Was jahrzehntelang als effektives Training galt, sorgt plötzlich für hitzige Debatten: Pilates wird in den Medien und im Internet politisch aufgeladen. Auslöser hierfür sind virale Clips, Podcasts und Diskussionen über Körperbilder, Rollenbilder und gesellschaftliche Trends. Dabei gerät eine Sportart ins Kreuzfeuer, die ursprünglich ganz anders gedacht war.

Wie Pilates plötzlich politisch aufgeladen wird

Die Debatte nahm Fahrt auf, als eine junge Amerikanerin auf Instagram eine ungewöhnliche Verbindung zog: „Der Konservatismus bevorzugt kleinere Frauenkörper. Deshalb sind Kurven out und Pilates-Arme, also die definierten, aber nicht muskulösen Arme der ‚Pilates-Girlies‘, in.“ Zwei Tage später hatte das Video zwei Millionen Aufrufe.

Was als Social-Media-These begann, entwickelte sich rasch zu einer größeren Diskussion. Die New York Times griff das Thema auf und fragte: „Ist Pilates politisch?“ Damit war vor allem die Frage gemeint, ob der Sport als „rechts“ eingeordnet werden könne. Der Eindruck war, dass Pilates für konservative Werte stehe, sich gegen Body Positivity richte und elitär sei, da ihn vor allem reiche, weiße Frauen praktizieren. Damit wurde aus einem Fitness-Trend plötzlich eine ideologische Projektionsfläche.

Aussagen aus der Popkultur befeuerten die Debatte zusätzlich. In einem bekannten Podcast erzählte ein Reality-Star, ihr Mann habe ihr geraten, täglich Pilates zu machen, um wieder attraktiver zu wirken. Auch aus der sogenannten Manosphere kam Zustimmung: Frauen, die Pilates machen, gelten dort als besonders attraktiv und als „Ehefrauenmaterial“. Ein Lob, das die Diskussion weiter anheizte und von Kritikern als Bestätigung ihrer Vorwürfe gewertet wurde.

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Luxus, Lifestyle – und viel Interpretation

Parallel zur Debatte boomt Pilates weiter. In den USA ist es laut der Fitnessplattform ClassPass seit drei Jahren die am häufigsten gebuchte Sportart. Auch im deutschsprachigen Raum wächst der Trend, vor allem im urbanen Raum.

Das Umfeld prägt das Image: Stilvolle Boutique-Studios, abgestimmte Outfits, danach gibt es einen Matcha Latte. In den sozialen Medien inszenieren sich Nutzerinnen als „Pilates Princesses“ – mit eleganten Posen und perfektem Look.

So entstand das Bild eines bestimmten Körpertyps: Schlank, definiert und mit flachem Bauch. Der Begriff „Pilates-Body“ wurde dabei zunehmend als Synonym für ein Ideal verstanden, das Kritiker als angepasst und männlich geprägt deuten.

Ursprünglich ganz anders gedacht

Laut Experten hat dieses Image mit der ursprünglichen Idee von Pilates wenig zu tun. Die Bewegungstherapeutin Tanja Frey erklärt: „Als Joseph Pilates seine Methode Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte, wandte er sie zunächst nur bei Männern an.“

Das Training wurde beispielsweise bei Kriegsverletzten eingesetzt, die ihren Körper im Spitalbett stärken sollten. Heute nutzen auch Spitzensportler wie Andy Murray, Ronaldo oder LeBron James die Methode. „Dass es mittlerweile als softer Frauensport gilt, hat viel mit der Inszenierung auf Instagram zu tun“, sagt Frey. Sie betont, dass Pilates ursprünglich „Grunge und Underground und sicher nicht Schickimicki“ gewesen sei.