Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) meldeten am Montag iranische Raketen- und Drohnenangriffe. Besonders heikel: Betroffen war auch Fujairah – jener Energie- und Ölhafen am Golf von Oman, der außerhalb der Straße von Hormus liegt. Damit ist Fujairah einer der wichtigsten strategischen Ausweichpunkte, falls der Iran versucht, die zentrale Ölroute durch Hormus anhaltend zu blockieren.

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Genau in dieser Lage reist Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) zu einem viertägigen Arbeitsbesuch in die VAE. Was ursprünglich wie ein klassischer Wirtschafts- und Partnerschaftstermin wirkte, ist durch die neue Eskalation plötzlich zu einem sicherheits- und energiepolitisch hochbrisanten Besuch geworden.

Denn die VAE sind nicht irgendein Partnerstaat. Laut Bundeskanzleramt sind sie Österreichs größter Handels- und Wirtschaftspartner in der Golfregion. Zugleich verfügen sie mit Fujairah über eine Energieinfrastruktur, die für Europa wichtiger werden könnte, wenn die Straße von Hormus weiter unter Druck gerät.

Fujairah: Der Hafen, der Irans Hormus-Hebel schwächen könnte

Auf dem Programm stehen ein Arbeitsgespräch mit Präsident Scheich Mohammed bin Zayed Al Nahyan sowie ein Treffen mit Sultan Ahmed Al Jaber, dem Minister für Industrie und Fortschrittstechnologien, Klimasonderbeauftragten der VAE und CEO des staatlichen Energiekonzerns ADNOC.

ADNOC steht im Zentrum der emiratischen Energiepolitik – und Fujairah ist einer der Schlüsselorte jener Strategie, mit der die VAE ihre Ölexporte unabhängiger von der Straße von Hormus machen.

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Verliert der Iran sein zentrales Druckmittel?

Die Straße von Hormus ist einer der empfindlichsten Engpässe der Weltwirtschaft. Durch sie fließt ein erheblicher Teil des globalen Öl- und Flüssiggasverkehrs. Genau deshalb ist sie für den Iran ein Druckmittel: Wer Hormus bedroht, bedroht Energiepreise, Lieferketten und die Versorgungssicherheit Europas.

Fujairah liegt außerhalb dieser Meerenge. Über die Habshan–Fujairah-Pipeline können die VAE Öl aus dem Landesinneren direkt an den Golf von Oman bringen – also an Hormus vorbei. Damit ist der Hafen mehr als ein regionaler Energieumschlagplatz. Er ist eine strategische Lebensversicherung der Emirate gegen iranische Erpressung.

Ein Angriff auf Fujairah wäre daher kein beliebiger Zwischenfall. Er träfe genau jene Infrastruktur, die Irans wichtigsten Hebel schwächen könnte: die Drohung, Ölströme durch Hormus abzuwürgen.

Yanbu, Eilat, Ashkelon: Die neue Karte der Öladern

Der israelische Ex-General Amir Avivi, Gründer des Israel Defense and Security Forum, beschreibt die aktuelle Entwicklung als Kampf um die „Öladern der Welt“. Neben Fujairah rückt Saudi-Arabiens Rotmeerhafen Yanbu in den Fokus. Über die saudische East-West-Pipeline kann Öl aus dem Osten des Königreichs zum Roten Meer gebracht werden – ebenfalls unter Umgehung der Straße von Hormus.

Eine weitere, noch nicht umgesetzte Komponente ist Israels möglicher Energiekorridor zwischen Rotem Meer und Mittelmeer. Israels Energieminister Eli Cohen hat den USA bereits einen Plan für eine Pipeline von Saudi-Arabien nach Eilat präsentiert. Von dort könnte Öl über die bestehende Eilat–Ashkelon-Pipeline ans Mittelmeer und weiter nach Europa gelangen. Eine saudische Zusage oder ein Baubeginn sind öffentlich nicht belegt. Doch der Plan zeigt, in welche Richtung gedacht wird: Fujairah, Yanbu und perspektivisch Israel könnten Teil einer neuen Energiearchitektur werden, die Europas Abhängigkeit von Hormus reduziert.

Für Europa wäre das von enormer Bedeutung. Denn wer Öl und Energie an Hormus vorbei transportieren kann, verringert Irans Erpressungspotenzial.

Österreichs Interesse: Handel, Energie, strategische Partnerschaft

Das Bundeskanzleramt nennt ein bilaterales Handelsvolumen von rund einer Milliarde Euro, österreichische Exporte von zuletzt rund 845 Millionen Euro sowie mehr als 150 österreichische Unternehmen vor Ort.

Besonders hervorgehoben wird auch die Borouge Group International, ein industriepolitisches Großprojekt mit Österreich-Bezug: Durch die Fusion von Borealis und Borouge gemeinsam mit ADNOC entstand ein Konzern mit einem Bewertungsvolumen von rund 60 Milliarden US-Dollar – mit Headquarter in Österreich.

Stocker formuliert es so: Die VAE seien für Österreich „ein ganz zentraler strategischer Partner in einer dynamischen Schlüsselregion“. Die Reise sei ein „klares Bekenntnis zu einer aktiven Außen- und Wirtschaftspolitik“.

Nach den Angriffen vom 4. Mai bekommt dieser Satz zusätzliches Gewicht.

Wien reagierte zurückhaltender als andere

Mehrere internationale Spitzenvertreter verurteilten Teherans Angriffe rasch öffentlich. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen veröffentlichte eine eigene Stellungnahme, ebenso weitere europäische und arabische Akteure.

Aus Österreich kam die deutlichste öffentliche Reaktion zunächst vom offiziellen Account des Außenministeriums. Dort hieß es: „Wir verurteilen die unprovozierten Raketen- und Drohnenangriffe des Iran auf unsere Partner am Golf aufs Schärfste und bekunden unsere uneingeschränkte Solidarität mit den Vereinigten Arabischen Emiraten und Oman.“

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Bundeskanzler Stocker selbst teilte auf X den Beitrag von Ursula von der Leyen. Eine eigene öffentliche Kanzler-Erklärung war zunächst nicht ersichtlich. Auf exxpress-Anfrage erklärte das Bundeskanzleramt jedoch, Stocker habe sich bereits persönlich beim Team des VAE-Präsidenten gemeldet, seine Solidarität bekundet und die erneuten Angriffe verurteilt.

Die aktuelle Situation werde selbstverständlich Thema bei den Gesprächen mit Präsident Mohammed bin Zayed und ADNOC-CEO Sultan Al Jaber sein. Auf die Frage, ob Stocker im Rahmen seines Besuchs öffentlich Solidarität mit den VAE bekunden werde, antwortete das Kanzleramt: „Ja.“

VAE zeigten Österreich nach Wien-Terror Solidarität

Der diplomatische Kontext ist nicht unwichtig: Die Vereinigten Arabischen Emirate hatten Österreich nach dem islamistischen Terroranschlag in Wien vom 2. November 2020 öffentlich Solidarität bekundet. Nun ist das Partnerland selbst Ziel von Angriffen geworden – und Österreichs Kanzler reist unmittelbar danach in die Emirate.

Damit steht Stockers Besuch unter völlig neuen Vorzeichen. Es geht nicht mehr nur um Wirtschaftsbeziehungen, Investitionen, Technologie und Handel. Es geht auch um die Frage, wie Österreich sich in einer Region positioniert, die für Europas Energiesicherheit immer wichtiger wird.

Worum es eigentlich geht

Der Iran-Krieg zeigt Europa seine Verwundbarkeit. Hormus, Fujairah, Yanbu, Eilat und Ashkelon sind keine fernen Namen aus der Energiepresse mehr. Sie könnten zu Schlüsselbegriffen der europäischen Versorgungssicherheit werden.

Stockers Reise führt Österreich damit ins Zentrum einer neuen geopolitischen Realität: Die Golfstaaten sind nicht nur Investoren und Handelspartner. Sie sind mögliche Garanten dafür, dass Europa nicht erneut von einem autoritären Regime erpresst wird – diesmal nicht von Russland über Gas, sondern von Iran über Öl, Meerengen und Raketen.

Ab Mittwoch hat Stocker die Gelegenheit, Österreichs Solidarität mit den VAE auch öffentlich sichtbar zu machen. Vor Ort, an der Seite eines Partners, der für Österreich wirtschaftlich wichtig ist – und für Europa energiepolitisch noch viel wichtiger werden könnte.