In Österreich werden immer weniger Babys geboren. Das neue „Geburtenbarometer“ der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) warnt: Dieser Trend wird sich fortsetzen – die Geburtenrate wird in den kommenden Jahren weiterhin sinken. Dabei liegt das Problem nicht so sehr an der sinkenden Geburtenrate, also der durchschnittlichen Kinderanzahl pro Österreicherin. Diese lag schon im Jahr 1950 bei 2,02 pro Frau, wie eine Grafik des ÖAW zeigt. Das heißt: Schon in den 1950er Jahren lag die Geburtenrate unter 2,1 – der Wert, bei dem eine Bevölkerung ohne Zuwanderung stabil bleibt. 2025 lag die Geburtenraten bei 1,29 Kindern pro Frau.
Fast jede 5. Frau will kinderlos bleiben
Was sich jedoch in den massiv verändert hat, laut ÖAW: Das Verschwinden des Kinderwunsches. Derzeit wollen 18 Prozent der 20- bis 29-jährigen Frauen kinderlos bleiben. Im Jahr 2021 plante fast jede fünfte Frau im Alter von 20 bis 40 Jahren kinderlos zu bleiben. Mitte der 1980er-Jahre lag dieser Anteil noch bei nur sechs Prozent. „Da ein Teil der Frauen ungewollt kinderlos bleibt, etwa aus gesundheitlichen Gründen, ist anzunehmen, dass die Kinderlosigkeit in Zukunft noch höher sein wird“, erklärt ÖAW-Demographin und Co-Autorin Caroline Berghammer.
Gründe für Kinderlosigkeit
Gründe für den Anstieg seien unter anderem Angst vor einem Klimawandel, die COVID-19-Pandemie und steigende Lebenshaltungskosten. Zunehmende Unsicherheit über die Zukunft könnte dazu geführt haben, dass sich immer mehr Menschen gegen Kinder entscheiden.

Weniger Kinder erwünscht
Auch die durchschnittlich gewünschte Kinderzahl ist gesunken und liegt mittlerweile bei unter zwei Kindern pro Frau. 2021 wünschten sich Frauen im Alter von 30 bis 39 Jahren durchschnittlich 1,6 Kinder. 2012 waren es noch 1,8 und 1986 sogar 2,1.
Verschoben hat sich auch das durchschnittliche Alter bei der Geburt eines Kindes. 2024 betrug es 34,2 Jahre bei Männern und 31,2 Jahre bei Frauen. In den frühen 1970er Jahren waren es noch 26 Jahre bei Frauen und ungefähr 28 bei Männern.
Weltweit werden zu wenig Kinder geboren
Am Montag erschien ein Artikel der britischen Tageszeitung Financial Times, der sich eingehend mit den Gründen für den weltweiten demografischen Kollaps auseinandersetzt.
In mehr als zwei Dritteln der 195 Länder der Welt liegt die Geburtenrate unter 2,1 Kindern pro Frau, heißt es in dem Artikel der Financial Times (FT). In 66 Ländern liegt der Durchschnitt näher bei eins als bei zwei. In manchen Ländern ist die häufigste Kinderzahl pro Frau: null.

Nicht mehr nur ein Problem reicher Länder
Lange galt der demographische Rückgang als Problem wohlhabender Staaten. Das hat sich geändert. 2023 fiel Mexikos Geburtenrate erstmals unter jene der USA – und auch Brasilien, Tunesien, Iran und Sri Lanka folgten. Entwicklungsländer werden alt, bevor sie reich werden.
Die Folgen sind gravierend: Eine schrumpfende Erwerbsbevölkerung bremst Wachstum und Produktivität. Japans wirtschaftliche Stagnation seit den 1990er-Jahren lässt sich laut Experten fast vollständig auf niedrige Geburtenraten zurückführen. Dazu kommen explodierende Ausgaben für Pensionen und Pflege – auf Kosten von Investitionen in Infrastruktur.
„Der Geburtenrückgang ist die große Frage unserer Zeit”, sagt Jesús Fernández-Villaverde, Wirtschaftsprofessor an der University of Pennsylvania, gegenüber der FT. „Alles andere ist nachgelagert.”
Weniger Paare – nicht weniger Kinder pro Paar
In früheren Jahrzehnten sank die Geburtenrate, weil Paare weniger Kinder bekamen. Heute ist der Hauptgrund ein anderer: Es gibt einfach weniger Paare. Wären die amerikanischen Heirats- und Partnerschaftsraten der letzten zehn Jahre konstant geblieben, wäre die Geburtenrate heute höher als vor zehn Jahren.
Der Rückgang trifft dabei vor allem die Schwächsten: Der Anteil kinderloser Frauen ist bei jenen mit niedrigem Bildungsniveau und geringem Einkommen besonders stark gestiegen. Bei Hochschulabsolventen hingegen sind Partnerschaft und Familiengründung stabil – oder sogar leicht steigend.
Auch staatliche Eingriffe haben wenig gebracht. Seit den 1980er-Jahren haben reiche Länder ihre Pro-Kopf-Ausgaben für Kindergeld, geförderte Kinderbetreuung und Elternkarenz real verdreifacht – die Geburtenrate sank trotzdem von 1,85 auf 1,53 Kinder pro Frau.
Das Smartphone als Hauptverdächtiger
Forscher der University of Cincinnati haben einen brisanten Zusammenhang entdeckt: Die Geburtenrate sank zuerst und am stärksten in jenen Regionen, die am frühesten Zugang zu schnellem mobilem Internet bekamen. Und der Zeitpunkt des Einbruchs in verschiedenen Ländern korreliert auffällig mit der Massenverbreitung von Smartphones:
- USA, Großbritannien, Australien: Rückgang ab 2007
- Frankreich, Polen: ab 2009
- Mexiko, Marokko, Indonesien: ab 2012
- Ghana, Nigeria, Senegal: ab 2013–2015

In jedem dieser Länder fiel die Geburtenrate kurz nach der Einführung von Smartphones – unabhängig vom vorherigen Trend. Je jünger die Altersgruppe, desto ausgeprägter der Einbruch.
Die Erklärung: Smartphones haben die Art verändert, wie junge Menschen Zeit miteinander verbringen – persönliche Treffen wurden drastisch reduziert. In Südkorea hat sich das persönliche Sozialleben junger Erwachsener in 20 Jahren halbiert.
Der Demograf Lyman Stone erklärt gegenüber der FT: „Um jemanden zu finden, den man heiraten will, muss man viele Menschen kennenlernen“. Wenn man viel weniger soziale Kontakte habe, dauert es viel länger, jemanden zu finden. Und weiter: „Wenn man Zeit auf Instagram verbringt, orientieren sich die eigenen Vorstellungen an einem künstlichen Bild der Realität.”
Dazu kommt: Unter Paaren ist sexuelle Dysfunktion bei jungen Erwachsenen mit intensiver Social-Media-Nutzung besonders verbreitet.
Was tun?
Einfache Lösungen gibt es nicht – das Smartphone lässt sich nicht wieder ausladen. Experten empfehlen:
- Sichere und leistbare Wohnungen für junge Paare – laut Analysen erklärt sinkende Wohneigentumsquote bis zur Hälfte des Geburtenrückgangs in manchen Ländern
- Großzügige Geburtenprämien – aber nur wenn wirklich substanziell
- Regulierung von Social Media und digitalen Gewohnheiten
Der eigentliche Kern des Problems aber ist ein anderer: Der Geburtenrückgang ist Teil eines größeren Phänomens – Einsamkeit, Isolation und sinkendes Wohlbefinden einer ganzen Generation.

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