Frauen aus Gaza brechen ihr Schweigen. Ihre Aussagen zeichnen ein düsteres Bild. Gegenüber Daily Mail, Jusoor News und Associated Press sprechen sie von sexueller Belästigung, sexueller Erpressung und Missbrauch in einer Lage totaler Abhängigkeit. Es geht um Witwen, geschiedene Frauen, Vertriebene und Mütter, die keine Hilfe mehr bekommen und deshalb an jene geraten, die über Lebensmittel, Gutscheine oder Geld entscheiden.
Ein Mann aus Gaza schilderte, wie die Frau eines Freundes einen Kommandeur der Qassam-Brigaden um Hilfe gebeten habe. Statt Hilfe habe er sie ausgenutzt. Der Mann sagte, man habe den Fall überprüft und die Frau schließlich in einem Zelt im Gebiet Gharabli gefunden. Dort, so seine Aussage, hätten mehrere Mitglieder der Qassam-Brigaden die im Krieg vertriebene Witwe missbraucht. Als der Vorfall der Führung gemeldet wurde, habe es nur geheißen, man müsse darüber schweigen.

Ein anderer Mann aus Gaza berichtete von einer ähnlichen Geschichte aus seiner Nachbarschaft. Eine Frau sei von einer Hamas-nahen Wohltätigkeitsorganisation erpresst worden. Von ihr sei verlangt worden, sich für ein Lebensmittelpaket, einen Hilfsgutschein oder 100 Schekel zu prostituieren.
Ein Mann, der nach eigenen Angaben selbst zu den Qassam-Brigaden gehört, bestätigte laut Bericht, dass es solche Vorfälle mit Witwen gebe. Er sagte, einige Mitglieder hätten in einem Zelt in der Gegend von Gharabli die „Frauen von Märtyrern“ ausgenutzt. Auch er habe das der Führung gemeldet. Auch ihm sei gesagt worden, er solle still bleiben.
Hilfe gegen Demütigung
Besonders bedrückend ist die Aussage von Noor, einer geschiedenen Mutter von vier Kindern. Sie lebt nach eigenen Angaben als Vertriebene in Gaza und habe keine Hilfe erhalten, weil sie keinem anerkannten Vertriebenenlager angehöre. Deshalb sei sie zu einer islamischen Wohltätigkeitsorganisation gegangen, die Hilfsgüter an Bedürftige verteilt.
Dort sei sie von einem Mann empfangen worden, der fromm und respektabel gewirkt habe, wie ein Scheich. Er habe ihr Hilfe versprochen. Sie habe ihm erzählt, dass sie von ihrem Mann getrennt sei. Daraufhin habe er gesagt: „Getrennt? Eine so schöne Frau wie Sie?“ Er nahm ihre Telefonnummer. Noor sagte, sie habe gedacht, der Mann wolle ihr wie ein Vater helfen. Stattdessen habe er versucht, sie spätabends per Videoanruf zu erreichen.

Sie schilderte, seine Art zu sprechen habe sich von Anfang an wie Belästigung angefühlt. Sie sei viel jünger gewesen als er. Doch gerade weil er ein älterer Mann gewesen sei, habe sie ihm vertraut. Sie habe in ihm eine Vaterfigur gesehen. Doch er habe sie direkt bedrängt. Als sie ihn fragte, wie er so mit ihr reden könne, und ihm sagte, er solle sich schämen, habe er geantwortet: „Du kannst mich nicht entlarven, ich bin hier die Regierung.“
Noor sagte, viele Frauen würden gezielt ins Visier genommen, weil sie ohne Einkommen, ohne Schutz und ohne Versorger dastehen. Sie seien auf Hilfe angewiesen. Genau diese Not werde ausgenutzt. Viele würden aber schweigen, weil sie Angst hätten.
„Für ein wenig Zucker oder ein Korn Reis“
Auch ältere Frauen aus Gaza schildern laut Jusoor News, wie tief die Verzweiflung reicht. Eine Frau sagte, Wohltätigkeitsorganisationen täuschten Frauen, die verzweifelt seien. Es gehe um Frauen, die für ein wenig Zucker oder ein Korn Reis alles versuchten, um irgendwie an Hilfe zu kommen.
Eine andere Frau schilderte, wie Männer Frauen mit Hilfspaketen locken würden. Ein Mann sage dann etwa: Komm mit, wir haben ein Hilfspaket für dich. Er vertrete eine islamische Organisation, eine politische Bewegung. Dann heiße es laut ihrer Aussage: Wenn du mitkommst und dies oder das tust, bekommst du dies oder das. Gerade Frauen ohne Erfahrung und ohne Schutz würden so in Situationen geraten, in denen sie ausgenutzt werden.
Dieselbe Frau erhob besonders schwere Vorwürfe gegen eine Organisation in Gaza. Dort geschehe dies, so sagte sie, vom Vorsitzenden bis hinunter zum Pförtner. In ihrer Schilderung klang es so, als ziehe sich das Verhalten durch die ganze Struktur der Organisation: sexuelle Belästigung, psychische Misshandlung und Schikanierung junger Frauen.

Eine leere Wohnung statt Hilfe
Auch die Associated Press dokumentierte mehrere ähnliche Fälle. Besonders eindringlich ist der Bericht einer 38-jährigen Frau. Sie hatte sechs Kinder und suchte Hilfe, weil sie nicht mehr weiterwusste. Nach Wochen voller Not sei ihr gesagt worden, ein Mann könne ihr mit Essen, Hilfsgütern und einem Job helfen.
Die Frau war nach eigenen Angaben von ihrem Mann getrennt und hatte ihr Geschäft schließen müssen. Als sie den Mann aufsuchte, habe er sie jedoch in eine leere Wohnung gebracht. Dort habe er ihr Komplimente gemacht und sie aufgefordert, ihr Kopftuch abzunehmen. Er habe ihr gesagt, er liebe sie und werde sie nicht zwingen. Gleichzeitig habe er sie aber nicht gehen lassen. Am Ende sei es zu einer sexuellen Begegnung gekommen. Näher wollte sie das nicht schildern. Sie sagte nur, sie habe Angst und Scham empfunden.
Ihr Satz ist knapp und bedrückend: Sie habe „mitspielen“ müssen, weil sie Angst gehabt habe und nur noch weg wollte. Bevor sie ging, bekam sie 100 Schekel. Zwei Wochen später erhielt sie eine Kiste mit Medikamenten und eine Kiste mit Lebensmitteln. Der versprochene Job kam nie.
Witwen, Geschiedene, Unverheiratete
Der Gazaner Autor Hamza Howidy sagte, Frauen würden jetzt sexuell missbraucht, schlimmer als während des Krieges. Er erklärte, viele Opfer würden niemals öffentlich darüber sprechen, weil die Gesellschaft das als Schande betrachte. Betroffen seien nicht nur Witwen, sondern auch unverheiratete Frauen. Viele müssten Hilfe suchen, nur um ihre Kinder ernähren zu können. Gerade dadurch würden sie verwundbar.
Ein Journalist von Jusoor News, der solche Aussagen aufgezeichnet hat, sprach von vielen Fällen. Nach seiner Darstellung seien diese Vorfälle in verschiedenen Gebieten verbreitet, besonders unter Witwen und geschiedenen Frauen. Diese Frauen hätten keine Unterstützung und kein Einkommen. Ihre Lage verschlechtere sich von Tag zu Tag. Der Journalist sagte, er lebe inzwischen versteckt. Bewaffnete Männer hätten seinen Aufenthaltsort aufgesucht. Wäre er dort gewesen, hätten sie ihn erschossen, sagte er.
Auch Kinderehen nehmen zu
Zu den bedrückenden Entwicklungen in Gaza gehört auch der Anstieg von Kinderehen und Schwangerschaften bei Minderjährigen. Laut einem Bericht des UNFPA wurden allein in vier Monaten des Jahres 2025 mindestens 400 Mädchen im Alter von 14 bis 16 Jahren als verheiratet registriert. Der UNFPA geht davon aus, dass die tatsächliche Zahl deutlich höher sein könnte, weil vieles nicht mehr offiziell registriert wird.
Vor dem Krieg war die Rate von Ehen im Jugendalter laut Bericht zurückgegangen. Nun kehrt sich diese Entwicklung offenbar um. Krieg, Vertreibung, Hunger und der Zusammenbruch normaler Strukturen treffen vor allem die Schwächsten.
Schwere Vorwürfe, große Angst
Die Vorwürfe aus Gaza sind massiv. Sie stammen von Frauen, Zeugen, Journalisten und internationalen Berichten. Immer wieder geht es um dieselben Muster: Frauen suchen Hilfe, Nahrung oder Schutz. Männer mit Macht versprechen Unterstützung. Dann folgen Anspielungen, Druck, Belästigung oder sexuelle Forderungen. Wer sich wehrt oder reden will, stößt laut den Aussagen auf Angst, Schweigen und Einschüchterung.

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