„Alle erwarten eine Eskalation.“ Polens Regierungschef Donald Tusk fand am Dienstag deutliche Worte. Nach Gesprächen mit NATO-Generalsekretär Mark Rutte und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj rechnet er nicht mit einem raschen Frieden. Russland werde den Krieg vermutlich mindestens bis zum Winter fortsetzen.

Tusk steht mit dieser Einschätzung nicht allein. Reuters sprach mit drei Personen aus dem Umfeld des Kremls. Zwei halten eine Verschärfung für wahrscheinlich. Ein Insider, der Putin regelmäßig trifft, spricht von einer „hohen Wahrscheinlichkeit“ in den kommenden Monaten.

Putin wolle den gesamten Donbas erobern. Einen Vorschlag seiner Berater für eine Waffenruhe entlang der derzeitigen Frontlinie soll er abgelehnt haben. Der Kremlchef steht dabei nicht vor einer unmittelbar drohenden Niederlage. Doch er steht vor einer Entscheidung: Setzt er den bisherigen Abnutzungskrieg fort – oder erhöht er den Einsatz?

Russland ist nicht geschlagen

Putins Truppen kommen an wichtigen Frontabschnitten nur langsam voran. Eine schnelle Eroberung der verbliebenen ukrainischen Gebiete im Donbas ist derzeit nicht absehbar.

Gleichzeitig bleiben die russischen Verluste enorm. Das Center for Strategic and International Studies, kurz CSIS, schätzt sie seit Februar 2022 auf rund 1,4 Millionen Tote, Verwundete und Vermisste.

Doch daraus folgt nicht, dass Russland kurz vor dem Zusammenbruch steht. Moskau verfügt weiterhin über die größere Bevölkerung, die zweitgrößte Armee der Welt, eine auf Krieg umgestellte Industrie und wesentlich mehr Feuerkraft.

Auch die Ukraine besitzt derzeit kaum die Kraft für einen großen Durchbruch. Der ukrainische Kommandeur Vadym Krykun sagte der Welt, beide Seiten seien am Boden erschöpft. Russland habe aber weiterhin deutlich größere Raketen- und Bombardierungskapazitäten.

Putins Problem ist daher nicht, dass er den Krieg nicht fortsetzen kann. Sein Problem ist, dass ein Sieg zu den bisherigen Bedingungen immer teurer, langsamer und unsicherer wird.

Kreml droht mit größerer „Pufferzone“

Parallel erhöht die Ukraine den Druck weit hinter der Front. Ihre Drohnen greifen Raffinerien, Treibstofflager, Häfen, Militärflugplätze und Rüstungsbetriebe an.

Besonders empfindlich sind Angriffe auf russische Nachschubwege und die besetzte Krim. Die Halbinsel ist Militärstützpunkt, logistischer Knoten und für Putin ein Symbol seiner Herrschaft.

Kremlsprecher Dmitri Peskow bezeichnete die Hoffnung Washingtons, ukrainische Fernangriffe könnten Russland zu Verhandlungen zwingen, als „Irrglauben“. Moskau werde vielmehr seine sogenannte Sicherheits- oder Pufferzone ausweiten müssen. Damit droht Russland offen mit der Eroberung weiterer Gebiete – auch außerhalb des Donbas.

Zuerst drohen Kiew noch größere Angriffswellen

Die wahrscheinlichste Eskalation trifft zunächst die Ukraine. CSIS beschreibt den russischen Luftkrieg als systematische Strategie der Zermürbung. Moskau will nicht nur einzelne Militäranlagen zerstören. Es greift zugleich Energieversorgung, Verkehr, Industrie und staatliche Infrastruktur an.

Russland kombiniert dafür große Mengen vergleichsweise billiger Angriffsdrohnen und Attrappen mit Marschflugkörpern und ballistischen Raketen. Die Drohnen sollen Radare und Abfangsysteme überlasten. Die teureren Raketen treffen anschließend besonders wichtige oder gut geschützte Ziele.

Anfang Juli setzte Russland bei einer einzigen Angriffswelle fast 500 Drohnen und mehr als 70 Raketen ein. Solche Angriffe kann Moskau weiter verstärken – vor allem bei den vergleichsweise günstigen Drohnen.

Besonders gefährlich bleiben Iskander- und Kinschal-Raketen. Eine Auswertung des britischen Royal United Services Institute, kurz RUSI, zeigt: Bei 273 von 345 untersuchten Angriffen wurde keine einzige Rakete dieser Typen gestoppt.

Das bedeutet nicht, dass die ukrainischen Patriot-Systeme wirkungslos sind. Es gibt schlicht zu wenige Batterien, um alle Städte und wichtigen Anlagen zu schützen. Kiew, Odessa und andere Großstädte bleiben damit verwundbar.

Putin und Beloussow beim Gedenken am Grabmal des Unbekannten Soldaten in Moskau. Russland könnte den Druck mit mehr Raketen, zusätzlichen Soldaten und hybriden Angriffen erhöhen.
Putin und Beloussow beim Gedenken am Grabmal des Unbekannten Soldaten in Moskau. Russland könnte den Druck mit mehr Raketen, zusätzlichen Soldaten und hybriden Angriffen erhöhen.

Mehr Soldaten als nächste Stufe

Putins zweite große Eskalationsmöglichkeit ist eine neue Mobilisierungswelle.

Russland rekrutiert bisher vor allem mit hohen Prämien, regionalen Programmen und wachsendem Druck auf Wehrpflichtige und Reservisten. Sollten die Verluste dauerhaft über der Zahl neuer Soldaten liegen, könnte dieses System nicht mehr ausreichen. Putin müsste deshalb nicht sofort eine öffentlich verkündete Generalmobilmachung anordnen. Wahrscheinlicher wäre zunächst eine schleichende Verschärfung: mehr Einberufungen, längere Dienstzeiten, höhere Prämien und größerer Druck auf Reservisten.

Neue Soldaten garantieren keinen schnellen Durchbruch. Sie müssen ausgebildet, ausgerüstet und versorgt werden. Sie könnten Russland aber erlauben, den Abnutzungskrieg noch länger fortzusetzen und an mehreren Frontabschnitten gleichzeitig Druck aufzubauen.

Gerade darin liegt Moskaus Stärke: Russland muss nicht sofort gewinnen. Es kann darauf setzen, dass die Ukraine zuerst an Menschen, Munition oder westlicher Unterstützung verliert.

Europas Schattenkrieg läuft bereits

Auch Europa ist längst Teil der Eskalation – allerdings noch unterhalb der Schwelle eines offenen Krieges. Noch.

CSIS dokumentiert eine wachsende russische Kampagne aus Sabotage, Brandanschlägen, Cyberattacken, Spionage und verdeckten Operationen. Die Zahl der erfassten mutmaßlich russischen Angriffe in Europa verdreifachte sich zwischen 2023 und 2024 beinahe. Ziele waren vor allem Verkehrsanlagen, militärische Einrichtungen, kritische Infrastruktur und Industrieunternehmen.

Häufig werden örtliche Täter angeworben. Moskau kann seine Beteiligung dadurch bestreiten und zugleich testen, welche Schäden Europa hinnimmt.

Hinzu kommen auffällige Drohnenflüge. Das International Institute for Strategic Studies untersuchte 144 Vorfälle in 13 europäischen Staaten. Knapp die Hälfte betraf militärische Einrichtungen. Weitere Drohnen flogen über Flughäfen, Häfen, Energieanlagen und nuklear relevante Standorte. Das Institut hält eine russische Beteiligung an zumindest einem Teil der Flüge für sehr wahrscheinlich. Bewiesen ist die Urheberschaft bei vielen Einzelfällen jedoch nicht.

Für europäische Rüstungsbetriebe ist deshalb derzeit ein Sabotageakt, Cyberangriff oder Brandanschlag wesentlich wahrscheinlicher als eine offen aus Russland abgefeuerte Rakete.

Moskau nennt europäische Fabriken

Dennoch werden die russischen Drohungen konkreter. Das Verteidigungsministerium in Moskau veröffentlichte im April die Anschriften mehrerer europäischer Fabriken. Russland wirft ihnen vor, Drohnen oder Bauteile für die Ukraine herzustellen.

Den extremsten Forderungen russischer Hardliner hat sich Putin bisher nicht angeschlossen. Die Veröffentlichung ist daher kein Angriffsbefehl. Sie zeigt aber: Europäische Produktionsstätten sind in Moskaus öffentlicher Zieldebatte angekommen.

Ein offener Raketenangriff auf einen Betrieb in Deutschland, Polen oder Rumänien wäre eine völlig neue Eskalationsstufe. Er könnte als bewaffneter Angriff auf einen NATO-Staat gewertet werden.

Gerade deshalb dürfte Moskau vorerst die Grauzone bevorzugen: Sabotage statt Raketen, angeworbene Täter statt russischer Soldaten, unklare Drohnenflüge statt offizieller Militärschläge.

Ein kleiner Angriff als politische Falle

Das gefährlichste Szenario ist nicht unbedingt eine große russische Invasion. Das Belfer Center der Harvard University untersucht einen begrenzten Vorstoß an der NATO-Ostflanke. Russische Geheimdienstkräfte, unmarkierte Soldaten und örtliche Helfer könnten etwa ein kleines Gebiet um die estnische Grenzstadt Narva besetzen.

Cyberangriffe und Desinformation würden den Angriff begleiten. Moskau könnte behaupten, bedrohte russischsprachige Einwohner schützen zu müssen. Anschließend könnte Russland sofort eine Waffenruhe anbieten – und vor jeder Rückeroberung mit einer weiteren militärischen oder nuklearen Eskalation warnen.

Das Ziel wäre nicht die Eroberung des gesamten Baltikums. Putin könnte vielmehr testen, ob alle NATO-Staaten wegen weniger Quadratkilometer tatsächlich eine Konfrontation mit einer Atommacht riskieren.

RUSI-Experte Jack Watling hält auch einzelne begrenzte Angriffe für denkbar. Moskau müsste damit keinen großen Krieg gegen die gesamte NATO anstreben. Es könnte versuchen, das Bündnis über die richtige Reaktion zu spalten. Unmarkierte Soldaten und russische Dementis könnten die politische Entscheidung zusätzlich erschweren. Genau diese Zeit könnte Moskau nutzen, um Fakten zu schaffen

Noch kein NATO-Angriff in Sicht

Ein solches Szenario ist keine Prognose und kein Beleg für einen beschlossenen russischen Angriffsplan. Der estnische Auslandsgeheimdienst sieht derzeit keine Absicht Moskaus, Estland oder einen anderen NATO-Staat im kommenden Jahr militärisch anzugreifen.

Russland ist weiterhin stark in der Ukraine gebunden. Ein Krieg gegen das gesamte Bündnis wäre für Putin mit enormen Risiken verbunden. Entwarnung bedeutet das dennoch nicht. Nach einer deutlichen Verringerung der Kämpfe in der Ukraine könnte Russland innerhalb weniger Jahre wieder wesentlich mehr Truppen für andere Schauplätze verfügbar haben.

Entscheidend bleibt nach Ansicht westlicher Militärstrategen die Abschreckung. Je geschlossener und glaubwürdiger die NATO reagiert, desto höher wäre für Putin das Risiko eines solchen Tests.

Zuerst trifft es die Ukraine

Das wahrscheinlichste Eskalationsszenario beginnt deshalb nicht mit russischen Panzern in Estland oder Raketen auf deutsche Fabriken. Zuerst drohen der Ukraine noch größere Drohnenwellen, mehr ballistische Raketen, härtere Angriffe auf Energie und Verkehr sowie weitere russische Versuche, ihre sogenannte Pufferzone auszuweiten.

Parallel könnte Putin zusätzliche Soldaten mobilisieren und den Schattenkrieg in Europa verschärfen. Die nukleare Drohung dürfte er weiterhin vor allem einsetzen, um westliche Regierungen einzuschüchtern. Einen tatsächlichen Atomwaffeneinsatz halten die zitierten Experten derzeit für unwahrscheinlich.

Putins Stärke liegt nicht darin, dass Russland unbegrenzt oder schnell gewinnen kann. Sie liegt darin, dass der Kreml weiterhin über Zeit, Masse und mehrere Eskalationsmöglichkeiten verfügt – und darauf setzen kann, dass der Westen vor dem nächsten Schritt zurückschreckt.