Russland soll mit einer groß angelegten Drohnenkampagne Europas Luftabwehr ausgespäht haben. Das berichtet das International Institute for Strategic Studies (IISS), eine britische Denkfabrik mit Sitz in London. Besonders brisant: Die Drohnen sollen wahrscheinlich von Schiffen der russischen „Schattenflotte“ gestartet, gesteuert oder unterstützt worden sein.

Untersucht wurden 144 Drohnen-Vorfälle zwischen August 2024 und Februar 2026. Betroffen waren zwölf NATO-Staaten sowie Irland. Die Drohnen tauchten über Flughäfen, Militärbasen und strategisch hochsensiblen Anlagen auf.

Auch Atom-Standorte betroffen

Ein Teil der Sichtungen war besonders heikel. Laut IISS flogen Drohnen auch über Standorte, an denen US-Atomwaffen vermutet werden – etwa im belgischen Kleine-Brogel oder im niederländischen Volkel. Genannt wird zudem die französische U-Boot-Basis Île Longue, Heimat atomar bewaffneter Unterseeboote. Am 4. Dezember 2025 seien dort allein fünf Drohnen gesichtet worden.

Rund die Hälfte der Vorfälle betraf militärische Einrichtungen. In mehreren Fällen mussten Flughäfen zeitweise den Betrieb einstellen.

Nur ein Fall wurde Russland konkret zugerechnet

So brisant das Muster wirkt: Öffentlich einer konkreten russischen Plattform zugerechnet wurde bisher nur ein Fall. Am 26. Februar 2026 jammte Schweden eine Drohne, die vom russischen Aufklärungsschiff „Zhigulevsk“ aus auf den französischen Flugzeugträger „Charles de Gaulle“ im Hafen von Malmö zugesteuert sein soll.

Die übrigen Fälle stützen sich auf Indizien – vor allem auf die auffällige Nähe russlandnaher Schiffe zu Drohnensichtungen. Das reicht manchen Ermittlern nicht: Dänemarks Polizei schloss im Juni eine neunmonatige Untersuchung zum Flughafen Kopenhagen ab. Ihre Schlussfolgerung: Drohnenaktivität lasse sich weder bestätigen noch ausschließen. Das dänische Militär kam beim Vorfall an Kasernen zu einem konkreteren Ergebnis: Es bestätigte, dass Drohnen mehrfach über Militäranlagen geflogen seien – gestützt auf Beobachtungen von Soldaten und technische Daten. Wer dahinterstecke, blieb aber auch dort offen.

Billigdrohnen gegen teure Abwehr

Der Verdacht der Experten: Moskau wollte testen, wo Europas Luftverteidigung blind ist. Klassische Systeme sind auf Raketen und Kampfjets ausgelegt. Kleine Drohnen fliegen langsamer, tiefer und sind schwerer zu erkennen.

Genau das macht sie gefährlich. Sie kosten wenig, binden aber teure Ressourcen. In Europa wurden laut Bericht teils Kampfjets gegen billige Drohnen eingesetzt.

Schattenflotte als schwimmende Basis

Die Spur führt aufs Meer. Die IISS-Analysten halten es für wahrscheinlich, dass russlandnahe Schiffe und Tanker der „Schattenflotte“ als Start-, Lande- oder Signalplattformen dienten. Diese Flotte nutzt Moskau bereits, um westliche Sanktionen zu umgehen.

Auffällig: Als europäische Staaten begannen, verdächtige Schiffe zu kontrollieren und festzusetzen, gingen die Drohnensichtungen laut Bericht stark zurück.

Europa reagierte zersplittert

Das Urteil der Experten fällt hart aus. Europas Antwort sei „uneinheitlich“ und „fragmentiert“ gewesen. Die Zuordnung der Vorfälle habe oft zu lange gedauert. Die Reaktion sei häufig unverhältnismäßig gewesen.

Viele Staaten vermieden es zudem, Russland direkt verantwortlich zu machen. Präsident Wladimir Putin bestritt im Mai jede Sabotagekampagne gegen Europa.

Ein Test für den Ernstfall?

Die Kampagne blieb unterhalb der Schwelle einer offenen militärischen Konfrontation. Die IISS-Autoren sehen darin ein Muster – auch wenn nicht jeder Einzelfall bewiesen ist.

Sollte sich ihre Einschätzung bestätigen, hätte Moskau getestet, wie schnell NATO-Staaten reagieren, wo Radar und Luftabwehr Lücken haben – und wie uneinig Europa im Ernstfall handelt.