Die Entlassung des bisherigen Verteidigungsministers Mychajlo Fedorow hatte in der Ukraine ungewöhnlich starke Proteste ausgelöst. Tausende Menschen gingen auf die Straße und kritisierten den Schritt des Präsidenten. Fedorow galt als treibende Kraft hinter der Modernisierung der ukrainischen Streitkräfte und als Architekt des erfolgreichen Drohnenkriegs gegen Russland.

Um die Wogen zu glätten, bot Selenskyj seinem langjährigen Weggefährten nun doch eine bedeutende Rolle innerhalb der Regierung an. Gleichzeitig tauschte er den bisherigen Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj aus.

In einer Fernsehansprache betonte Selenskyj, das gemeinsame Ziel bleibe unverändert: Russland militärisch unter Druck zu setzen und so die Voraussetzungen für einen Frieden zu schaffen, berichtet der Kurier.

Vom klassischen Militär zur Hightech-Kriegsführung

Militärexperten sehen in den Personalentscheidungen einen Richtungswechsel. Während Fedorow verstärkt auf Drohnen, Robotik und moderne Technologien setzte, galt Syrskyj als Vertreter klassischer Kriegsführung mit Panzern und schwerer Artillerie.

Der österreichische Militärexperte Markus Reisner verweist darauf, dass Fedorows Strategie darauf ausgerichtet gewesen sei, den hohen Blutzoll der ukrainischen Armee zu reduzieren. Der verstärkte Einsatz unbemannter Systeme sollte Soldaten an der Front ersetzen und Verluste minimieren.

Syrskyj hingegen stand wegen seines Führungsstils zunehmend in der Kritik. Ihm wurde vorgeworfen, zu wenig Rücksicht auf das Leben seiner Soldaten zu nehmen. Zwischen ihm und Fedorow herrschten zuletzt erhebliche Spannungen.

Drapatij übernimmt das Kommando

Neuer Oberbefehlshaber wird nun der 43-jährige Mychajlo Drapatij. Der Berufssoldat kämpft bereits seit 2014 gegen russische Truppen und wurde bekannt, als er mit einem Schützenpanzer eine Barrikade prorussischer Separatisten in Mariupol durchbrach.

Drapatij gilt als moderner Offizier mit hoher Popularität innerhalb der Truppe. Beobachter sehen seine Ernennung als deutliches Signal an jene Kräfte, die Fedorows Reformkurs unterstützen.

Sogar der scheidende Oberbefehlshaber Syrskyj entschuldigte sich in einer Abschiedsbotschaft öffentlich bei Fedorow – ein bemerkenswerter Schritt nach dem jahrelangen Konflikt zwischen den beiden Militärführern.

Reform der Armee als größte Herausforderung

Eine grundlegende Änderung der militärischen Strategie erwarten Experten zunächst jedoch nicht. Drapatijs wichtigste Aufgabe dürfte vielmehr der Umbau der Armee werden.

Bereits als Kommandeur der Landstreitkräfte setzte er sich für flachere Hierarchien, mehr Eigenverantwortung der Offiziere und den Abbau sowjetisch geprägter Führungsstrukturen ein. Gleichzeitig gilt er als Förderer jüngerer Kommandeure und moderner Führungsmethoden.

Trotz technischer Fortschritte steht die Ukraine weiterhin vor ihrer wohl größten Herausforderung: dem Mangel an Soldaten.

Nach viereinhalb Jahren Krieg sinkt die Bereitschaft vieler Ukrainer, freiwillig Militärdienst zu leisten. Immer häufiger kommt es zu Spannungen zwischen Rekrutierungsbehörden und Wehrpflichtigen, während zugleich Beschwerden über gewaltsame Einziehungen zunehmen.

Ob Drapatij diese strukturellen Probleme lösen kann, bleibt offen. Seine Ernennung soll jedoch nicht nur Ruhe in die Militärführung bringen, sondern auch den dringend benötigten Reformprozess beschleunigen – in einer Phase, in der die Ukraine militärisch und gesellschaftlich unter enormem Druck steht.