als Aufsichtsrat; sie seien geprüft und stünden in keinem Zusammenhang mit den Interessen des ORF. Das Rhomberg-Mandat bestätigte er, einen Verstoß gegen Compliance-Regeln sieht er nicht.

Für Ammann bleibt eine Frage offen. Die Geschäftsordnung des Stiftungsrats ist eindeutig: Nach Paragraph 14 Absatz 3 müssen solche Verträge offengelegt werden. „Von so einer Offenlegung wissen wir nichts“, sagt er.

Und es bleibt nicht bei einem Namen: Auch gegen Führungskräfte rund um ORF III gebe es Vorwürfe, samt eigenem Compliance-Bericht. Was darin steht? Auch dazu schweigt der Sender.

757 Millionen – und es wird mehr

Hinter dem Streit steht ein größeres Problem. Ammann nennt es das Finanzierungsmonopol. Technisch sei das Monopol längst gefallen – finanziell bestehe es fort.

Die Zahlen sind happig. 757,2 Millionen Euro kassierte der ORF 2024 allein aus dem neuen Beitrag. Mit Budgetzuschüssen flossen über 850 Millionen an öffentlichen Geldern. Der Konzernumsatz lag bei über 1,13 Milliarden.

Dazu kommen Werbeeinnahmen, Tochtergesellschaften, Veranstaltungen. Der ORF, sagt Ammann, sei längst nicht nur ein Sender, sondern ein großer Medienkonzern – der mit diesem Geld Reichweite, Eigenwerbung und Marktposition absichere.

Den Privaten bleibt wenig.

„Der ORF bekommt das Zwanzigfache von dem, was alle privaten Fernsehsender zusammen bekommen.“ Und der oft gehörte Satz, der ORF sei billiger geworden? Ammann winkt ab. Hunderttausende Haushalte zahlen neuerdings zwangsweise. Gegenüber dem letzten GIS-Jahr (rund 689 Millionen Euro brutto) stiegen die Einnahmen in einem einzigen Jahr um rund zehn Prozent.

„Der ORF schwimmt im Geld und behauptet, er muss sparen.“

Eine „abgehobene Kaste“

Am schärfsten wird Ammann bei den Gehältern. Die Spitzenverdienste am Küniglberg seien im Vergleich zu privaten Medien kaum nachvollziehbar.

Kaum ein bekannter ORF-Star sei je in die Privatwirtschaft gewechselt und habe dort mehr verdient. Der Weg führe fast immer in die andere Richtung. „Beim ORF muss man dann eher auf Gehalt verzichten, weil die Privaten sich das gar nicht leisten können.“

Während oben üppig gezahlt werde, kämpften andere unten um soziale Absicherung – etwa freie Dienstnehmer bei Ö1, die um ihre Krankenversicherung bangen müssten. „Eine abgehobene Kaste, die sich über die einfachen Bürger erhebt – und wir alle dürfen dafür zahlen.“

Wen man kennt, nicht was man kann

Der Kern seiner Kritik ist die Parteipolitik. Wenige Tage vor der Wahl sieht Ammann den ORF von Parteibuchwirtschaft durchzogen. „Es geht nicht um Qualifikation, sondern darum, wer den Richtigen von der richtigen Partei kennt. Die NEOS sagen, es solle zählen, was man kann, nicht wen man kennt. Beim ORF ist es umgekehrt.“

Eine echte Entpolitisierung hält er für unmöglich, solange der Sender öffentlich-rechtlich bleibt. Der Stiftungsrat sei längst kein Aufsichtsrat mehr, sondern „ein Medienparlament“ – besetzt auch mit Kammern und nicht gewählten Interessenvertretern.

Dass keine Partei privatisieren will, wundert ihn nicht. „Niemand sägt den Ast ab, auf dem er sitzt.“

Ammanns Plan B

Ammanns Modell: kein Zwangsbeitrag mehr. Stattdessen eine transparente Förderung, gedeckelt auf 0,25 Prozent des BIP – weniger, als heute insgesamt in den Medienmarkt fließt. Verteilt nach objektiven Reichweitenkriterien, nicht nach politischem Gusto.

„Dann gibt es linke Sender, rechte Sender und welche in der Mitte. Heute haben wir einen ORF mit Schlagseite.“

Die Sorge vor reinem Krawallfernsehen teilt er nicht. Wird Qualität gefördert, liefern auch Private sie – Servus TV mache das längst, sogar ohne Förderung. Österreichische Kulturinhalte ließen sich über Förderkriterien gezielt absichern. Auch ein privatisierter ORF könnte sich dann bewerben – unter denselben Bedingungen wie alle anderen.

Ammann ruft zur Unterschrift auf. Seine Petition steht unter lucasammann.com/orf-privatisieren. Sein Fernziel: eine Volksabstimmung. „Das Volk wurde nie befragt – weder zum ORF-Beitrag noch zu einer Privatisierung. Druck wirkt.“

Am 11. Juni weiß Österreich, wer den ORF künftig führt. Ammanns Fragen aber bleiben.