Europa blickt nervös nach Moskau. In Brüssel wächst die Sorge, dass Wladimir Putin ausgerechnet jetzt seine Chance sieht: Donald Trump sitzt im Weißen Haus, die transatlantischen Beziehungen sind angespannt, die EU rüstet zwar auf – ist aber noch lange nicht dort, wo sie militärisch sein müsste.

„Sehr bald könnte etwas passieren – es gibt ein russisches Zeitfenster“, warnt der finnische EU-Abgeordnete Mika Aaltola gegenüber Politico. Seine Diagnose ist deutlich: „Die USA ziehen sich aus Europa zurück, die transatlantischen Beziehungen liegen in Trümmern“. Die Europäer seien darauf noch nicht vorbereitet.

Die gefährlichste Frage: Hält Artikel 5

Die Angst in europäischen Regierungskreisen: Putin könnte nicht unbedingt einen klassischen Großangriff auf ein NATO-Land starten. Dafür ist Russland durch den Krieg in der Ukraine militärisch stark gebunden. Viel wahrscheinlicher sei eine begrenzte Aktion, eine Provokation oder ein Angriff, der bewusst unklar bleibt. Das Ziel: Die NATO soll sich selbst zerstreiten.

Denn Artikel 5 des NATO-Vertrags sieht vor, dass ein Angriff auf ein Mitglied als Angriff auf alle gilt. Doch was passiert bei einem Drohnenangriff? Bei Sabotage in der Ostsee? Bei einem beschädigten Datenkabel? Bei einer Aktion der russischen Schattenflotte? Bei einem Zwischenfall in der Arktis?

Genau diese Grauzone könnte Putin ausnutzen. Aaltola warnt: „Es könnte etwas in der Arktis sein, gegen kleine Inseln gerichtet. Sie haben die Schattenflotte, die bereits teilweise militarisiert ist.“ Besonders brisant: Ein solcher Angriff müsste nicht einmal einen Grenzübertritt russischer Truppen beinhalten.

Es passiert längst: Kabel, GPS, Schattenflotte

Das Szenario ist nicht aus der Luft gegriffen. In der Ostsee wurden in den vergangenen Jahren wiederholt Unterseekabel und Energieverbindungen beschädigt. Im November 2024 traf es unter anderem das Glasfaserkabel C-Lion1 zwischen Finnland und Deutschland sowie eine Datenverbindung zwischen Litauen und Schweden. Europäische Regierungen sprachen damals von möglicher Sabotage und hybrider Kriegsführung; endgültig bewiesen ist eine direkte russische Verantwortung nicht.

Auch die NATO selbst warnte bereits vor einer Kampagne zur Destabilisierung westlicher Gesellschaften – mit Cyberangriffen, Sabotage und möglichen Angriffen auf kritische Infrastruktur wie Unterseekabel.

Kurz: Russland muss nicht offen marschieren. Es kann testen, stören, beschädigen, verunsichern – und anschließend jede Verantwortung abstreiten.

Trump zieht 5000 Soldaten aus Deutschland ab

Die Nervosität wird durch die Lage in Washington verschärft. Die USA kündigten an, 5000 Soldaten aus Deutschland abzuziehen. Trump stellte laut Reuters auch weitere Abzüge aus Ländern wie Italien und Spanien in den Raum. Zugleich hatte er die NATO bereits als „Papiertiger“ bezeichnet.

Für Putin könnte das eine Einladung sein, die Glaubwürdigkeit des Bündnisses zu testen: Würden die USA unter Trump wirklich für Europa einstehen? Oder würden sie eine russische Grauzonen-Aktion als „strategisch nicht entscheidend“ herunterspielen?

Aaltola beschreibt genau dieses Szenario: Wenn es keinen klaren Angriff über eine Grenze gebe, könnten die USA sagen, dass dies strategisch nicht so wichtig sei. Russland würde damit Druck auf Europas Ukraine-Unterstützer ausüben – und zugleich eine harte amerikanische Reaktion vermeiden.

Tusk warnt vor Zerfall des Westens

Ein hochrangiger europäischer Verteidigungsbeamter warnt ebenfalls vor einer „noch schlimmeren Wende“ in der amerikanischen Haltung zur NATO. Seine Schlussfolgerung: Europa müsse „massiv und gemeinsam investieren“, um sich selbst verteidigen zu können.

Das Problem: Europas Aufrüstung kommt spät. Zwar sind die Verteidigungsausgaben seit dem russischen Großangriff auf die Ukraine im Jahr 2022 deutlich gestiegen. Doch die volle Wirkung wird erst in einigen Jahren spürbar sein. Laut Verteidigungsfahrplan will man bis 2030 in der Lage sein, Gegner glaubwürdig abzuschrecken und auf Aggression zu reagieren.

Putins mögliches Zeitfenster liegt also genau davor.

Nicht alle teilen die Alarmstimmung

Innerhalb Europas gibt es allerdings keine einheitliche Einschätzung. Politiker aus Finnland und Litauen warnen besonders deutlich. In Estland und bei der NATO selbst ist man vorsichtiger. Dort heißt es: Zu viel Alarmismus spiele Putin in die Hände.

Ein hochrangiger NATO-Diplomat hält einen russischen Angriff auf die NATO für „höchst unwahrscheinlich“. Putins „selbstmörderische Tendenz“ habe Grenzen – besonders dann, wenn kein klarer unmittelbarer Gewinn erkennbar sei.

Auch Estlands Präsident Alar Karis sagt: „Russland ist in der Ukraine sehr beschäftigt. Ich glaube nicht, dass es über genügend Kapazitäten verfügt“, um zusätzlich Krieg gegen die baltischen Staaten zu führen. Doch Karis fügt hinzu, was in Europa seit 2022 niemand mehr vergessen sollte: „Man weiß nie. Und niemand hatte den Krieg in der Ukraine erwartet.“