Seit April 2025 wählten Ecuador, Bolivien, Honduras, Chile und Costa Rica rechte, konservative oder klar anti-linke Kandidaten. Fünf Länder in weniger als einem Jahr.
Den Startschuss gab Argentinien. 2023 besiegte der libertäre Außenseiter Javier Milei den Peronisten Sergio Massa – und damit eine der mächtigsten politischen Maschinen des Kontinents. 2025 bestätigte eine Zwischenwahl das Signal: Mileis Partei La Libertad Avanza holte 40,68 Prozent. Die peronistische Koalition kam nur auf 31,69 Prozent.
Das war mehr als ein Wahlsieg. Es war ein Signal an die ganze Region.
Der Chilene José Antonio Kast gewann seine Stichwahl mit 58 Prozent. Boliviens einstige Linkspartei MAS von Evo Morales holte nur noch zwei Parlamentssitze. Politikwissenschaftler sprechen von einem „konservativen Schwenk historischen Ausmaßes“.
Noch vor drei Jahren: Fast alles links
Der Kontrast ist gewaltig. Noch 2023 wurden 12 von 19 lateinamerikanischen Ländern von linken Regierungen geführt. Sie standen für 92 Prozent der Bevölkerung und 90 Prozent der Wirtschaftsleistung der Region.
Lula in Brasilien. López Obrador in Mexiko. Gustavo Petro in Kolumbien – als erster Linker überhaupt. Gabriel Boric in Chile. Die MAS in Bolivien. Xiomara Castro in Honduras.
Dazu Kuba, Nicaragua, Venezuela – keine freien Demokratien, sondern autoritäre linke Systeme.
Die zweite „Rosa Flut“ hatte nur ein Problem. Sie versprach viel. Geliefert hat sie zu wenig.

Vier Treiber: Warum die Linke abstürzt
Erstens: Kriminalität. Transnationale Drogenkartelle destabilisieren weite Teile der Region. Sicherheit wurde überall zum zentralen Wahlkampfthema.
Zweitens: Korruption. Linke Regierungen waren tief in Skandale verstrickt und haben Institutionen manipuliert, sagenAnalysten. Die „Rosa Flut“ habe ihr moralisches Ansehen rasch eingebüßt.
Drittens: Wirtschaftsversagen. Schwaches Wachstum, hohe Inflation, kaum Jobs. Antworten? Fehlanzeige.
Viertens: Der Bukele-Effekt. El Salvadors Präsident Nayib Bukele hat mit seinem harten Anti-Kriminalitätskurs ein Modell geschaffen, das Millionen Wähler in der Region fasziniert. Für sie zählt vor allem das Ergebnis: Weniger Angst. Weniger Gewalt. Mehr Kontrolle des Staates über die Straße.
Als drei Viertel des Kontinents links regierten
Mit Blick auf das heutige Lateinamerika kann man kaum glauben, dass der Kontinent noch vor wenigen Jahren eine Hochburg der Linken war.
Auf dem Höhepunkt der ersten „Rosa Flut“ Mitte der 2000er standen Venezuela, Argentinien, Brasilien, Chile, Uruguay, Paraguay, Ecuador und Bolivien unter linker Regierung. Drei Viertel der südamerikanischen Bevölkerung. Rund 350 Millionen Menschen.
Den Startschuss gab Hugo Chávez 1998 in Venezuela. Es folgten Lula da Silva in Brasilien (2002), Néstor Kirchner in Argentinien (2003), Evo Morales in Bolivien (2006). Eine Dominowelle.
Motor war der Rohstoffboom. Die Ölpreise sprudelten. Sozialprogramme flossen. Die Armut sank.
Zweimal Aufstieg, zweimal Fall
Dann kam der Kater. 2013 brach der Rohstoffpreis ein. Das Geld versiegte. Die Popularität auch.
Ab 2015 der erste Rechtsruck. Macri in Argentinien, Bolsonaro in Brasilien, Piñera in Chile.
Doch dann folgte eine zweite Runde. Von 2018 bis 2023 kehrten linke Kandidaten zurück. Mexiko, Argentinien, Bolivien, Chile, Kolumbien, Brasilien – wieder links.
Und wieder scheiterten sie. Die zweite Welle hat dieselben Muster von Korruption und Machtmissbrauch wiederholt wie die erste. Diesmal noch schneller.
Ab 2023 kippte das Pendel – weiter nach rechts als je zuvor.
Kolumbien und Peru: Die nächsten Tests
Die Welle rollt weiter. In Kolumbien steht am 21. Juni die Stichwahl an. Der rechte Außenseiter Abelardo de la Espriella holte im ersten Wahlgang 43,7 Prozent. Sein linker Kontrahent Iván Cepeda, Vertrauter von Präsident Gustavo Petro, kam auf 40,9 Prozent. De la Espriella gilt als leichter Favorit.
In Peru ist das Rennen noch offen. Bei der Stichwahl am 7. Juni trennen Fujimori und den Linken Roberto Sánchez 18.832 Stimmen – 0,1 Prozentpunkte. Das endgültige Ergebnis steht noch aus.
Noch links – aber für wie lange?
Nicht der gesamte Subkontinent dreht nach rechts. Brasilien unter Lula, Mexiko unter Claudia Sheinbaum, Uruguay unter Yamandú Orsi und Kolumbien unter Gustavo Petro regieren noch links – Kolumbien allerdings nur bis zur Stichwahl am 21. Juni.
Kuba, Nicaragua und Venezuela bleiben autoritäre linke Sonderfälle – keine freien Wahlen, kein Vergleich mit dem Rest der Region.
Doch Latinobarómetro verzeichnet den höchsten Rechtsmitte-Wert seit zwei Jahrzehnten. Der Trend ist eindeutig. Wähler verzeihen viel. Aber nicht dauerhaft Unsicherheit, Inflation und Kontrollverlust.
Wer Kriminalität nicht bekämpft, verliert. Wer wirtschaftliche Realität durch Ideologie ersetzt, verliert. Wer sich auf alten linken Symbolen ausruht, verliert auf Dauer ebenfalls. Lateinamerika war vor wenigen Jahren noch rot. Jetzt wählen immer mehr Bürger rechts. Ein wichtiger Treiber ist dabei die Wut über das, was ihnen linke Regierungen hinterlassen haben.

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