Spanien hat eines der größten Legalisierungsprogramme für illegale Migranten in Europa gestartet. Doch die Dimension ist deutlich größer als erwartet.

Die Regierung von Pedro Sánchez hatte ursprünglich von rund 500.000 Betroffenen gesprochen. Später rechnete das Migrationsministerium mit bis zu 750.000 Anträgen. Am Ende wurden es 1.174.978 Anträge.

Damit wurde selbst die höhere Verwaltungsschätzung weit übertroffen. Die ursprüngliche politische Zahl wurde mehr als verdoppelt.

Fast 1,2 Millionen Anträge

Das Sonderverfahren lief vom 16. April bis 30. Juni 2026. Beantragen konnten es illegale Migranten und bestimmte Asylwerber, die bereits in Spanien lebten.

Voraussetzung war unter anderem: Aufenthalt in Spanien vor dem 1. Jänner 2026, mindestens fünf Monate ununterbrochener Aufenthalt, keine Vorstrafen und keine Gefahr für öffentliche Ordnung oder Sicherheit.

Es geht nicht um Staatsbürgerschaft. Die endgültige Bewilligung bringt zunächst eine einjährige Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis in Spanien.

Doch schon der Bearbeitungsstand zeigt, wie groß die Aufgabe ist. Nach Angaben des Migrationsministeriums sind 608.781 Anträge bereits in Bearbeitung. Das entspricht rund 52 Prozent. Rund eine halbe Million Antragsteller haben demnach bereits vorläufige Mitteilungen erhalten, die ihnen Aufenthalt und Arbeit in Spanien ermöglichen.

Endgültig positiv entschieden sind bisher aber erst rund 11.000 Fälle. Die Behörden haben grundsätzlich drei Monate Zeit, die Anträge zu prüfen.

Kolumbien, Marokko, Venezuela, Peru

Die meisten Antragsteller kommen laut spanischen Regierungsdaten aus Mittel- und Südamerika. Besonders stark vertreten sind Menschen aus Kolumbien. Sie stellen 25,9 Prozent der Anträge. Danach folgen Marokko mit 13,3 Prozent, Venezuela mit 11,8 Prozent, Peru mit 8,8 Prozent und Honduras mit 4,9 Prozent.

Auch innerhalb Spaniens konzentrieren sich die Anträge auf wenige Regionen. Die meisten wurden in Katalonien gestellt: 257.602. Danach folgen Madrid mit 202.424, die Region Valencia mit 167.286 und Andalusien mit 161.557.

Damit trifft die Regularisierung vor allem jene Landesteile, in denen Integrations-, Wohnungs- und Verwaltungsfragen ohnehin besonders angespannt sind.

Die Regierung wertet die hohe Zahl dennoch als Erfolg. Migrationsministerin Elma Saiz sprach von einem erfolgreichen Verfahren und einem Meilenstein der spanischen Migrationspolitik.

Unterstützung kommt von humanitären Organisationen, Gewerkschaften, Teilen der Wirtschaft und auch der Kirche.

Volksinitiative, dann Dekret

Das Verfahren hat eine längere Vorgeschichte.

Es geht auf eine Volksinitiative zurück, die von mehr als 600.000 Unterschriften getragen wurde. Im spanischen Parlament kam es aber zu keiner Einigung. Am Ende setzte die Regierung die Regularisierung über ein Real Decreto um.

Das erklärt den politischen Streit um den Weg der Umsetzung. Für die Regierung ist es eine Antwort auf eine blockierte, aber gesellschaftlich breit getragene Initiative. Für die Opposition ist es eine Maßnahme von enormer Tragweite, die nicht ausreichend parlamentarisch abgesichert wurde.

Sánchez sieht wirtschaftliche Notwendigkeit

Premierminister Pedro Sánchez verteidigt den Schritt mit wirtschaftlichen und demografischen Argumenten. Spanien altert, viele Regionen verlieren Bevölkerung, in mehreren Branchen fehlen Arbeitskräfte.

Sánchez sagt: Ohne Migration würde Spanien bis 2050 19 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts verlieren, bis 2075 sogar 22 Prozent. Auch Pensionen, Landwirtschaft, Gastronomie und Pflege seien auf Zuwanderung angewiesen.

Die Logik der Regierung: Menschen, die ohnehin im Land leben und oft schwarz arbeiten, sollen aus der Illegalität geholt werden. Sie sollen legal arbeiten, Steuern zahlen und Sozialversicherungsbeiträge leisten.

Zusätzlich kündigte Sánchez einen Integrationsplan von mehr als 500 Millionen Euro an. Vorgesehen sind unter anderem Sprachkurse, berufliche Ausbildung, Arbeitsmarktprogramme und Unterstützung für öffentliche Dienste.

Doch genau hier setzt die Kritik an.

Der Schengen-Effekt

Denn Spaniens Entscheidung bleibt nicht rein spanisch. Während des laufenden Verfahrens gilt die vorläufige Erlaubnis nur in Spanien. Wer aber am Ende einen regulären spanischen Aufenthaltstitel erhält, kann sich grundsätzlich bis zu 90 Tage innerhalb von 180 Tagen in anderen Schengen-Staaten aufhalten.

Das bedeutet nicht: automatische Niederlassung in anderen EU-Staaten. Aber es bedeutet: Ein spanischer Aufenthaltstitel öffnet die Tür für Kurzaufenthalte im übrigen Schengenraum. Genau deshalb wird aus einer spanischen Innenpolitikfrage eine europäische Streitfrage.

„Das betrifft uns alle“

Beim Europäischen Rat in Brüssel wurde Sánchez deshalb von mehreren Regierungschefs kritisiert. Italiens Premierministerin Giorgia Meloni hielt Sánchez vor: „Das betrifft uns alle.“

Auch andere EU-Staaten warnten vor einem problematischen Signal. Der Vorwurf: Wer irregulär nach Europa kommt und nur lange genug bleibt, kann später auf eine Regularisierung hoffen.

Spanien entscheidet national. Doch Schengen ist gemeinsam.

Das Europäische Parlament setzte die spanische Regularisierung bereits im Februar auf die Tagesordnung – ausdrücklich wegen möglicher Auswirkungen auf Schengen und die EU-Migrationsregeln.

Die EU-Kommission betont zwar: Regularisierungen sind grundsätzlich nationale Kompetenz. Gleichzeitig müsse aber die Integrität des Schengenraums gewahrt bleiben.

Frankreichs Konservative drohen mit Grenzkontrollen

Besonders scharf reagierte der französische Rechtskonservative Bruno Retailleau. Er sagte: „Eine solche massive Regularisierung können wir nicht tolerieren.“ Für den Fall eines Wahlsiegs 2027 kündigte Retailleau an, Grenzkontrollen zu Spanien wieder einzuführen.

Damit wird die Regularisierung zum Symbol einer größeren europäischen Frage: Darf ein Staat Hunderttausende illegale Migranten legalisieren, wenn der Aufenthaltstitel anschließend zumindest Kurzaufenthalte im ganzen Schengenraum ermöglicht?

Oder anders gesagt: Darf Spanien entscheiden – und der Rest Europas muss die Nebenfolgen akzeptieren?

Oberster Gerichtshof prüft Schengen-Folgen

Auch juristisch ist der Fall nicht erledigt. Spaniens Oberster Gerichtshof, der Tribunal Supremo, prüft auf Klagen der Regionen Valencia und Aragón hin, ob die Regularisierung mit EU-Recht kollidiert. Die Richter haben den Parteien fünf Tage Frist gesetzt, um sich zu einer möglichen Vorlage an den Europäischen Gerichtshof zu äußern.

Brisant: Der Supremo greift genau den Punkt auf, der die Debatte politisch explosiv macht. Die Richter fragen, ob es mit dem Schengen-Abkommen vereinbar ist, wenn ein Mitgliedstaat eine derart massive Regularisierung ohne Abstimmung mit den anderen Staaten beschließt – schließlich erhält, wer einen spanischen Aufenthaltstitel bekommt, automatisch das Recht auf 90-Tage-Aufenthalte im gesamten Schengenraum.

Zudem verweist das Gericht auf die EU-Rückführungsrichtlinie, die eigentlich Rückkehrentscheidungen für irregulär aufhältige Drittstaatsangehörige vorsieht – Spanien geht den umgekehrten Weg.

Eine automatische Aussetzung bedeutet die mögliche EuGH-Vorlage nicht. Aber die Schengen-Frage kommt damit nicht mehr nur von Kritikern – sie steht jetzt im Zentrum der Prüfung durch Spaniens Höchstgericht.

Vox warnt vor „Transformation Spaniens“

In Spanien selbst kommt die härteste Kritik von rechts. Vox spricht von einer „demografischen, sozialen, arbeitsmarktpolitischen und wahlpolitischen Transformation Spaniens“. Parteisprecher José Antonio Fúster erklärte, die Spanier hätten ein Recht zu wissen, wer einreist, wer bleibt, wer arbeitet, wer Hilfen erhält und wer am Ende Aufenthaltsrechte bekommt.

Vox wirft der Regierung außerdem mangelnde Transparenz vor. Es sei unklar, wie viele Anträge tatsächlich genehmigt würden, welche Kontrollen angewendet würden und welche Folgen über Familiennachzug später entstehen könnten.

Besonders scharf ist der Vorwurf, die Regierung wolle damit auch die politische Zusammensetzung Spaniens langfristig verändern.

PP: „Inhuman, ungerecht, unsicher, untragbar“

Auch die konservative Volkspartei PP attackiert Sánchez frontal. Parteichef Alberto Núñez Feijóo nannte die Regularisierung bereits im April „inhuman, ungerecht, unsicher und untragbar“. Später sagte er, die Regierung handle „ohne Konsens, einseitig, gegen europäisches Recht“.

Der PP kritisiert auch den Weg der Umsetzung. Die Regularisierung wurde nicht als großes Parlamentsgesetz beschlossen, sondern über eine Änderung des Ausländerrechts per Dekret bzw. Verordnung umgesetzt.

Für die Opposition ist das ein zentraler Angriffspunkt: Eine Maßnahme dieser Größenordnung hätte nicht auf diesem Weg durchgezogen werden dürfen.

Im März unterstützte eine Mehrheit im spanischen Kongress eine Initiative, die Regierung zum Stopp der Regularisierung aufzufordern. Neben PP und Vox stimmten auch Junts und UPN dafür.

Junts warnt vor kommunalem Kollaps

Bemerkenswert ist: Die Kritik kommt nicht nur von PP und Vox. Auch die katalanische Partei Junts stellt sich gegen den Prozess. Sie kritisiert einerseits, dass Katalanisch beim Verfahren nicht ausreichend berücksichtigt werde. Andererseits warnt sie vor einer Überlastung der Gemeinden.

Junts spricht von einem drohenden Kollaps kommunaler Dienste in Katalonien. Die Gemeinden müssten viele Nachweise und Verfahren praktisch mittragen, ohne dafür ausreichend Personal und Ressourcen zu bekommen.

Junts-Sprecherin Míriam Nogueras erklärte, ein solcher Prozess könne nicht „ohne Kontrolle, ohne Strenge und ohne Ressourcen“ stattfinden.

Das ist für Sánchez besonders unangenehm. Die Kritik kommt damit auch aus einem katalanischen Lager, auf dessen Stimmen seine Regierung immer wieder angewiesen ist.

Regierung nennt es Ordnung statt Kontrollverlust

Die Regierung bleibt dennoch bei ihrer Linie. Sie sagt: Die Antragsteller leben bereits in Spanien. Es gehe nicht darum, neue illegale Migration zu belohnen. Es gehe darum, bestehende Realität zu ordnen.

Viele Migranten arbeiteten bereits in Pflege, Landwirtschaft, Gastronomie, Haushalt oder Bauwirtschaft. Mit legalem Status sollen sie sichtbar, kontrollierbar und beitragspflichtig werden. Auch Teile der Wirtschaft teilen diese Sicht. Der spanische Arbeitgeberverband verweist seit Monaten auf den Arbeitskräftemangel.

Die ersten Daten zeigen, wo viele Betroffene arbeiten: Besonders stark vertreten sind Gastronomie, Handel, Verwaltung und Bau. Nach Angaben des Ministeriums waren zum 30. Juni bereits mehr als 159.000 zusätzliche Sozialversicherungsanmeldungen mit dem Verfahren verbunden.

Doch politisch bleibt die Zahl explosiv. Die Regierung wollte rund 500.000 Migranten regularisieren. Jetzt liegen 1.174.978 Anträge vor. Für Sánchez ist das der Beweis, dass die Maßnahme notwendig war. Für seine Kritiker ist es der Beweis, dass Spanien die Kontrolle verloren hat.