Berlin versprach 80 % Rückkehrer, Wien feierte sich als EU-Vorreiter. Tatsächlich kehrten aus Deutschland nur 6.100 Syrer zurück, aus Österreich 1.200. Und nun stellt Damaskus seit Ende Jänner nicht einmal die nötigen Papiere aus. Außenminister al-Shaibani nennt Syrer im Ausland ein „strategisches Kapital“. Jerusalem hatte gewarnt.

Die UN-Zahlen Anfang Mai sind ein Verdikt.

Seit dem Sturz von Bashar al-Assad Ende 2024 sind 1,63 Millionen syrische Flüchtlinge heimgekehrt. Aus der Türkei knapp 640.000. Aus dem Libanon 630.000. Aus Jordanien 285.000. Anteile zwischen 21 und 43 Prozent der jeweils im Land lebenden Syrer.

Aus Deutschland: 6.100. Bei mehr als 900.000 Syrern im Land ist das ein Anteil von 0,7 Prozent. Aus Österreich: 1.200 Heimkehrer. Bei rund 105.000 Syrern machen sie 1,1 Prozent aus. Deutschland taucht in der UN-Aufstellung nicht einmal eigens auf. Es steht in der Sammelposition „Sonstige Länder”. Österreich auch.

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Das große Versprechen aus Berlin

Im März stand Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) neben dem syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Sharaa und nannte eine Zahl: 80 Prozent der Syrer in Deutschland sollten binnen drei Jahren zurückkehren. Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) versprach eine „Abschiebeoffensive“.

Die Bilanz Ende Mai 2026: vier Abschiebungen. Eine im Dezember 2025. Drei im Januar 2026. Seither: Stillstand.

11.100 Syrer sind in Deutschland ausreisepflichtig. In Hessen sind es 533 – und davon ist keine einzige Person kurzfristig rückführbar. Das sagt der hessische Innenminister Roman Poseck (CDU).

Der Grund: Damaskus stellt seit Ende Jänner keine Passersatzpapiere mehr aus. Kein einziges deutsches Bundesland hat seither welche erhalten. Im ersten Quartal 2026 sank die Zahl der deutschen Abschiebungen insgesamt erstmals seit fünf Jahren.

Merz und al-Sharaa in Berlin: Während Deutschland über Rückführungen spricht, will Syriens neue Führung ihre Diaspora im Ausland nicht als Belastung, sondern als Ressource verstanden wissen.
Merz und al-Sharaa in Berlin: Während Deutschland über Rückführungen spricht, will Syriens neue Führung ihre Diaspora im Ausland nicht als Belastung, sondern als Ressource verstanden wissen.

Das große Versprechen aus Wien

Innenminister Gerhard Karner (ÖVP) war schneller. Einen Tag nach Assads Sturz: Asylstopp für Syrer, 40.000 Statusverfahren in der Prüfung, Familiennachzug ausgesetzt. Im Juli 2025: Österreich schiebt als erstes EU-Land seit mehr 15 Jahren direkt nach Syrien ab.

Eine PR-Sensation. Eine nüchterne Bilanz.

Tatsächliche Zwangsabschiebungen direkt nach Syrien seit dem Assad-Sturz: eine einzige. Ein wegen IS-Mitgliedschaft verurteilter 32-Jähriger.

Er ist seither verschwunden. Letztes Lebenszeichen: Zwischenstopp in Istanbul. Der UN-Ausschuss gegen das Verschwindenlassen verpflichtet Österreich zur Aufklärung. Ein ORF-Report bestätigt im März: Der Mann sitzt seit der Ankunft in syrischer Haft. Die zweite geplante Abschiebung stoppt der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) im August 2025 per einstweiliger Anordnung.

Karners „Vorreiterrolle“ reduziert sich damit auf: eine Abschiebung, ein Verschwundener, ein UN-Verfahren gegen Österreich, ein EGMR-Stopp.

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Was Damaskus wirklich will

Wie kommt es, dass Berlin und Wien parallel feststecken?

Syriens Außenminister Asaad Hassan al-Shaibani hat es Anfang April auf X klar gemacht. In einem neunteiligen Thread bezeichnete er die Syrer im Ausland als „strategisches nationales Kapital“ – nicht als Last, sondern als Wert. Man lehne „jeden Versuch einer Zwangsabschiebung kategorisch ab“.

Die Auslandssyrer seien zentral für den Wiederaufbau – als Quelle von Geldüberweisungen, als Brücke zu Partnerschaften, als politisches Kapital.

Übersetzt: Damaskus will die Diaspora gar nicht zurück. Sie ist wertvoller im Ausland.

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Der Skandal hinter dem Skandal

Damaskus erpresst nicht offen. Das wäre plump. Damaskus nutzt etwas Stärkeres: passive Nicht-Kooperation. Keine Papiere für Berlin. Kein Entgegenkommen für Wien.

Der eigentliche Skandal: Berlin und Wien haben dafür schon bezahlt. Im Voraus.

  • Die EU hob 2025 alle Wirtschaftssanktionen gegen Syrien auf.
  • Der UN-Sicherheitsrat strich im November 2025 al-Sharaas Namen von der Sanktionsliste.
  • Die USA setzten Teile des Caesar Act aus.
  • Berlin und Wien sagten Wiederaufbauhilfen zu.

Damaskus bekam alles. Berlin und Wien bekamen eine Hoffnung.

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Das Lehrbuch heißt Tamkin

Für das, was Berlin und Wien gerade erleben, gibt es einen Begriff. Israelische Sicherheitsanalysten nennen ihn tamkin.

Tamkin ist ein Konzept der dschihadistischen Strategielehre. In der Phase der Schwäche werden taktische Konzessionen gemacht, um Anerkennung, Mittel und Bewegungsspielraum zu sichern. Sobald die Stärke aufgebaut ist, folgt die zweite Phase – Aggression. Oder, in der diplomatischen Variante: Verweigerung.

„Wenn man mit Islamisten verhandelt, ohne ihr strategisches Denken zu verstehen, sollte man es lieber ganz bleiben lassen“, warnte ein israelischer Analyst Ende 2025 in Israel Hayom.

Übertragen auf Berlin und Wien heißt das: Beide Hauptstädte haben al-Sharaa genau in seiner verwundbarsten Phase – unmittelbar nach dem Sturz Assads, ohne Anerkennung, ohne Geld, ohne Sanktionsentlastung – die volle Aufwertung geliefert und Wiederaufbauhilfen zugesagt.

Jetzt, da al-Sharaa stabilisiert ist, kassieren Berlin und Wien die zweite Phase: keine Kooperation, keine Papiere, keine Rückführungen.

Es gehört zu den Grundregeln internationaler Verhandlungsführung, dass Konzessionen gegen verbindliche Gegenleistungen getauscht werden – nicht vorab und nicht auf Versprechen. Beides ist in den Beziehungen zu Damaskus passiert. Diplomatisch ausgedrückt: Berlin und Wien haben ihre stärksten Karten gespielt, ohne den Pot zu bekommen.

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Jerusalem warnte. In Washington warnten Sicherheitsexperten. Der eigene Außenminister auch.

Diese Einschätzung ist keine Außenseiter-Position. In Washington kam die Mahnung allerdings nicht aus dem Weißen Haus, sondern aus der Sicherheits-Community. David Adesnik, Vize-Forschungschef der Washingtoner Foundation for Defense of Democracies, schrieb schon im Mai 2025: Konzessionen zu machen, bevor die Verhandlungen überhaupt begonnen haben, ist nicht der übliche Weg, einen guten Deal zu bekommen.

Sein Kollege Ahmad Sharawi forderte einen „Snapback-Mechanismus”: Sanktionen automatisch zurück, wenn Damaskus nicht liefert. Berlin und Wien haben das nicht eingebaut.

In Israel sind es nicht nur Think Tanks, sondern die Regierungsspitze selbst. Premier Benjamin Netanyahu nannte al-Sharaa nach dessen Washington-Besuch laut dem Sender Kan „aufgeblasen“ – und benutzte demonstrativ dessen Kampfnamen al-Jolani. Der Atlantic Council fasste zusammen: Jerusalem sorge sich „über die Gefahren einer verfrühten Normalisierung“.

Selbst der deutsche Außenminister Johann Wadephul (CDU) bremste im Herbst 2025 nach einem Damaskus-Besuch die Erwartungen und löste damit in seiner eigenen Fraktion einen Aufruhr aus: Syrien sei „völlig zerbombt“, eine schnelle Rückkehr unrealistisch. Sein Kanzler ignorierte ihn.

Der 8.000-Euro-Notausgang

Was die Diplomatie nicht schafft, soll jetzt Geld richten. Focus meldete am 21. Mai: Dobrindts Ministerium prüft, die freiwillige Rückkehrprämie für Syrer von 1.000 auf 8.000 Euro pro Person anzuheben. Hessens Poseck hält sogar fünfstellige Beträge für ökonomisch sinnvoll. Österreich begnügt sich mit 1.000 Euro aus der Nehammer-Ära – mit kaum mehr Erfolg als Berlin.

Das Fazit, das niemand aussprechen will

Berlin hat einen ehemaligen Dschihadisten zum Staatsmann erhoben – in der stillen Erwartung einer Rückkehrpipeline. Beide Hauptstädte – Berlin und Wien – haben die Sanktionsarchitektur eingerissen, die ihre Forderungen hätte durchsetzen können. Beide haben ihre innenpolitische Glaubwürdigkeit an Quoten gebunden, die die Gegenseite öffentlich für null erklärt.

1,63 Millionen Syrer kehren heim. Aus Deutschland 6.100. Aus Österreich 1.200.

Während Berlin über 8.000 Euro pro Kopf nachdenkt, lautet die Antwort aus Damaskus weiterhin – freundlich, in würdevollem Diplomatendeutsch: Behaltet sie. Sie sind unser strategisches Kapital.