Denn was jahrzehntelang undenkbar schien, wird plötzlich zum realen Macht-Szenario – auch wenn die Landtagswahl erst in nicht ganz zwei Jahren steigt: Eine Koalition aus FPÖ und SPÖ könnte der ÖVP erstmals ernsthaft gefährlich werden. Die Strategen der Fraktionen haben längst begonnen, sich mit diesem Ereignis ernsthaft auseinanderzusetzen.

ÖVP spürt den Atem der Freiheitlichen im Genick

Die Ausgangslage hat sich allerdings grundlegend verändert. Für die in Niederösterreich einst so stolze Volkspartei dürfte die Verteidigung von Platz eins alles andere als ein Selbstläufer werden. 2023 verlor die ÖVP die absolute Mehrheit, lag aber noch immer fast 16 Prozentpunkte vor der FPÖ. In aktuellen Umfragen schrumpft der einst komfortable Vorsprung der Volkspartei allerdings dramatisch – auf nur noch wenige Prozentpunkte.

Kommt Blau-Rot?

Das sorgt in der ÖVP-Zentrale für Alarmstimmung. Denn neben dem Aufstieg von Udo Landbauer wächst vor allem die Sorge vor einem politischen Pakt zwischen Blau und Rot. Besonders brisant: SPÖ-Landeschef Sven Hergovich sitzt nach parteiinternen Machtkämpfen nun fester denn je im Sattel – und gilt als möglicher Schlüsselspieler für ein völlig neues Machtbündnis. Viel zu tun also für VP-Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner.

Steherqualitäten

Aber auch sie verfügt über Kämpferqualitäten – vor allem, was internen Widerstand gegen die Politikerin nach der letzten Landtagswahl angeht. Hinter den Kulissen soll es seit 2023 einige Ansätze einer Palastrevolution gegeben haben. Mikl-Leitner schaffte es aber, alle dieser kleinen Flammen zu ersticken.

Für die ÖVP soll es ernst werden

Jedenfalls: Sollte Blau-Rot tatsächlich zusammenfinden, könnte das politische Erdbeben perfekt sein – und die jahrzehntelange Dominanz von Mikl-Leitner und ihrer ÖVP in Niederösterreich, das „das schwarze Kernland“ schlechthin, plötzlich Geschichte. In aktuellen Umfragen stehe es jedenfalls „Spitz auf Knopf“, wie Meinungsforscher Christoph Haselmayer, Gründer des IFDD, im Kurier meint.

Der einstige Gigant wackelt

Wäre eine Koalition aus FPÖ und SPÖ gegen eine Volkspartei, die das Land seit Jahrzehnten dominiert, tatsächlich denkbar? Die ÖVP hatte seit 1955 die absolute Mehrheit ganze 13 Mal inne. Dem politischen Mitbewerb ist das bewusst. „Wenn du nach so vielen Jahren die Chance bekommen würdest, das Land komplett zu verändern, dann musst du sie auch nutzen. Strategisch macht das absolut Sinn“, so Haselmayer. Die Volkspartei probiert nun, verstärkt Kante zu zeigen – etwa im Streit mit Wien um die Gastpatienten. „Die ÖVP hat in den vergangenen Monaten bewiesen, dass sie noch immer kampagnisieren kann und damit auch bei den eigenen Funktionären Punkte gesammelt.“

FPÖ als „fast fehlerfreier“ Partner gefährlich

Bei der SPÖ wollte Staatssekretärin Ulrike Königsberger-Ludwig Landesparteichef Sven Hergovich stürzen. Das ging schief. Hergovich, der auch von der Gewerkschaft gestützt wurde, sitzt fester denn je im Sattel. „ Die Reihen innerhalb der SPÖ sind nun deutlich geschlossener als zuvor“, sagt Haselmayer. Die FPÖ wiederum regiere in ihrem Arbeitsübereinkommen mit der ÖVP derzeit fast „fehlerfrei“ mit. Laut Haselmayer spiele sie ihre Kernthemen – vor allem Asyl und Sicherheit – geschickt aus. Aktuell ist das etwa mit dem scharfen Integrationsindex der FPÖ sichtbar. Dafür halten sich die Freiheitlichen bei heiklen Themen, wie dem der Gastpatienten, zurück.

Kleinere Brötchen bei Grünen und Neos

Die Grünen rund um Helga Krismer profitieren derzeit vom Bundestrend, weil dort Oppositionspolitik betrieben wird. „Mit eigenen Themen fallen sie in Niederösterreich derzeit allerdings weniger auf“, so Haselmayer. Die Neos wiederum, die bei der kommenden Wahl 2028 erstmals Klubstatus erreichen wollen, sorgten zuletzt mit ihrem Vorschlag von Gemeindezusammenlegungen für Diskussionen.