Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez inszeniert sich als moralischer Sieger. In Barcelona verteidigte er die von seiner Regierung beschlossene Regularisierung hunderttausender illegaler Migranten mit dem Satz: „Spanien ist Tochter der Migration und wird nicht Mutter der Xenophobie sein.“ Zugleich erklärte er, mit dieser Maßnahme auf der „richtigen Seite der Geschichte“ zu stehen. Wer widerspricht, wird damit zumindest indirekt auf die falsche Seite gestellt – politisch, moralisch und menschlich.

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Doch mit dieser Einschätzung steht Sánchez in Spanien ziemlich allein da. Laut der jüngsten SocioMétrica-Umfrage für El Español lehnen 66,7 Prozent der Spanier die Regularisierung ab. Nur 32,6 Prozent unterstützen sie. Noch drastischer ist das Bild bei den 17- bis 25-Jährigen: In dieser Altersgruppe liegt die Ablehnung sogar bei 80,5 Prozent.

Besonders brisant: Der Widerstand kommt nicht nur aus dem rechten Lager. Zwar lehnen 85 Prozent der Wähler der konservativen Volkspartei PP und 97,5 Prozent der Wähler der rechten Vox den Beschluss ab. Aber auch 43,4 Prozent der Wähler nationalistischer und separatistischer Parteien sind dagegen. Und selbst im eigenen Lager bröckelt die Zustimmung: 37 Prozent der Wähler von Sánchez’ sozialistischer PSOE lehnen die Regularisierung ebenfalls ab.

Noch unangenehmer für Sánchez: 72 Prozent der Befragten rechnen mit einem Pull-Faktor, also mit einem zusätzlichen Anreiz für weitere illegale Migration. 70,5 Prozent halten die Sicherheitsgarantien und Filter für unzureichend. Und 73,8 Prozent meinen, die Regierung hätte das Vorhaben zumindest mit der Opposition und den EU-Partnern abstimmen müssen.

Die Umfrage wurde am 19. April veröffentlicht. Befragt wurden 1.712 wahlberechtigte Spanier im Zeitraum 15. bis 18. April.

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Parallel zur politischen Empörung zeigt sich bereits, was die Maßnahme praktisch bedeutet. Laut El País gingen 13.500 Online-Anträge in den ersten Stunden ein. Dazu kamen 19.633 reservierte Vor-Ort-Termine. Die Regierung rechnet mit bis zu 750.000 Anträgen, um letztlich die Lage von rund 500.000 Migranten zu regularisieren.

Für die Abwicklung wurden mehr als 370 Postämter, 60 Sozialversicherungsstellen und 5 Ausländerbehörden eingebunden. AP berichtete zudem bereits über lange Wartezeiten trotz Termin. Reuters und andere Medien hatten schon vor dem Start auf Überlastungsängste in den zuständigen Behörden hingewiesen. Mit anderen Worten: Noch bevor die Maßnahme politisch verdaut ist, ächzt bereits der Apparat.

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Was Sánchez da überhaupt beschlossen hat

In Kraft ist eine außerordentliche Regularisierung für Personen, die vor dem 1. Jänner 2026 nach Spanien gekommen sind, dort mindestens fünf Monate gelebt haben und keine Vorstrafen haben. Wer zugelassen wird, erhält zunächst eine einjährige, verlängerbare Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis. Die Anträge laufen seit 20. April und können bis 30. Juni 2026 gestellt werden. Die Regierung spricht von rund 500.000 Betroffenen, andere Schätzungen liegen höher.

Sánchez verkauft das als ökonomische und humanitäre Notwendigkeit. Spanien brauche Arbeitskräfte, die Bevölkerung altere, viele Betroffene arbeiteten ohnehin bereits im Land. Auch das ist Teil seines Narrativs: nicht Kontrollverlust, sondern „Gerechtigkeit“ und ökonomische Vernunft.

Der eigentliche Skandal

Der eigentliche Skandal ist deshalb nicht nur die Regularisierung selbst. Es ist die politische Methode. Sánchez setzt ein Vorhaben von enormer Tragweite durch, obwohl laut Umfrage eine klare Mehrheit dagegen ist, obwohl selbst ein erheblicher Teil seiner eigenen Wähler skeptisch ist und obwohl schon der Start zeigt, wie groß der administrative Druck wird. Gleichzeitig rahmt er den Widerstand moralisch um: nicht als legitime Sorge um Kontrolle, Sicherheit oder Staatskapazität, sondern als Problem der „Rechten“, „Ultrarechten“ und der Xenophobie.

So macht Sánchez aus einer politischen Streitfrage eine moralische Gesinnungsprobe. Wer widerspricht, erscheint nicht mehr als Bürger mit nachvollziehbaren Sorgen, sondern als jemand, der auf der falschen Seite steht – dummerweise sind das laut Umfrage zwei Drittel der Spanier. Ausgerechnet bei den Jungen, die sonst gern als progressiver Vortrupp gelten, ist der Widerstand besonders groß.